Stephen Frears über seine Vorliebe für Biopics, die Zusammenarbeit mit Meryl Streep und die Unmöglichkeit, Leonardo DiCaprio zu engagieren.
Mister Frears, in den letzten 30 Jahren haben wir etliche Gespräche geführt…
Stephen Frears: Absolut. Und so viele Bäume wurden dafür gefällt.
In einigen Interviews sind Sie gesprächig, in anderen eher das Gegenteil und vermitteln das Gefühl, nicht gerne über Ihre Filme zu reden. Woran liegt das?
Das hängt von den Journalisten ab. Interessante Menschen bekommen interessante Antworten. Manchmal sind Interviews sehr langweilig.
Ich versuche mein Bestes: Warum spricht Hugh Grant in der Originalversion plötzlich deutsch und sagt „schnell schnell” und „wunderbar“?
Ich weiß nicht, weshalb Hugh das gemacht hat, im Drehbuch stand es so nicht. Er hat es einfach gesagt, ich finde, so klingt es sehr operettenhaft.
Wenn Sie die Wahl hätten, würden Sie lieber mit Maria Callas oder Florence Foster Jenkins in ein Pub gehen?
Die würden kaum in ein Pub gehen. Natürlich würde ich mich klar für die Callas entscheiden. Aber fragen Sie mich nicht, weshalb.
Was hat Sie an Florence Foster Jenkins interessiert?
Ihr Gesang war völlig lächerlich. Aber zugleich war sie sehr berührend und mutig.
Hätte Sie heutzutage in den Talent-Shows des Fernsehens eine Chance?
Ich habe von diesen Shows zwar schon gehört, aber ich habe mir noch nie eine angeschaut.
Das Publikum scheint Versager zu mögen, das war beim talentlosen Ski-Springer „Eddie the Eagle“ ganz ähnlich …
Mangelnde Perfektion ist eine gute Sache.
Sie haben schon etliche Biopics gedreht. Ist das wahre Leben interessanter, als es sich ein Drehbuchautor ausdenken kann?
Ich glaube, bei Geschichten, die auf dem wahren Leben basieren, kann man mehr Phantasie einsetzen als bei reiner Fiktion. Bloße Fiktion ist eine leichte Übung, da lässt sich alles ohne große Probleme machen. Wenn man es hingegen mit dem realen Leben zu tun hat, gibt es Grenzen. Auf dieser Basis seine Phantasie einzusetzen, scheint mir viel interessanter.
Wie wahrhaftig muss man beim Porträt realer Menschen sein? Wie viel kreative Freiheit kann man sich nehmen?
Ich kann die Frage nicht für Florence beantworten, aber für die Queen: Man hat eine Verantwortung bei seiner Darstellung.
Weshalb gilt das nicht für Florence?
Zum einen lebt sie nicht mehr. Zum anderen weiß man nur wenig über sie. Aber ich bin mir sicher, dass der Film wirklichkeitsgetreu ist – allerdings habe ich mir keine großen Gedanken darüber gemacht.
Unternehmen Sie keine Recherchen vor solchen Biopics?
Bei meinem Film über Lance Armstrong habe ich sehr viel recherchiert, bei Florence schien mir die Vorstellungskraft ziemlich ausreichend zu sein. Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion mit Oliver Hirschbiegel zu Der Untergang in Berlin. Dort erzählte er endlos über die ganzen Nachforschungen, die er unternommen habe. Danach fragte man mich nach den Recherchen für The Queen, und ich antwortete: „Überhaupt keine! Ich kenne die Queen schließlich mein ganzes Leben lang“.
Was hat Sie an dieser Biografie interessiert?
Ich habe das gar nie als Biografie verstanden. Ich dachte einfach, das ist eine gute Geschichte, die dem Publikum Spaß machen könnte.
Was macht eine Geschichte zur guten Geschichte?
Ich weiß nicht. Ich habe das Drehbuch gelesen und mochte es einfach sehr.
David Bowie war stolzer Besitzer einer Platte von Florence Foster Jenkins …
Ebenso wie Elton John einer ist.
Und wie steht es bei Ihnen? Sind Sie gleichfalls Fan?
Ich weiß nicht. Das kann ich nicht beantworten. Wenn man Jenkins zum ersten Mal singen hört, ist das ein großartiges Erlebnis.
Für manche ist es Trash, über den sich leicht lustig machen lässt.
Jenkins war ja auch lächerlich. Allerdings war sie gleichzeitig berührend. Diese Widersprüchlichkeit macht sie gerade interessant. Wobei es wichtig ist, dass man dieser Person ihre Würde lässt.
Als Werbemittel zum Film gibt es Ohrenstöpsel…
Schockierend! (Lacht) Dafür können Sie mich aber nicht verantwortlich machen.
Glauben Sie, Ihre Heldin war ein glücklicher Mensch?
Ich weiß nicht, ob sie glücklich war. Sie war reich. Und ihre Leidenschaft galt der Musik, die sie sehr ernst genommen hat.
Ergeht es Ihnen ähnlich mit Film?
Nein, das würde ich bezweifeln. Ich glaube nicht, dass ich so denke.
