Terry Gilliam

The Man Who Killed Don Quixote | Interview

Mit dem Kopf gegen die Wand

| Dieter Oßwald |
Terry Gilliam über „The Man Who Killed Don Quixote“, über die Einzigartigkeit von Monty Python und über seine Abneigung gegen Werbespots

Mister Gilliam, Sie haben sich reichlich Zeit gelassen mit diesem Film. Wollten Sie mit den längsten Dreharbeiten der Welt in das Guinness-Buch der Rekorde?
Terry Gilliam:
Stimmt, im kommenden Jahr könnten wir das 30-jährige Jubiläum feiern seit Beginn dieses Projekts. Das ist schon ziemlich doof! (Lacht.)

Was bewog Sie, den Kampf gegen die Windmühlen nicht aufzugeben?
Terry Gilliam: Ich wusste es nicht besser. Ich bin wirklich dumm. (Lacht.) Warum wollen die Menschen ständig den Mount Everest besteigen? Weil er da ist! Ich habe entdeckt, dass mein Kopf eine ganz besondere Form besitzt: Wann immer ich eine Mauer aus Ziegelsteinen sehe, muss ich mit dem Kopf solange dagegen schlagen, bis die Mauer zerbricht – oder eben mein Kopf!

Das passt kaum zu dem Eindruck, den man bei Interviews von Ihnen bekommt: Da wirken Sie immer sehr fröhlich und auffallend gut aufgelegt …
Terry Gilliam: Das ist die komplette Lüge. Das bin ja nicht ich. Bei Interviews spiele ich lediglich die Rolle des Regisseurs Terry Gilliam. Meine Frau freilich kennt die wahre Person dahinter, und das ist ein ganz kläglicher Versager!

Was hatte Sie an Don Quixote interessiert?
Terry Gilliam: Ich glaube nicht, dass ich an Don Quixote interessiert war. Vielmehr war er umgekehrt interessiert an mir. Er kam auf mich zu, rang mich nieder und verlangte, dass ich mit meinem Blut unterschreibe, ihn wieder zum Leben zu erwecken. Bei dieser Geschichte geht es um zwei Figuren, Don Quixote ist ohne Sancho Pansa nicht möglich. Mit der Kombination dieser beiden lässt sich zeigen, wer wir alle sind. Auf der einen Seite sind wir Träumer, auf der anderen die Realisten.

Welche Seite ist Ihnen wichtiger?
Terry Gilliam: Man benötigt beides, auf die Balance kommt es an. Wer nur pragmatisch und ohne Phantasie durchs Leben geht, hat viel verpasst. Wer nur träumt und keinen Bezug zur Wirklichkeit hat, endet schnell in der Irrenanstalt.

In einer Szene des Films heißt es: „Regisseure müssen grausam sein“ – gilt das auch für Sie?
Terry Gilliam: Nein, das ist nicht der Ansatz für meine Arbeit. Ich weiß, was ich will. Und ich mache das, was notwendig ist, um dieses Ziel zu erreichen. Meine Aufgabe als Regisseur besteht darin, eine verspielte Atmosphäre zu schaffen. Ich lese oft, dass all die großen Filmemacher stets auch große Manipulationskünstler waren. Dazu gehöre ich nicht. Ich möchte nicht manipulieren, ich halte Ausschau nach den passenden Leuten für das Team, und dann spielen wir. Dafür werden wir sogar noch bezahlt, was diesen Job so großartig macht.

Welche Rolle spielt Phantasie in Ihrem alltäglichen Leben?
Terry Gilliam: Ich spiele ständig kleine Spielchen mit mir selbst. Wenn ich länger auf eine marmorierte Wand starre, kann ich da schon Gesichter entdecken. Ich reagiere gern auf Dinge und gebe ihnen eine andere Gestalt. Damit unterhalte ich mein Gehirn, was amüsanter ist, als Dinge als das zu akzeptieren, was sie sind. Sehr gerne laufe ich durch fremde Städte und schaue mir aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Gebäude an. Ich lasse mich gern von der Welt überraschen.

Wäre es keine Versuchung für Sie, Werbung zu machen wie der Held Ihres Filmes?
Terry Gilliam:
Machen Sie Witze? Ich hasse Werbespots! Ich habe in meinem Leben einige gedreht und weiß seither: nie wieder! Meine letzte Werbung war für Nike bei der Weltmeisterschaft 2002. Da habe ich in zehn Tagen mehr verdient als in einem Jahr bei Don Quixote.
Das viele Geld ist natürlich eine große Versuchung. Aber was macht man da? Es geht nicht um Ideen, sondern darum, Klopapier zu verkaufen.

Was hat es mit Ihrem Spitznamen „Captain Chaos“ auf sich?
Terry Gilliam: Mir ist klar, dass ich nicht zu den bestorganisierten Menschen auf diesem Planeten gehöre. Deshalb umgebe ich mich auch mit Leuten, die darin sehr gut sind.

„Always Look at the Bright Side of Life“ gehört zu den berühmtesten Sprüchen von Monty Python. Gilt dieses optimistische Motto auch für Sie?
Terry Gilliam: Nein! (Lacht.) Ich schaue auf die düstere Seite! Da ist man dann überraschter, wenn etwas doch gut wird. Es ist einfacher, das Schlimmste anzunehmen und sich dann über Sonnenschein freuen zu können. Wer hätte gedacht, dass die Sonne jemals wieder scheinen könnte? – das ist mein Ansatz! Und wenn es dann doch schlecht läuft, wird man nicht überrascht, sondern kann sagen: „Ich hab’s ja immer schon gewusst.“

Finden Sie es nicht seltsam, dass es nie würdige Nachfolger von Monty Python gab? Diese Einzigartigkeit erinnert ja fast an die Beatles.
Terry Gilliam: Es kamen sehr viele Comedians nach Monty Python, aber niemand hatte diese Wirkung wie wir. Das verhält sich wirklich ganz ähnlich wie mit den Beatles. Wir haben ja in jenem Jahr begonnen, als die Beatles aufgehört haben. George Harrison sagte übrigens oft, er sei überzeugt, dass der Geist der Beatles auf die Monty Pythons übergegangen ist – was ja kein schlechter Weg ist. Jedenfalls hätten wir Life of Brian oder Time Bandits ganz bestimmt nicht gemacht, wenn es George nicht gegeben hätte. All seine Alben, die ich in meiner Jugend gekauft hatte, haben sich also ausgezahlt.

Die große Frage lautet jetzt natürlich: Wie haben Sie es letztlich doch noch geschafft, die Finanzierungslücke bei „Don Quixote“ zu stopfen?
Terry Gilliam: Ich hatte damit gar nicht so viel zu tun. Meine Tochter lernte eine Frau kennen, die ein großes Vermögen besitzt und die die Dokumentation Lost in La Mancha über unsere ständigen Probleme gesehen hatte. Darauf sagte sie: „Ich will deinen fertigen Film sehen, hier hast du drei Millionen Dollar.“ Seit dieser Zeit möchte ich nur noch mit Millionärinnen zum Essen gehen. Das ist anscheinend die einzige Chance, meine Filme in Zukunft zu finanzieren! (Lacht.)