Die dänische Regisseurin Susanne Bier („Nach der Hochzeit“, „Love Is All You Need“) liefert mit der John-le-Carré-Verfilmung „The Night Manager“ einen grandiosen Wurf: die Agenten-Serie als Wunscherfüllung und Moralvorstellung.
„The Night Manager“ ist längst nicht John le Carrés spannendstes oder einfallsreichstes Buch. Aber die dänische Regisseurin Susanne Bier, die in Arthouse und Hollywood gleichermaßen zuhause ist, und der bei der britischen Kultserie Spooks Agenten-geschulte Drehbuchautor David Farr machen aus einer plakativen Story in teuren Hotels an schönen Schauplätzen um einen, der für die Briten auszog, den Tod einer Geliebten durch einen Waffenschieber zu rächen, eine hochspannende wie stilsichere große Erzählung über Gut und Böse, über Verführung und Macht – menschlich und politisch – und erzählen dank der Neuerfindung der Rolle des Ermittlers mit Broadchurch-Heldin Olivia Colman auch, tatsächlich, vom Klassenkampf. Das Vergnügen, Hugh Laurie als der Welt charismatischsten und gefährlichsten Waffenhändler beim Katz- und Mausspiel mit dem Mann, der ihn zu Fall bringen könnte (Tom Hiddleston), zuzusehen, ist außerordentlich groß.
Wie kam es zu dem Entschluss, für das Fernsehen zu arbeiten?
Das wollte ich schon eine ganze Weile lang. Die besten Bücher gibt es derzeit einfach beim Fernsehen. Außerdem: Wenn man selbst gerne bingewatcht und mit einer Serie einfach nicht aufhören kann, möchte man das auch einmal machen. Zudem war ich war immer schon auf alle neidisch, die mit John-le-Carré-Stoffen arbeiten durften. Was auch dazukommt: Es ist einfach sehr aufregend, für eine Geschichte sechs Stunden statt zwei Stunden Zeit zu haben, das macht natürlich einen enormen Unterschied. Das ist wie ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte im Gegensatz zu einem Roman. Man hat mehr Platz für Umwege und Nebenfiguren, und das ist sehr, sehr spannend. Ansonsten ist es nicht so rasend anders, es geht letztlich immer darum, ob eine Szene funktioniert. Es ist so, wie wenn man auf drei Schachbrettern nebeneinander spielt.
Sie haben den Anfang verändert – da steht jetzt der Arabische Frühling.
Als ich an Bord kam, gab es eine Rohfassung der ersten Folge, da stand das bereits so drin. Es ist vermutlich John le Carrés zeitlosester Roman, gleichzeitig hat er aber auch durch sein Thema, den illegalen Waffenhandel, eine unglaubliche aktuelle Relevanz. Deshalb hat es gefühlsmäßig einfach gepasst, das zu aktualisieren. Es wurde einiges geändert: Burr ist im Buch ein Mann. Als ich dazukam, haben sie mich gefragt, was haltest du davon, wenn wir aus Burr eine Frau machen? Ja natürlich! Man hat echt schon genug weiße Männer von teuren Privatschulen gesehen, die alle genau gleich sprechen und aussehen und immer noch daran glauben, dass das irgendeine Relevanz hat. Unsere Gesellschaft ist einfach viel vielfältiger. Auch Ropers Freundin Jed ist im Buch viel mehr „trophy girlfriend“, eine Vorzeigefreundin. Natürlich ist sie immer noch sehr schön, aber ihre Figur ist viel spannender, sie hat Geheimnisse, wie alle anderen in der Serie auch. Wir wollten einfach, dass sich die Story gegenwärtig anfühlt. Gleichzeitgig geht es natürlich nicht wirklich konkret um den Arabischen Frühling, für mich hat die Serie auch sehr viel mit einem moralischen Statement zu tun als mit einer politischen Aussage. Es geht um die Verantwortung für unsere politischen Beziehungen.
Wie haben Sie für die hochschwangere Olivia Colman ein angenehmes Arbeitsumfeld geschaffen?
Ach, sie hatte definitiv Spaß (lacht). Ich liebe Olivia Colman. Wir hatten Hiddleston und Laurie, und wir haben eine Frau gesucht, die hier die moralische Instanz ist, die dieses Gewicht hat, diese Stärke, aber auch einen Sinn für Humor, Sympathie und ein anderes Klassenbewusstsein. Sie kam zum Meeting und das erste, was sie sagte, war, „ich bin schwanger“. Und ich dachte mir, interessant, das gefällt mir für die Story, für die Figur, für die Gefahr, in die sie dadurch kommt, sie wird dadurch einerseits stärker, andererseits auch verletzlicher.
Hat es Spaß gemacht, gewisse Szenen aus weiblicher Perspektive umzuschreiben? Wenn man beispielsweise sieht, wie sie nach einem langen Arbeitstag heimkommt, und ihr Partner hat das Kinderzimmer pink ausgemalt und schläft schon …
Drehbuchautor David Farr hatte definitiv Spaß dabei. Wir haben viel gelacht bei solchen Situationen, die man umgekehrt nie sieht.
Es gibt ja sehr viele brutale Serien, haben Sie bewusst vermieden, Gewalt zu zeigen und da keine Game-of-Thrones-Nummer abzuziehen?
