Filmfestival | Interview

Festival der Festivals

| Gabriela Seidel-Hollaender |
Ende November 2019 fand in Berlin das Festival „Around the World in 14 Films“ zum 14. Mal statt. Bernhard Karl und Susanne Bieger leiten das Festival gemeinsam. Ein Gespräch über das ungewöhnliche Format des Festivals, über Patenschaften, Weltpremieren und die Frauenquote.

Das Festival „Around the World in 14 Films“ hat nun zum 14. Mal stattgefunden. Haben Sie gefeiert?
Susanne Bieger: Unsere Filme feiern wir in jedem Jahr. Für uns ist jedes Jahr ein großes Fest, weil wir immer tolle Filme haben!

Bernhard Karl:
Ja, ich ziehe es auch vor, im Kino direkt zu feiern. Vor der Leinwand und dann im Gespräch. Und Alkohol habe ich mir sowieso gänzlich abgewöhnt. Die Nächte durchzumachen, dafür fühle ich mich ehrlich gesagt zu alt. Und ich fahre ja jährlich auf diese großen Festivals, und auch da frage ich mich oft: Was wird eigentlich immer gefeiert? Ich war immer derjenige, der meistens im Kino war und sich das Feiern gar nicht leisten konnte.

Aber 14/14 ist doch eine prima Schnapszahl. Und ich denke, es ist ein kleines Jubiläum für das Festival. Wie kam es denn ursprünglich zur Idee dieses Festival der Festivals? Mit welchem Konzept sind sie damals angetreten?
SB: Es war Bernhards Idee, und er ist mit dem Konzept 2006 angetreten. Ich kam erst viel später dazu.

BK:
Als Filmliebhaber und Theatermacher und dann Casting-Direktor war mein Traum eigentlich immer, für ein Festival zu arbeiten. Ich fuhr, als ich Casting-Direktor war, in meiner Urlaubszeit auf die großen Festivals: Cannes, Venedig, Locarno und andere. Und ich habe mich wahnsinnig geärgert, dass ich dort nicht arbeiten kann. So einfach kann man ja nicht irgendwo andocken oder einfach anfangen. Ich habe mich bei der Berlinale beworben, da hat man mir meine Unterlagen mehr oder weniger ungelesen zurückgeschickt.

Dann hat mich irgendwann die Wut gepackt, weil so viele Filme, die ich auf anderen Festivals gesehen hatte und die mich überzeugt haben, nie im Kino zu sehen waren. Und in Hof, einem der Festivals, das ich jährlich besucht habe, hat dann Nikola Mirza, unser langjähriger Pressechef und Mitgründer des Festivals bei der Bratwurst, zu mir gesagt: „Es hat überhaupt keinen Zweck, darauf zu warten, dass dich irgendwer mal irgendwo gnädigerweise für etwas nimmt und dich beim Festival ehrenamtlich arbeiten lässt. Mach selber was!“

Dann fuhr ich zurück, saß im Auto, und so wie die Dinge, die vielleicht die prägendsten im Leben sind, war die Idee sofort da. Es war mir absolut klar, dass ich wenige Filme zeigen will und vor allem die Filme präsentieren will, die vorrangig keinen oder noch keinen Verleih haben. Und Weltreise war immer ein großes Thema in meinem Leben, weil ich aus der bayrischen Provinz komme. Mich haben Reisen sehr geprägt, weil ich immer überall sein wollte, nur nicht da, wo ich herkam.

Dann habe ich mir überlegt, dass ich die ganze Welt zeigen will. Die Idee war, Festivalfilme von den anderen Festivals, übersichtlich geordnet als Weltreise, zu zeigen. Ich kam auf 14 wesentliche Regionen. Die haben sich dann immer wieder ein bisschen verschoben, aber es waren dann Lateinamerika, Nordamerika, Afrika und so weiter, und so kam ich auf die Zahl 14 – und die hat sich dann festgesetzt. Das war der Anfang.

Und da ich als Casting-Direktor gute Kontakte hatte, nicht nur zu Schauspielern, sondern auch zu Produktionsfirmen, und mich auch viele Leute, die ich kannte, unterstützen wollten, hab ich das Ding dann ohne Geld im Dezember 2006 im Kino Babylon hingestellt.

