Virtuoser jongliert keine andere Krimiserie unserer Tage mit verschiedenen Erzählzeitebenen: „True Detective“, Teil drei, von Nic Pizzolatto, mit Mahershala Ali.
Ein Kaff im Nordwesten von Arkansas, wir schreiben das Jahr 1980. Zwei kleine Geschwister sind abgängig, ihre Spuren verlaufen sich zunächst im Wald. Den Buben findet Detective Wayne Hays, im Vietnamkrieg geeichter Späher und Fährtenleser, am nächsten Tag tot auf. Das Mädchen, Julie Purcell, bleibt in den Weiten des Ozark-Plateaus verschwunden. Die Eltern verzweifeln, am Verlust und aneinander. Im Zuge der Befragungen lernt Hays seine spätere Ehefrau Amelia kennen, sie ist Lehrerin an der Schule der Kinder. Nach zähen Ermittlungen wird ein üblicher Verdächtiger so lange drangsaliert, bis er die Nerven verliert. Hays glaubt nicht, was der Bürgermeister und sein Chef glauben wollen, dass nämlich der Fall damit gelöst sei, und wird deshalb in die Pressestelle versetzt. Case closed.
Zehn Jahre später bringt ein Lebenszeichen der totgeglaubten Julie die Ermittlungen wieder ins Rollen. Amelia Hays zehrt immer noch von dem True-Crime-Bestseller, den sie dank der Informationen ihres Mannes und eigener Recherchen damals publizieren konnte. Wayne Hays, der mit Amelia mittlerweile selbst Kinder hat, und sein Partner Roland West, inzwischen zum Lieutenant aufgestiegen, dürfen lose Enden wieder aufgreifen, finden neue Indizien, befragen in den Fall Involvierte, kommen den Tätern sogar ziemlich nahe. Doch dann bringen sie sich durch eine dienstvorschriftswidrige Handlung samt fataler Konsequenz um den Lohn ihrer Arbeit. Hays quittiert den Dienst. Case closed again.
25 Jahre später, im Jahr 2015, leidet der pensionierte Wachmann Wayne Hays, nun ein ergrauter und wackeliger Witwer, an Anflügen von Demenz. Immer wieder muss sein Sohn ihn abholen, wenn ihm der Faden gerissen ist und er weder weiß, wo er gerade hingefahren ist, noch was er machen wollte. Wildfremde junge Frauen spricht er plötzlich als seine Tochter an. Die Aussetzer halten ihn freilich nur punktuell davon ab, den Fall seines Lebens im Kopf am Köcheln zu halten, oder besser: davon heimgesucht zu werden. Befeuert wird seine offenbar löchrige Erinnerung durch eine ehrgeizige Journalistin, die ihn zu einem True-Crime-TV-Interview überredet hat. Schließlich schafft er es, seinen vereinsamten Ex-Partner Roland noch einmal zu privaten Ermittlungsausflügen zu motivieren.
Die dritte Season der HBO-Serie True Detective erzählt, im Wesentlichen parallel auf diesen drei Zeitebenen, den Fall der vermissten Julie Purcell. Und sie zeichnet detailliert das von diesem Fall geprägte Leben ihrer Titelhelden. Während die drei Erzählzeiten in allen acht Episoden kunstvoll ineinander verschachtelt sind – so manche Cliffhanger-Effekte sind dabei erwünscht und unzufällig –, wird die jeweilige Geschichte innerhalb der Schachteln chronologisch freigelegt. So diffundieren narrative Elemente gewissermaßen von der einen Ebene in die andere, wirken von der einen in die andere hinüber, ohne eine definitive Lösung des Falls vorwegzunehmen. Entscheidend dabei: Durch diese Erzählstrategie entfallen die handelsüblichen Täuschungsmanöver, mit denen man die Seher konventioneller Krimis an der Nase herumzuführen pflegt. Das Geschehen erweist sich, auch von hinten gelesen, fast durchgängig als handlungslogisch in den jeweils präsenten Figuren angelegt, auch wenn so mancher Beteiligte länger im Verborgenen bleibt. Wir haben es mit dem exemplarischen Fall eines „character driven drama“ zu tun, dessen Erzählstrategie (die nebenbei von der Maske selten eindrucksvoll unterstützt wird) vor allem dafür sorgt, dem Publikum ein äußerst plastisches Bild der Hauptfiguren vor Augen zu führen.
Im Gegensatz zu den vorigen Ausgaben der Anthologie-Serie True Detective steht in Teil drei einer der Polizisten deutlicher im Fokus als der andere bzw. die anderen. Beglaubigt durch die Starpower des Oscar-Preisträgers Mahershala Ali, vielmehr jedoch überzeugt von dessen überragender Schauspielkunst, sind wir dazu angetan, über weite Strecken die Perspektive von Detective Wayne Hays einzunehmen, welcher von Partner Roland West (Stephen Dorff lässt sich zum Glück nicht an die Wand spielen) zärtlich grob „Purple“ genannt wird. Dazu gibt Carmen Ejogo die bislang wohl interessanteste Frauenfigur der Serie: Hays’ gebildetere und als Autorin ambitionierte Frau Amelia. Beziehungswickel zwischen den beiden verleiht deren zeitweise zusätzliches Verhältnis als inoffizielles Recherche-Team eine intrikate Note, wobei Pizzolatto die menschliche Psyche sehr interessiert, Psychologisierung jedoch seine Sache nicht ist. Hays’ brüchige Karriere in der Major Crimes Division der Arkansas State Police ist nebenbei von zeittypischen Alltagsrassismen bestimmt, auch von vorgesetzter Seite kriegt er Prügel zwischen die Beine geworfen, doch scheitert der Mann in den entscheidenden Momenten im Grunde an sich selbst. Ob ihn das am Ende zu einem eingebildeten Kranken gemacht hat oder ob er womöglich an einer Vorstufe von Alzheimer leidet, bleibt in Alis brillanter Alters-Charakterisierung lange offen.
