Filmfestival | Lübeck

Im Norden viel Neues

| Kay Hoffmann |
Isländer und Finnen gehören zu den großen Gewinnern der 61. Nordischen Filmtage Lübeck.

Die Nordischen Filmtage Lübeck (diesmal von 29. Oktober bis 3. November) sind das zentrale deutsche Festival für skandinavische Filme und Produktionen aus dem Baltikum und Norddeutschland. In den Spielfilmen ging es um große Gefühle: Liebe und Verrat, Leidenschaft und Obsession, Trauer und Niedertracht. Bei der feierlichen Gala im Theater Lübeck konnten Preise im Gesamtwert von 52.500 Euro vor allem an Spielfilme vergeben werden. Den mit 12.500 Euro höchst dotierten NDR-Filmpreis gewann der isländische Spielfilm Weißer, weißer Tag von Hlynur Pálmason. Als Bestes Spielfilmdebüt (7.500 Euro) punktete der finnische Beitrag Aurora von Miia Tervo. Mit dem Publikumspreis der Lübecker Nachrichten (5.000 Euro) ausgezeichnet wurde der bekannte Finne Mika Kaurismäki für Meister Cheng. „Der diesjährige Wettbewerb war gespickt mit Favoriten, was das Rennen um die Preise bis zuletzt hochspannend machte“, so die künstlerische Leiterin Linde Fröhlich. Den mit 5.000 Euro dotierten Dokumentarfilmpreis des DGB Bezirk Nord gewann Die Kraft des Joik von Paul-Anders Simma. Der Finne fügt Privates und Politisches, Historisches und Aktuelles zu einer beeindruckenden Bestandsaufnahme samischer Lebensweise.

An den sechs Tagen standen knapp 200 Filme mit 283 Vorführungen auf dem Programm. Es kommen viele Fachbesucher in die Hansestadt, und auch das Publikum liebt die Filme, von denen viele danach im deutschen Kino starten. Die Vorführungen sind in der Regel ausverkauft – egal ob Spiel-, Kurz- oder Dokumentarfilme oder Serien. Außerdem bietet das Festival ein umfangreiches Rahmenprogramm. Die Retrospektive zeigte Filme zur Spionage im Kalten Krieg, die zum Teil als Stummfilmkonzert präsentiert wurden. In dem aktuellen litauischen Dokumentarfilm Die Tochter des Spions von Jaak Kilmi und Gints Grūbe steht eine Familie im Zentrum, die im Kalten Krieg in eine dramatische Agentengeschichte verstrickt wird. Neben privaten Filmen wird zum Stilmittel des Re-Enactment gegriffen, das jedoch für das Publikum klar offengelegt wird.

Der skandinavische Spionagefilm wurde auf dem Lübeck Film Studies Colloquium erörtert, das jedes Jahr von Anders Marklund (Universität Lund) organisiert wird. Dort treffen einander skandinavische und deutsche Filmhistoriker. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Digitalisierungsprojekten. Thomas Weber (Universität Hamburg) stellte die umfangreiche Datenbank des DFG-Forschungsprojektes zur Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1945 bis 2005 vor (dokumentarfilmgeschichte.de). Sie ist sehr nachgefragt und hatte im ersten Jahr 850.000 Detailabfragen. Er hat mit Kollegen einen Online-Kurs zum Dokumentarfilm entwickelt (dokumentarfilmkurs.avinus.de), in dem verschiedene Aspekte des Genres erörtert werden. Lars-Martin Sörensen vom Danish Film Institute (DFI) stellte ein Projekt vor, bei dem alle vorhandenen Stummfilme des Archivs online gestellt werden (stumfilm.dk); es ist auch in Englisch nutzbar. Überliefert sind etwa 20% der produzierten Filme. Ebenfalls am DFI wird ein dreijähriges Forschungsprojekt durchgeführt zu dänisch-deutschen Filmbeziehungen zwischen 1910 und 1930.

Schon damals war das Verhältnis des Menschen zur Natur ein wichtiges Thema im skandinavischen Film. Dies gilt bis heute und ist sicher ein Grund für die Attraktivität dieser Filme beim Publikum. Ein wichtiger Naturfilmer aus Finnland ist Marko Röhr, der mit seiner Natursinfonie das Lübecker Publikum begeisterte. Es ist sozusagen ein Best of seiner bisherigen Natur-Aufnahmen – mit symphonischer Musik unterlegt. In einer Meisterklasse erläuterte er seine Herangehensweise und den technischen Aufwand, um spektakuläre Tieraufnahmen zu bekommen. Ebenfalls auf jeglichen Kommentar verzichtet Victor Kossakosky in Aquarela, wählt allerdings eher sphärische und rockige Musik zu seinen faszinierenden Bildern von Eis und Wasser. Kameramann Ben Bernhard erläuterte die Herausforderungen bei den Aufnahmen, bei denen das Team sehr vom Wetter abhängig war. Zu sehen war auch Auf Wiedersehen, Eisbär des norwegischen Naturfilmers Asgeir Helgestadt, der eine Eisbärenfamilie über vier Jahre begleitet hat.

Eine ganz neue Perspektive auf einen Brüsseler Vorort, der wegen islamistischen Anschlägen in Verruf geraten ist, zeigt Die Götter von Molenbeek von Reeta Huhtanen aus Finnland. Im Mittelpunkt steht ihr sechsjährige Neffe Aatos, der Finnisch, Spanisch und Französisch spricht. Sie folgt ihm bei seinen Streifzügen durch das Viertel mit seinem arabischen Freund Amine. Sie philosophieren dabei über Gott und die Welt sowie sehr phantasiereich über den Tod.

Jan Grarup ist ein bekannter dänischer Kriegsfotograf, der mit seinen Bildern sogar Opernhäuser füllt. Als seine Ex-Frau schwer erkrankt, muss er seine drei Kinder versorgen, und sie ziehen zu ihm. In Der Kriegsfotograf porträtiert Boris B. Bertram ihn bei der Herausforderung, Einsätze in Krisengebieten mit seinen Familienpflichten zu koordinieren. Durch die neue Situation gewinnt das Porträt an Tiefe, denn es zeigt dramatische Momente im Beruf und in der Familie – wie die Beerdigung seiner Ex-Frau. Die Finnen gelten als das glücklichste Volk auf Erden – zumindest gilt dies für die Frauen. Männer haben viel eher Burnout, Beziehungs-, Gesundheits- und Alkoholprobleme. In Der glücklichste Mann der Welt startet Joonas Berghäll eine verstörende Selbstanalyse und schafft es, vieler seiner Leidgenossen zum Sprechen zu bringen über Trennungen, Verluste, Ängste und Versagen. Denn die persönliche Prognose für ihn ist nicht vielversprechend, wenn er nichts ändert am Leben. Von daher wurde in Lübeck auch bei den Dokumentarfilmen ein breites Spektrum an Themen und Stilen geboten.

www.nordische-filmtage.de