Eastern Promises

| Kirsten Liese |

Das 16.GoEast Filmfestival Wiesbaden hatte starke Filme im Programm, die sich zwischenmenschlichen und politischen Generationskonflikten widmeten.

In der Schule muss sich Shimek von einem Rabbi demütigen lassen. In Gesellschaft des schönen Nachbarmädchens Busja aber erfindet sich der sensible, fantasiebegabte Junge als heldenhafter Prinz in einem Märchenreich.

Mit dem ukrainischen Beitrag Song of Songs (Das Lied der Lieder) zeigte das 16. GoEast Filmfestival in Wiesbaden große Filmkunst. Nach einer Erzählung des jüdischen Autors Scholem Alejchem erzählt die ukrainische Regisseurin Eva Neymann die Geschichte einer zarten, unerfüllten Liebe in einem Schtetl des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Eines Tages geht der zum jungen Mann herangereifte Shimek für ein Medizinstudium fort, und als er wiederkehrt ist Busja, wiewohl sie seine Gefühle erwiderte, mit einem Anderen verheiratet.

Neymann studierte in Berlin und lebt dort seit vielen Jahren. Ihre vielfach ausgezeichneten Filme (Am Fluss, Das Haus mit dem Uhrtürmchen) entstanden jedoch ausschließlich in der Ukraine. Das lässt keine guten Rückschlüsse auf eine Institution wie die deutsche Filmförderung zu, die offenbar Qualitäten wie Poesie und Schönheit, die Neymanns Filme prägen, im deutschen Kino aber rar geworden sind, nicht zu schätzen weiß. Soviel derzeit allerorten über Integration gesprochen wird: In der Kunst ist sie offenbar noch nicht angekommen. Jedenfalls sagt die Regisseurin, dass sie keine Filme machen würde, wenn sie auf Deutschland angewiesen wäre, als Kreative fühle sie sich ausgegrenzt.

Auch ihr jüngstes Werk Song of Songs hätte in Wiesbaden einen Preis  verdient. Dass es diesmal nicht geklappt hat, lag an der beeindruckend großen Konkurrenz im Spielfilm-Wettbewerb.

Zwar kürte die Jury mit dem russischen Drama Insight nicht den stärksten, so zumindest aber einen würdigen Kandidaten zum besten Film. Ein jüngerer Mann gerät hier in eine schwierige Lebenssituation, als er nach einem schweren Unfall erblindet. Als unverhofft seine Krankenschwester vor der Tür steht, regen sich Hoffnungen auf privates Glück. Aber Nadeshda hat ihre eigenen Motive, warum sie den Kontakt sucht. Die Ehe mit ihrem Mann hat sich totgelaufen, einem sexuellen Abenteuer ist sie nicht abgeneigt. Und wer weiß, vielleicht kann sie mit dem Patienten ja auch ein Kind bekommen. Ein bisschen Mitleid ist freilich auch im Spiel, als die rotblonde Schönheit in den prompten Heiratsantrag des Blinden einwilligt, in Wirklichkeit aber nur Potemkinsche Dörfer errichtet. Die mit tragikomischem Witz erzählte ungewöhnliche Beziehungsgeschichte läuft vor allem auf die Frage hinaus, ob jemand einen Neuanfang schaffen kann in einer Gesellschaft, die Schwache verachtet.

Erstmals stark vertreten war in Wiesbaden das mit zwei packenden Thrillern vertretene Genrekino. Mit Bildern von kühler Eleganz schafft Regisseur und Kameramann Marcin Koszalka in dem polnischen Drama Die rote Spinne (Regiepreis und Fipresci-Preis der Internationalen Filmkritik) die unheilvolle Atmosphäre für eine seltsame Freundschaft zweier Männer im kommunistischen Krakau der 1960er Jahre. Der eine ist ein Tierarzt und Serienmörder. Der andere ein nach extremen Grenzerfahrungen suchender junger Athlet und Medizinstudent, auf den sich die pathologischen Obsessionen des Psychopathen übertragen. Wie letzterer immer mehr in einen selbstzerstörerischen Sog gerät, schildert Koszalka höchst beunruhigend mit feiner psychologischer Beobachtungsgabe. So sehr man sich angesichts der Thematik unweigerlich an den Totmacher von Romuald Karmakar erinnert: in der Roten Spinne finden sich noch härtere Szenen, in denen etwa der unter Großfahndung gesuchte Täter brutal mit einem Hammer auf eines seiner Opfer einschlägt. Es ist somit ein Film für Cineasten mit einem sehr starken Nervenkostüm.