Wann sind Sie dazu gekommen? Und hat sich das Konzept im Laufe der Jahre geändert? Das Festival ist ja im Laufe der Jahre größer geworden.
SB: Ich bin seit 2011 dabei. Nein, das Kernkonzept der 14 Filme hat sich nicht verändert und wird auch immer das Herzstück bleiben. 2019 lag die Betonung vielleicht sogar wieder mehr auf diesen 14 Filmen, weil wir dieses Jahr erstmals den ARRI Media-Preis hatten, für den nur die 14 Filme, die die 14 Regionen vertreten, ins Rennen gingen. Somit haben wir das Grundkonzept von Bernhard eigentlich nochmal unterstrichen. Wir zeigen allerdings in der Zwischenzeit 28 Filme. Also zwei mal 14. Wir haben das Ganze ein bisschen geöffnet, ein bisschen breiter aufgestellt, mit den Eckpfeilern wie der Opening Night und der Closing Night, bei denen die die Filme nicht unbedingt Entdeckungen sind, sondern oft auch von bekannten Filmschaffenden, die schon etabliert sind. Also in diesem Sinn ist das Festival definitiv gewachsen, und wir haben durch Panels und Werkstattgespräche auch noch begonnen, Inhalte hinzuzufügen und auszubauen, aber nicht über diese 14 bzw. 28 Filme hinaus.

BK:
Eines hat sich geändert. Durch die fortschreitende digitale Vereinfachung finden sehr viel mehr Filme irgendwie einen Verleih. Unter welchen Voraussetzungen diese Filme dann aber ins Kino kommen, wie lange sie auf einer Leinwand sind, wo sie laufen und in welchem Rahmen, das ist dann etwas snderes. Jedenfalls aber hat sich das, was damals virulent war – da hatte ja nicht mal Silent Light von Carlos Reygadas einen Verleih in Deutschland – etwas verändert. Das sagt ja alles. Dieser Film ist einer der besten Filme der letzten 20 Jahre, und da bin ich nicht allein, der denkt, dass das ein Meisterwerk ist. Er hat dann zwei Jahre später doch noch einen Verleih gefunden. Peripher, der mit extrem kleinen Mitteln in extrem minimalistischer Form den Film herausgebracht hat. Von „Release“ kann man nicht wirklich sprechen, aber der Film ist dann angelaufen.

Dafür gab es im letzten Jahr im Berliner Kino Arsenal eine Werkschau von Carlos Reygadas, also es gibt dann eben andere Kulturorte, die diese Lücke füllen …
BK: Ja, das stimmt. Aber die Vorgeschichte zu diesem Festival ist die, dass ich die besten Filme die ich in den Jahren 2001 bis 2006 in Cannes gesehen habe, nicht im Kino sehen konnte. 90 Prozent der besten Filme waren nicht greifbar! Das hat sich insofern geändert, als das eben kleinere Verleiher, wie beispielsweise Grandfilm, von denen wir allein in diesem Jahr drei Filme hatten: Angelo, Zombie Child und Vitalina Varela, solche Filme herausbringen. Die drei Filme werden aber leider, fürchte ich, nicht groß laufen. Diese Filme haben zwar einen Verleih, aber sie brauchen unsere Unterstützung trotzdem, weil sie keinen großen Zulauf in den Kinos haben werden.

Also hat sich die Situation insofern verändert, als dass es früher mehr Filme gab, die keinen Verleih hatten, und es jetzt mehr Filme sind, die einen kleinen Verleih haben?
BK: Ja, es ist halbe-halbe. Die Hälfte unserer Filme aus den 14 etwa haben einen Verleih, laufen aber sehr limitiert in den Kinos und sind deshalb fast chancenlos gegenüber anderen Filmen auf der Leinwand.

SB:
Unter den 14 Filmen sind nach wie vor viele Neuentdeckungen, und dafür hatte Bernhard schon immer ein wahnsinnig gutes Händchen. Er hat Dogtooth von Yorgos Lanthimos gezeigt, bevor irgendjemand wusste, wer das ist. Er hat auch Ashgar Farhadi gezeigt, bevor er auf der Berlinale lief.