Ja, das war eine bewusste Entscheidung. Wissen Sie, der Roman ist sehr, sehr elegant, und das wollten wir beibehalten. Die Figuren mussten elegant rüberkommen. Es mag seltsam klingen, in diesem Zusammenhang diesen Begriff zu verwenden, aber es war wesentlich. Ich finde außerdem, dass Reichtum sehr oft sehr klischeehaft dargestellt wird. Natürlich muss die Freundin blond sein und teure Labels tragen, aber erstens glaube ich nicht, dass so reiche Leute aussehen, und zweitens wäre es schlicht und ergreifend einfach nicht interessant gewesen. Wir sollen uns ja auch fragen: Können wir Jonathan Pine trauen? Wird er sich nicht verführen lassen von all dem? Wird er seiner Mission treu bleiben? Und dafür musste die Rolle einfach attraktiv sein und keine vorhersehbare Klischeewelt. Dieses Katz- und Mausspiel zwischen Richard Roper und Jonathan Pine ist einfach unglaublich spannend. Als ich den Roman gelesen habe, gleich damals, als er rauskam, habe ich mir gedacht, ich wäre eigentlich gern mit Roper befreundet. Und das ist beängstigend. Er ist der gefährlichste Mann der Welt und man will mit ihm auf Urlaub fahren. Das Böse ist einfach sehr, sehr faszinierend.
Sie kommen aus Dänemark – sind für Sie diese Figuren in einer Art Britishness verhaftet?
Ja, das ist schon wichtig. John le Carré ist Brite, und es gibt da eine Art Code, eine Art zu reden, eine Art zu verstehen, sowohl Tom als auch Hugh haben sich da sehr eingebracht. „Nein, er würde auf keinen Fall diese Art Socken tragen“ oder „er würde das auf jeden Fall sagen“, sie wussten da ganz genau, was richtig und falsch war. Aber gleichzeitig denke ich, es war ein Vorteil, dass die Serie erstens eine Regisseurin hatte, die zweitens nicht britisch ist. Ich habe mir Freiheiten mit dem Stoff genommen, ich habe da nicht diesen angeborenen Respekt. Wenn man das im Blut hat, kann man es nicht mehr mit einer gewissen Leichtigkeit behandeln.
Wie hat sich John le Carré bei seinem Gastauftritt gemacht?
Er war phantastisch. Er war zwölf Stunden bei 40 Grad am Set. Er spielt einen Kellner, und alle Leute am Set kamen in den Genuss seines unvergleichlichen Art, Geschichten zu erzählen. Aber er hat deswegen noch lang nicht gemacht, was ich gesagt habe (lacht).
Sie haben also jemaden gebraucht, der auch charmant sein kann – aber wussten Sie von vornherein, dass Hugh Laurie auch gefährlich sein kann?
Ach, auch wenn man ihn privat trifft, kann er ganz schön gefährlich sein. Er ist ein unfassbar intelligenter Mann mit einem sehr scharfen Humor. Er ist sehr gutmütig und sehr lustig, aber ich glaube nicht, dass man ihn wirklich grantig auf einen machen möchte. Er ist wunderbar. Schauen Sie sich John le Carré an. John ist ein sehr zorniger Mann. Sein Schreiben wird angetrieben von seinem Sinn für Gerechtigkeit – von seiner Verachtung für das Establishment, sagen andere, ich finde, von seinem Hass auf Scheinheiligkeit. Und bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch bei Hugh Laurie. Hugh Laurie hat eine fast schon körperliche Verachtung für Heuchelei. Das macht ihn verrückt. Und das befruchtet auch sein komisches Talent, er hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wenn etwas unehrlich ist. Und diese Energie spürt man auch beim Schauspielen. Davon lebt ja letztlich auch Dr. House.
Haben Sie mit Laurie darüber gesprochen, wie er die Rolle anlegt?
Ja natürlich, aber es ging mehr um eine bestimmte Position in der Gesellschaft und die Manierismen, die damit einhergehen. Im Grunde ist es ja so, dass alle Leute, mit denen Roper zu tun hat, Angestellte von ihm sind. Man glaubt erst, das sind Freunde, aber das stimmt nicht. Und das bekommt natürlich eine sehr eigenartige Dynamik. Eine Figur, die automatisch immer das Zentrum der Welt ist, weil alle von dir abhängen, da kann es keine Gleichberechtigung geben. Ich habe Leuten dabei zugehört, wie sie die banalsten Dinge sagen oder wirklich haarsträubend Oberflächliches und die Menschen um sie herum sagen, „Oh, das ist so interessant!“ Das kommt einfach mit dieser Position.
Hat die Villa in der Serie eine Geschichte?
Die gibt es wirklich, die steht auf Mallorca. Diese Villa zu finden war fast genauso wichtig wie das Casting der Hauptdarsteller – sie ist quasi auch eine Figur der Handlung. Sobald wir sie gefunden hatte, nahm alles plötzlich Gestalt an. Leider war Teil unseres Mietvertrages auch eine Vertraulichkeitsvereinbarung, ich darf Ihnen also nicht mehr erzählen.
Würden Sie gern einmal einen Bond-Film drehen?
Ja natürlich. Wer nicht?