GYMNASTISCHE INTELLIGENZ
In ihrem gemächlichen Erzählduktus, bezüglich der Ansiedlung in ruraler Südstaaten-Atmosphäre und im zentralen Verhältnis der Ermittler zueinander stellt der dritte Teil von True Detective eine Rückkehr zum ersten dar. Vor allem aber erinnern die weit auseinander liegenden, einander überlagernden Zeitebenen an den quasi therapeutischen Ansatz der kaputten Cops aus Teil eins (Matthew McConaughey und Woody Harrelson). Die Zeit heilt in True Detective eben nicht die Wunden, sondern bricht sie immer wieder auf, weil sie nie vernarben können. Schon in der ersten Geschichte war das an Genre-Gimmicks reiche, doch nicht rasend ungewöhnliche Kriminalrätsel nur die Folie, hinter der sich die Verwüstung der detektivischen Seele durch einen ungelösten Fall besonders prägnant abzeichnete. Markante Mittel der Porträtierung waren damals und sind nun wieder: Lücken, die das Gedächtnis aufreißt, Streiche, welche einem die Erinnerung spielen kann, vor allem aber die Veränderung eines Charakters über einen längeren Zeitraum – so bezieht sich auch dieser Text auf jenen zum ersten Teil erschienenen („Die wiedergefundene Zeit“, „ray“ 05/2014 bzw. online). Um nicht noch einmal Proust zu zitieren, probieren wir es mit dem Kino-Denker Jean Epstein, der in „Die Maschine zum Denken der Zeit“ (1946) u.a. davon spricht, „die Intelligenz zur Gymnastik zu animieren“, um „von eingefleischter Unbedingtheit zu instabilen Bedingtheiten überzugehen“. Epstein: „Diese Maschine, die die Dauer in die Länge zieht oder verdichtet, die die variable Natur der Zeit offenbart, die die Relativität alles Messbaren predigt, scheint mit einer Art Psyche versehen zu sein.“ Wie gut das Bewegtbild sich in diesem Sinn als Werkzeug des Geistes anbietet, und wie stark Nic Pizzolatto, der ehemalige Hochschullehrer, dieses Prinzip auf unterhaltsame Weise auszureizen versteht, auch das zeigt True Detective, Teil drei.
Das Vergehen der Zeit offenbart hier auch seine sozialpolitische Dimension, ohne dies allzu sehr auszustellen. Dass der dritte Teil von True Detective eine gültige Erzählung über die Entwicklung der westlichen Gesellschaft geworden ist, über das verzwickte Verhältnis von moralischem Anspruch und dem Pragmatismus der Macht – welches ja gerade in unserer Zeit wieder massiv in Frage steht –, verdankt sich auch der Anerkennung der „instabilen Bedingtheiten“, von denen Jean Epstein schrieb. Ein sprechendes Beispiel dafür ist die Hilflosigkeit, mit der der alte Detective Hays der jungen True-Crime-Journalistin mitunter gegenübersitzt. Es geht hier nicht zuletzt um die veränderte Rolle der Medien in einer Zeit, die das einzelne alternde Individuum umso deutlicher zu überholen scheint, je mehr es in seiner persönlichen Vergangenheit feststeckt. Und dabei ist von den so genannten „sozialen“ Medien noch nicht einmal die Rede. Interessant an der Entstehung des Skripts erscheint vor allem, dass Pizzolatto sich dabei von David Milch helfen ließ. Im Gegenzug half er Milch bei dessen Deadwood-Film, mit dem der legendäre Improv-Autor und verhaltensoriginelle Freigeist endlich seine geniale, von HBO 2006 abgebrochene Westernserie über den Mythos der Frontier abrunden konnte. Unlängst informierte Milch die Öffentlichkeit übrigens bemerkenswert offen darüber, dass ihm eine Alzheimer-Diagnose gestellt worden war.
Man könnte noch viel Außergewöhnliches an True Detective S3 hervorheben. Man kann sich über den tollen Soundtrack von
T Bone Burnett begeistern, der eher die jeweilige Befindlichkeit der Protagonisten zu untermalen als das Publikum zu manipulieren sucht. Man sollte den artifiziell-ingeniösen Vorspann nicht unerwähnt lassen, der seit Teil eins häufig kopiert wurde, und ebenso wenig die Schlusspointe von Teil drei, die in ihrer Mischung aus Dezenz und Wirkmacht ihresgleichen sucht. Ein besonderer Reiz der eigentümlichen Erzählweise liegt auch in der Gestaltung der Schnittstellen zwischen den Erzählzeiten. Mal organisch, mal abrupt, mal plotlogisch, mal überraschend, erliegen sie nie einem effekthascherischen Selbstzweck.
Einmal dreht die Kamera sich langsam um die beiden Ermittler, während sie im Wagen zu einem wichtigen Zeugen unterwegs sind (wenn die Erinnerung nicht trügt). Sie waren schon einmal dorthin unterwegs, sie waren angespannt, haben geschwiegen. Nun wieder Schweigen, doch weniger Anspannung. Dabei wechseln die Zeiten, mal sehen wir die alten, dann die mittelalten, dann wieder die alten Detektive. Wohl wie sie sich an die einstige Fahrt erinnern. Wie sie sich einst fühlten, wie sie sich jetzt fühlen. Allein ihre Gesichtsausdrücke erzählen es.