BK:
Ja, ich habe 2006 Fireworks Wednesday, einen kleinen Film von Ashgar Farhadi, aus Locarno mitgebracht, da kannte den in Berlin noch niemand.

SB:
Wir haben immer noch den Fokus auf Neuentdeckungen, gleichzeitig aber auch ein ganz klares Commitment zu diesen Filmemacherinnen und Filmemachern, deren Werk auch weiter zu zeigen. Also Lanthimos zum Beispiel ist ein ständiger Vertreter bei uns. Das ist kontinuierlich, und da hat Bernhard wirklich das absolute Händchen dafür. Und was auch noch zur Continuity zu sagen ist: Bernhards Paten-Idee ist auch immer noch da. Jedes Jahr suchen wir Paten aus, die die Filme präsentieren, und, wenn internationale Gäste da sind, hinterher diskutieren, was dann natürlich auch wieder ein Mehrwert für die Filme ist, weil das natürlich spannend ist, mit den Filmemachern zu sprechen.

Ja, das Paten-Modell ist sehr attraktiv. Es stellt eine Kommunikation her, ist aber auch für die Branche deshalb interessant, weil man Leute über Filme sprechen hört, die sonst nicht unbedingt in dieser Rolle anzutreffen sind. Mein Eindruck war, dass das Festival gut läuft und auch von der Branche sehr gut angenommen wird. Wie ausgelastet ist es?
BK: Wir hatten letztes Jahr eine Auslastung von Prozent und dieses Mal 76%. Das ist für ein Filmfestival enorm. Und ja, es wird sehr gut von der Branche angenommen. Zuletzt saßen sechs führende Filmemacher des jungen Berliner intellektuellen Kinos in einem Saal!

SB:
Ja, es ist halt nach wie vor so, dass viele dieser Filme nur bei uns auf der Leinwand zu sehen sind! Danach kriegt man sie schon noch bei Netflix, Amazon oder sonst wo, MUBI, aber die Großleinwand ist für viele Filme nur bei uns da.

BK:
Das ist auch etwas, was von Journalisten oft kritisiert wird. Die sagen: „Zeigt doch das, was man sonst gar nicht mehr sehen kann!“ Aber wer geht denn gern, ich nenne jetzt keine Namen, irgendwo in der Pampa in einen Saal mit 50 Plätzen, unbeheizt und schaut sich diese besonderen Filme an? Der Rahmen hier, die Präsentation, auch der Paukenschlag, dass es diese Filme gibt, und die Tatsache, dass die wirklich nur auf einer großen Leinwand ihren Glanz entwickeln, das ist etwas, was uns sehr wichtig ist.

Es ist natürlich auch bei der Auswahl ein Luxus, dass man sich nicht, wie die großen Festivals, auf Weltpremieren und Europäische Premieren beschränken muss, sondern dass man tatsächlich die schönsten und interessantesten Filme einsammeln kann. Welche Auswahlkriterien haben Sie? Gibt es eine Diskussion? Gibt es Beratung? Kann man dem Anspruch, die interessantesten Filme der großen Festivals einzusammeln in dieser kleinen Besetzung überhaupt gerecht werden?
SB: Bernhard guckt natürlich am meisten, weil wir den Luxus haben, dass er durch seine Tätigkeit für das Filmfest München bei den meisten Filmfestivals ohnehin schon vertreten ist. Ich fahre nach Sundance und schaue dort die Filme für uns an. Cannes machen wir gemeinsam, und den Rest macht Bernhard alleine. Wir diskutieren natürlich, das ist ja auch logisch, macht ja auch Spaß. Das eigentlich Schöne am Programmieren sind ja diese Diskussionen.

BK:
Ja, die Auswahl machen wir zu zweit. Es gibt keine Beratung von außen, außer natürlich das, was in Gesprächen mit Kollegen automatisch entsteht. In Venedig, in San Sebastian, in Pusan, in Locarno oder in Rotterdam. Aber Consulting in dem Sinn brauche ich nicht. Ich bin ja internationaler Programmer beim Filmfest München. Und das seit 2008, mit immer mehr Verantwortung. Ich mache dort auch die Juryauswahl, immer mit einem Team, aber ich bin in zentraler Verantwortung für das internationale Programm, für die Jurys und die Wettbewerbe zuständig.

