Persönliches Porträt einer Trennung zwischen Aufbruchsstimmung und Patriarchat
Fiorella Primavera ist seit 40 Jahren mit ihrem Mann verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder zusammen, ein Haus im ländlichen Italien und eine bewegte Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die geprägt war von verbaler und körperlicher Gewalt und leeren Versprechungen zur Besserung. Sie wagt den Schritt aus dieser aussichtslosen Situation, flüchtet sich zu ihrer Tochter nach Berlin und plant die nächsten Schritte.
Tochter und Filmemacherin Valentina Primavera beschließt, sie bei diesem neuen Lebensabschnitt mit der Kamera zu begleiten. Auf dem Weg zum Gericht, wo die Scheidungsverhandlung stattfindet. Beim Besuch im gemeinsamen Haus und dem hochemotionalen Zusammentreffen der beiden Eheleute, bei dem Fiorella unter Tränen von ihrem Martyrium erzählt. Wie sie Hilfe suchte bei ihrer eigenen Mutter und zu hören bekam, dass eine Frau ihrem Mann nun mal nicht widersprechen sollte. Ihrer neu gewonnenen Freiheit sieht sich Fiorella verhalten gegenüber. Sie war verheiratet, seitdem sie 18 Jahre alt war, umgeben von ihrer Familie. Nun ist sie meist alleine, und auch seitens ihrer Verwandten kommt wenig Verständnis. Keiner mischt sich aktiv in die Angelegenheit ein, dennoch wird ihr immer wieder aufgefordert oder unaufgefordert die unterkühlte Meinung präsentiert. Da ist der Onkel, der in Bezug auf die Rolle des Mannes auch schon einmal Benito Mussolini zitiert. Fiorellas älteste Tochter Chiara sagt zwar, dass ihre Mutter alt genug sei und selbst entscheiden müsse, was sie möchte, allerdings müsse sie dann auch die Konsequenzen tragen. Chiaras Mann wiederum bewundert, wie stark und geduldig Fiorellas Ehemann mit der Situation umgeht, dass seine Frau nicht mehr zuhause ist. Gefangen im Strudel alter Konventionen versucht Fiorella einen Platz zwischen den Stühlen zu finden.
Valentina Primavera bleibt mit der Kamera und den ruhigen Fragen, die sie ihr stellt, nah an ihrer Mutter. Gibt einen schonungslosen und ehrlichen Blick auf ihre ganz persönliche Familiengeschichte, in die sie nur gelegentlich als Erzählerin zusätzliche Informationen einflicht. Alles andere erzählen die Menschen vor der Kamera. Sie zeichnen ein Bild der tiefsitzenden, patriarchalischen Struktur, in der die Frau, die sich nach Jahrzehnten des Stillschweigens aus häuslicher Gewalt befreit, als Zerstörerin der heiligen Familie mit verhaltenem Unverständnis und Ausgrenzung bestraft wird. Die Mischung aus Abgeben von Schuld, Relativierungen, falscher Scham und Hilflosigkeit ist, je weiter der Film fortschreitet, immer schwerer mit anzusehen, aber gerade deshalb umso mehr ein Appell gegen eine Kultur des Wegsehens.