Auf ganz andere Weise unheimlich wirkt das jüngste Werk des Rumänen Marian Crişan. Er adaptiert mit Orizont den in seiner Heimat sehr bekannten, bereits zuvor auch schon verfilmten Roman Die Glücksmühle von Ioan Slavici, verlegt ihn aber in die Gegenwart. Es geht – damals wie heute – um Korruption und Gewalt, aber es wäre zu simpel, den Film nur aus dieser Perspektive zu betrachten, spielt doch der Regisseur gekonnt mit Genre- und Thriller-Elementen, die an Hitchcock, Lynch und Polanski erinnern.

Schon der Protagonist, Lucian, ein Geschäftsmann, der in der bedrohlichen Abgeschiedenheit Transsilvaniens ein Hotel pachtet, um mit seiner Familie ein Leben im Wohlstand zu beginnen, erinnert an Polanskis Le locataire (Der Mieter), ist er doch als ängstlicher, schwacher Mensch leicht zu verunsichern. Lokale Mafiosi haben es so gesehen recht leicht mit ihm. So wenig er sich gegen die Verbrecher zur Wehr setzt, gerät er sukzessive in einen bizarren, kafkaesken Alptraum.

Vor allem aber ein großes Thema dominierte den Wettbewerb: zwischenmenschliche und politische Generationskonflikte. In vielen Beiträgen drückt sich darüber ein großer Pessimismus aus.

In dem kasachischen Drama Bopem nutzt etwa ein an einem Gehirntumor leidender Junge seine ihm verbleibende kurze Lebenszeit für einen Rachefeldzug gegen den Polizisten, der seine Mutter bei einem Autounfall überfuhr und an seinem Vater, der dazu schwieg. Regisseurin Zhanna Issabayeva setzt die  Einsamkeit des Jungen, seine Verlorenheit und Ausweglosigkeit stimmig in Bezug zu der weiten Landschaft des vertrockneten Aralsees, mit eindrucksvollen, leinwandtauglichen Bildern.

Die umgekehrte Konstellation, dass ein Vater seinen Sohn umbringen will, weil er sich von ihm verraten fühlt, findet sich auch. Im Lettland der fünfziger Jahre hat das Proletariat die Macht übernommen, der kleine Satellitenstaat der Sowjetunion begibt sich in die klassenlose Gesellschaft. Janis aber, ein notorischer Trinker, der einen herunter gekommenen Hof bewirtschaftet, will sich damit nicht abfinden. Reaktionär wehrt er sich gegen den Kommunismus und verachtet seinen auf Parteilinie gedrillten Sohn, der das tut, was der Staat von ihm erwartet. Morgenröte schildert diese Tragödie mit einer ungewöhnlichen Mischung von surrealen, archaischen und dokumentarisch anmutenden Bildern. Auch wenn Laila Pakalniņa hier ein geradezu apokalyptisches Bild der frühen Sowjet-Ära entwirft, wirkt doch gerade dieser Film heute wieder sehr aktuell im Hinblick auf die stark polarisierende Flüchtlingskrise, an der schon viele Familien zerbrochen sind.

Den stärksten Beitrag aber zum Thema Generationskonflikte beschert das slowakische Drama  Eva Nová. Es geht tief unter die Haut, wie die 62-jährige Frau – ein gefallener, einstiger Filmstar – auf ihrer Suche nach einer zweiten Chance nach einem Alkoholentzug bitter enttäuscht wird, vor allem von dem Sohn. Emília Vášáryová, die Grande Dame des slowakischen Kinos, von der GoEast-Jury zumindest mit einer lobenden Erwähnung bedacht, spielt diese tapfere Kämpferin großartig, vor allem ihr ausdrucksstarkes schönes Gesicht, in dem der Suff tiefe Spuren hinterlassen hat, hängt einem lange nach.

Mit diesem trefflich besetzten Schauspieler-Film hatte Wiesbaden ein Meisterwerk im Programm, das den 16. Festivaljahrgang krönte.