Dementsprechend muss ich natürlich auf dem neuesten Stand der Dinge sein. Und ich werde demnächst auch noch nach Sundance und nach Toronto fahren. Bisher habe ich alle anderen Sachen gemacht, ich war in Sotschi, in Russland, in Tokyo, im Nahen Osten. Abu Dhabi und Dubai habe ich besucht, als es die Festivals dort noch gab. Aus diesen wähle ich das Best-of als Deutschlandpremiere für München aus. Vieles geht uns aber für München auch durch die Lappen, weil es zeitlich ungünstig liegt und die Filme dann lieber nach Hamburg gehen. Hamburg ist dann die nächste Option für die Rechteinhaber. Deshalb könnte man „Around the World in 14 Films“ als Best of Munich und Hamburg bezeichnen. Darüber hinaus sind wir – neuerdings, muss man sagen – mit Deutschlandpremieren jetzt schon auf Augenhöhe mit diesen Festivals, was die Attraktivität unseres Festivals anbelangt. Das kann ich aus erster Hand sagen. Ich bin manchmal schon im Konflikt, dass ich eigentlich für München verhandeln muss – München hat immer Vorfahrt –, aber dann fragen mich die Rechteinhaber, ob sie nicht auch nach Berlin kommen können.

Wahrscheinlich es ist aus der Perspektive der Filmemacher deshalb so attraktiv, weil das Festival kleiner ist. Wie eine Ansammlung kostbarer Einzelstücke, während die Filme bei den größeren Festivals, wie auch in München, manchmal untergehen.
BK: Ja, richtig.

Und die Kriterien? Sie sagten vorher schon, es geht Ihnen hier um ästhetisch besondere Filme mit einer expliziten Handschrift. Gibt es noch andere Kritierien?
SB: Eine Sache ist natürlich die, dass es immer eine Weltreise sein soll. Also es wird immer je ein Film aus den 14 Regionen – die verschieben sich auch immer ein bisschen – gezeigt. Es ist uns extrem wichtig, dass das auch weiterhin so bleibt. Das spielt natürlich beim Kuratieren definitiv auch eine Rolle. Natürlich sind künstlerische Handschriften immer extrem wichtig. Aber man kann ja auch nicht wirklich sagen, was per se ein guter und was ein schlechter Film ist. Aber es gibt immer Filme, die einfach rausstechen. Und die laden wir dann ein.

Ich habe jetzt nicht durchgezählt, aber haben Sie bei den 14 Filmen auch das 50/50-Prinzip im Kopf?
BK: Absolut.

SB:
Dieses Jahr waren zehn unserer Filme von Frauen. Das ist nicht ganz 50/50, wenn man die 28 nimmt. Aber es ist nicht wie beispielsweise in Venedig, da sind wir dann doch bei Weitem besser! Wenn man sich mal die Drehbücher anschaut, dann haben wir 50/50 geschafft dieses Jahr. 50 Prozent der Drehbücher der Filme die wir gezeigt haben, wurden von Frauen oder von Teams mit Beteiligung von Frauen geschrieben. Neun unserer Filme wurden von Kamerafrauen gedreht, was ja schon sehr erstaunlich ist, weil das noch seltener ist.

BK:
Und bei den Patinnen und Paten hatten wir sogar mehr Frauen als Männer in diesem Jahr. Da ist uns die Parität schon wahnsinnig wichtig. Es ist als Zeichen in dieser Zeit sehr wichtig, dass man sich um Parität bemüht. Aber eigentlich sollte es natürlich sein. Wir wollen ja eigentlich alle einen natürlichen Umgang damit und nicht den nach Strichliste. Da tut man ja auch den Frauen keinen Gefallen, sage ich jetzt mal als Mann, wenn man eine Sonderreihe „Filme von Frauen“ macht, das ist ja genau das was man eigentlich vermeiden will.