Gibt es noch Personen, der Leben Sie gerne verfilmen würden? Donald Trump vielleicht? Oder Kim Jong-un?
Nein, das sind beide lächerliche Menschen. Ich wäre sehr überrascht, wenn ich bei denen etwas Großartiges entdecken würde.
Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie radikale, politische Film gedreht. Sind die Zeiten für dieses Kino vorüber?
Ich kann ja nur solche Filme machen, die mir angeboten werden. Und ich habe kein gutes politisches Drehbuch mehr gelesen seit The Deal, meinem TV-Film aus dem Jahr 2003. Ich würde gerne ein starkes Skript lesen, wenn Sie mir eines schicken möchten. Aber politische Filme sind sehr schwierig zu schreiben.
Wie wichtig sind Stars in der Besetzung?
Zum einen sind Stars sehr gute Schauspieler, zum anderen bringen sie die Zuschauer in die Kinos. Meryl Streep und Hugh Grant sind sozusagen meine Versicherung für diesen Film.
Was macht einen Hugh Grant zum Star?
Hugh ist wie ein böser Junge, der nach Hause kommt – das gefällt dem Publikum sehr. Er ist wie ein verlorenes Kind, das zurückkehrt.
Er spielt hier einen eitlen Schauspieler, wie sehr entspricht das Wirklichkeit?
Hugh ist nicht besonders eitel. Wir zeigen ja auch sein Gesicht, so wie es wirklich aussieht, ganz ohne Tricks. Und in seinem Alter sehen Menschen eben so aus wie er.
Sind Sie bisweilen eingeschüchtert, wenn Sie mit Ikonen wie Meryl Streep oder Judi Dench drehen?
Natürlich, das sind harte Frauen. Und wenn man ihnen nicht die vollständige Beachtung schenkt, bekommt man Probleme. Sie fordern dich ständig heraus.
Streiten Sie bisweilen mit ihren Stars?
Man muss eine Unterhaltung mit ihnen führen. Man kann sich nicht einfach hinlegen. Denn sie werden sie ebenfalls nicht einfach hinlegen. Das sind stolze Frauen. Und wenn man sich dumm anstellt, werden sie es einem sagen.
Welche Rolle spielt Humor für Ihre Arbeit?
Humor scheint mir unverzichtbar. Was wäre die Alternative? Humor ist eine recht schöne Eigenschaft der Briten.
Was ist die wichtigste Eigenschaft für einen Schauspieler?
Ich weiß nicht. Es interessiert mich nicht besonders, auf welche Weise Schauspieler ihre Leistung erreichen. Ich erwarte einfach, dass Sie am Drehort gut sind. Dass sie lustig und interessant auftreten. Für mich sind Schauspieler sehr mutige Menschen.
Was wären Sie geworden, wenn Sie keine Karriere als Regisseur eingeschlagen hätten?
Daran mag ich gar nicht denken. Vermutlich wäre ich eine Art Lehrer geworden.
Ist das Filmemachen einfacher geworden, oder ist es schwieriger?
Die Erwartungen sind natürlich höher. Aber die Arbeit selbst ist einfacher. Für mich ist es heute interessanter als je zuvor.
Verliert man mit dem Oscar nicht das Rebellentum und gehört zum Establishment?
Das ist deprimierend! Ich weiß schon, was Sie meinen. Aber dagegen kann ich ja nichts tun.
Haben Sie das Gefühl, noch etwas beweisen zu müssen?
Dieses Gefühl habe ich ständig. Ich bin überrascht, dass man mich in meinem Alter überhaupt noch Filme drehen lässt. Das Leben gehört heute schließlich den Jungen.
Können Sie jeden Star bekommen, den Sie möchten?
Nein, ganz und gar nicht. Ich glaube, ich könnte Leonardo DiCaprio nicht bekommen.
Würden Sie DiCaprio gerne haben?
Das käme auf die Geschichte an. Hollywood ist eine eigene Gesellschaft. Da gibt es Insider und Außenseiter – und ich gehöre zu den Außenseitern. Das heißt nicht, dass ich dort nicht wohl angesehen bin. Aber es ist komplizierter, als man sich das vorstellt.
Was machen Sie als nächstes?
Ich drehe ein weiteres Mal mit Judi Dench. Ich weiß nicht, wie sie das mit ihren Augenproblemen hinbekommt, aber es wird ihr gelingen. Sie wird Queen Victoria spielen.
Sind Netflix und Co. ein verlockendes Angebot für Sie? Gerade unabhängige Regisseur schwärmen von der totalen Freiheit, die man ihnen dort verspricht …
So denke ich nicht. Ich weiß nicht, was unter „totaler Freiheit“ zu verstehen sein soll. Ich bin ein Regisseur, den man engagiert. Man schickt mir ein Drehbuch und fragt, ob ich das machen möchte. Wenn mir das Skript gefällt, mache ich es. Bei Florence Foster Jenkins gab es keinen einzigen Punkt, an dem man Kompromisse von mir verlangt hätte. Ich habe also absolut keinen Anlass, mich zu beschweren.
