Aretha Franklin - Amazing Grace

Filmkritik

Aretha Franklin: Amazing Grace

| Oliver Stangl |
Soul Sister Act

Aretha Franklin (1942–2018) war 1972 längst ein Superstar mit zahlreichen Nummer-eins-Hits und als „Queen of Soul“ bekannt. Doch die Prediger-Tochter wollte einmal etwas anderes probieren, sozusagen „back to the roots“ gehen: In einer Baptistenkirche in L. A. nahm sie, gemeinsam mit einem Chor und vor Live-Publikum, Gospellieder auf, die sie schon als Mädchen gesungen hatte. Das resultierende Album „Amazing Grace“ war nicht nur das erfolgreichste in Franklins Karriere, es wurde zum meistverkauften Gospelalbum überhaupt. Die Aufnahmen, die an zwei Abenden entstanden, wurden dabei von Regisseur Sydney Pollack und einem mehrköpfigen Team aus Kameraleuten begleitet.

Allerdings gab es Probleme: Bild und Ton des 16mm-Rohmaterials konnten nicht synchron gestaltet werden, die Aufnahmen blieben lange unter Verschluss. 2007 kaufte Produzent Alan Elliott das Material, das nun mittels digitaler Technik synchronisiert werden konnte. Doch erneut gab es Probleme: Franklin wollte mit dem Film nichts mehr zu tun haben und klagte. Erst am 12. November 2018 konnte Amazing Grace beim New Yorker Doc NYC Festival uraufgeführt werden.

Zwar ist der Look des Films relativ roh und grobkörnig, doch die auftretenden Unschärfen sowie die Spontaneität der Kameramänner wirken auch angenehm authentisch. Beide Abende hatten mit Reverend James Cleveland einen unterhaltsamen Master of Ceremonies, der auch betont, dass es sich nicht nur um eine Aufnahme, sondern tatsächlich auch um einen Gottesdienst handelt. Dies wird ziemlich evident, wenn Aretha Franklin loslegt und Songs wie „Wholy Holy“ zum Besten gibt. Die Emotionen im Raum sind teilweise ekstatisch: Da wird geschwitzt, geweint, gelacht und schließlich auch getanzt, was das Zeug hält.

Der emotionale Höhepunkt ist erreicht, als Franklin mit gewaltiger Stimme „Amazing Grace“ vorträgt: Das Lied, das auch so etwas wie eine schwarze Befreiungshyme ist, erschüttert alle Anwesenden und zeugt von den Umbrüchen in Sachen Bürgerrechte. „Wer hätte das vor zwanzig Jahren noch gedacht“, sagt Cleveland, der sich zur Erholung mit einem Taschentuch vor dem Gesicht ins Abseits setzen muss. Ein prominenter Gast im Publikum ist übrigens Mick Jagger, der mitklatscht und abshaked, als wäre er bei einem Rolling-Stones-Konzert.

Man könnte sich höchstens fragen, warum die Split-Screens nicht häufiger eingesetzt werden: Nicht nur passen sie zur Entstehungszeit und vermitteln ein gutes Raumgefühl, sie steigern auch die Bildqualität erheblich. Aber das mag ein kleiner Einwand sein. Fans von Sydney Pollack können den Regisseur als Kameramann erleben und ihn beim Erteilen von Anweisungen sehen, Fans von Gospel, Soul und Aretha Franklin kommen ohnehin auf ihre Kosten.