Ja, das ist ja auch generell die Frage bei der Quote: Will man die Quote wirklich oder ist sie nur ein für den Moment notwendiges Hilfsmittel. Eine Krücke, um etwas ein bisschen zu beschleunigen, was längst überfällig ist. Trotzdem ist es ja aber eine Haltung, wie man sich als Festival dazu verhält.
BK: Ja, das sehen wir beide genauso. Ich könnte mir als Mann im Moment auch gar nichts anderes erlauben. Wenn ich mal zu männlich denke, werde ich darauf regelmäßig aufmerksam gemacht. Das ist auch zwischen uns ein Korrektiv, das ich gern zur Kenntnis nehme. Das habe ich auch immer schon so gelebt. Denn ich bin nun mal ein Mann und ich habe den männlichen Blick. Da gibt es überhaupt nichts zu leugnen. Deswegen ist es auch wichtig, dass man etwas zu zweit macht und nicht allein. Das Zweiermodell, das die jetzt Berlinale hat, ist schön und gut, aber die Frau muss sich da um die Verwaltung kümmern, und der Mann kümmert sich um die Kunst. Bei uns ist es dagegen wirklich paritätisch. Vielleicht liegt das Gewicht des Kuratierens etwas mehr bei mir, weil ich nun mal rumfahre und das Gewicht des Gästemanagements mehr bei Susanne, aber im Prinzip haben wir eine richtige Parität. Dass eben auch die Inhaltlichkeit in jedem Punkt diskutiert wird.

SB:
Und es gibt ja auch andere Möglichkeiten, bestimmte Sachen zu unterstreichen. Zum Beispiel machen wir seit drei Jahren ein Panel mit Frauen. Wir hatten beispielsweise drei Filmemacherinnen eingeladen, und ich habe drum herum ein Panel gemacht, was natürlich wieder Aufmerksamkeit für die Regisseurinnen gebracht hat, die noch ziemlich am Anfang ihrer Karriere stehen. Auf diese Weise tun wir auch etwas, um das Thema zu unterstützen. Dieses Jahr gab es ein Werkstattgespräch mit einer Produzentin, auch da war wieder der Fokus auf dem Frauenthema. Wobei uns natürlich nicht nur das Frauenthema wichtig ist, sondern generell Diversity.

BK:
Ja, darum bemühen wir uns auch. Wenn es einen guten Film über homosexuelle Themen gibt, dann findet der bei uns auch seinen Platz.

SB:
Eine weitere Neuerung ist, dass wir seit zwei Jahren den World Cinema Fund der Berlinale dabei haben am Sonntag und diesen WCF-Tag, an dem wir fünf WCF-Filme zeigen. Einen immer gedacht als Highlight und dann vier neue WCF-Filme. Es liegt in der Natur der Sache, dass das Filme aus anderen Regionen sind. Wir hatten zum Beispiel einen phantastischen Film aus dem Sudan dieses Jahr, der wunderbar war. So kommen auch noch mal neue Stimmen rein, die vorher nicht da waren. Da haben wir in den letzten Jahren nochmal einen Schritt gemacht, uns noch diverser aufzustellen. Wobei die Weltreise an sich die Diversität auch ohnehin immer mit sich bringt.

Das Frauenthema war in den letzten Jahren so präsent mit #MeToo, mit Pro Quote und mit der Forderung nach Parität auf den großen Festivals. Was hat sich da in den letzten Jahren verändert in der Filmproduktion? Macht sich das bei der Filmauswahl der großen Festivals bemerkbar?
BK: Zu wenig noch. Merkwürdigerweise. Es ist so, dass es bei den Top-Filmen von Frauen einen riesigen Run gibt, weil die jeder im Programm haben will. Wir haben in München 2019 fünf der wichtigsten Frauenfilme verloren. Entweder durfte der Film noch nicht gezeigt werden, weil er auf das Festival in Toronto warten musste oder die Verleiher haben sich um den Film gerissen. Es ist im Moment so, dass zu wenig Filme von Frauen da sind.

Also das Interesse ist da, aber die Produktion kommt nicht hinterher?
BK: Ja. Die Förderung ist jetzt schon ziemlich umgepolt. Unabhängig davon ist aber zum Beispiel Venedig immer noch ein Opa-Festival. Ich schätze Herrn Barbera auf eine gewisse Art absolut, als Gentleman und so weiter. Aber seine Auswahl ist diesbezüglich fernab der Diskussion, das ist ganz klar. Auch wenn man in Venedig trotzdem immer noch sehr viele gute Filme findet, das steht außer Frage. Aber Venedig und auch Cannes haben immer noch nicht das Level diesbezüglich erreicht, wie Sundance, wie Locarno, wie Rotterdam, wie verschiedene andere Festivals. Wo Frauen prominent in der Programmverantwortung stehen. Bei den großen traditionellen, etwas behäbigeren Adressen in Europa ist das noch anders.

SB:
Ja, das stimmt sicher. Bei uns allerdings war zum Beispiel der Deutsche Abend komplett in Frauenhand, und das war ein toller Abend. Ich glaube schon, dass sich da was tut. Auch wenn sich immer noch zu wenig tut. Man sollte eigentlich schon weiter sein als man ist. Trotzdem denke ich, dass das Thema klar platziert und auch etabliert ist.

Wo geht das Festival hin? Gibt es vielleicht auch die Möglichkeit, Filme zu zeigen, die noch nicht auf anderen Festivals gezeigt wurden?
BK: Also der künstlerische Value, die Qualität eines Films, ist zu 90 Prozent entscheidend für die Auswahl. Wir steuern auf Zeiten zu, wo sich die besten Filme des Jahres nicht mehr auf 20, sondern auf fünf Festivals finden lassen. Es ist wie in allen anderen Dingen auch, die Zuspitzung auf wenige, fast monopolisierte Adressen hin, so wie man auch nur noch bei Saturn oder im Mediamarkt seine Geräte kauft, so ist es da auch. Man sieht die Filme eben in Cannes, Venedig, Sundance. Und dann muss man schon nachdenken: Locarno zum Teil, und dann eben in Toronto, wo man aber wirklich alles, fast unkuratiert, ohne echte Handschrift, sehen kann.

Davon abgesehen findet man fast nichts mehr, das sich auf dem Level dieser Festivals bewegt. San Sebastian hat noch ein paar eigene Filme, aber die sind dann auch in Venedig und Cannes Reißer. Und Sundance hat es wirklich geschafft, hier noch eine Orginalität für sich zu bewahren. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wie in München, wo wir auch immer darüber diskutieren, Weltpremieren zu zeigen, kommen wir immer wieder darauf zurück, dass wir einem Film, den wir als Weltpremiere zeigen würden, gar nicht wirklich helfen können. Denn die wirkliche Hilfe ist es für einen Film, auf diesen fünf Adressen zu laufen, wo sich alles staut. Und da mir das wichtigste das Best-of ist, wird es sich eher noch verengen und wir werden eher noch mehr Filme aus Cannes zeigen.

SB:
Wobei es auch noch spannend wird, was jetzt in Rotterdam passiert, mit der neuen Spitze, ob sich da nochmal ein anderer Festival-Status einstellt. Und dann muss man auch dazu sagen, ganz pragmatisch, selbst wenn man nicht dieses Best-of machen würde, würde es unseren Rahmen sprengen zu kuratieren. Denn wir sind so schlecht finanziert, dass wir uns einen Einreichprozess gar nicht leisten können.

Und vielleicht ist der ja auch garnicht erstrebenswert, weil das Modell ja gut funktioniert.
BK: Was auch abseits des Konzepts der Weltreise wichtig ist: Wir haben keine Angst vor Glamour. Wir arbeiten auch darauf hin, dass wir den ein oder anderen Weltstar hier auf den Teppich bekommen. Auch wenn wir keinen Teppich haben. Aber wir präsentieren die Filme gut, weswegen wir auch Deutschlandpremieren von großen internationalen Filmen präsentieren – und das ist für das Festival in jedem Fall zuträglich.

Alle Welt spricht über Serien. Ist das ein Thema für Sie?
SB: Nein, das Herz des Festivals schlägt für das Kino, und dabei soll es auch bleiben.

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