Die Melancholie der Millionäre

Filmkritik

Die Melancholie der Millionäre

| Jakob Dibold |
... kann man nicht erfinden – ein Filmjuwel

Selten, aber doch gibt es sie: Geschichten, die so verrückt sind, dass sie einfach wahr sein müssen. Die Biografie des Dr. Haid scheint von solchen jedoch derart gespickt, dass er einige davon nur bruchteilhaft andeuten kann. Dr. Haid erzählt also sein Leben; ihm zur Seite sitzen mal Herr Gerald und mal Herr Bottler, unspektakulär, ungefiltert, ohne Kunstlicht und mit Störungen durch Telefone oder Gäste, in jenem Zentrum, auf das alle haarsträubenden, anekdotischen Fäden zulaufen: dem Haus im ersten Wiener Gemeindebezirk, das sich im Besitz von Dr. Haid befindet, und von dem Herr Gerald nicht müde wird zu betonen, dass es einer riesigen Kunstinstallation gleichkommt.

Während die Zuhörenden und -sehenden von einer einzigartigen Chronik aus gefälschten Pässen und jüdischer Lebensrealität, Drogenhandel und dubiosen Geschäftsideen, wilden Postenschachereien und wirren Verwandtschaftsverhältnissen und vielem mehr, das zu köstlich überraschend ist, um es hier anzukündigen, regelrecht überflutet werden, entsteht besagtes Zinshaus weniger als Bild vor dem inneren Auge, als dass es sich als seltsames Grundgefühl manifestiert. Irgendetwas scheint man verstanden zu haben, vom Wandel der Zeit, von der Eigentümlichkeit Wiens, von all diesen Menschen, deren genaue Beziehung zueinander sich nie vollständig erschließt.

Wer obendrein genau hinsieht, wird den am ehesten auf der Hand liegenden Vorwurf, Caspar Pfaundler mache es sich angesichts seiner interessanten Protagonisten filmisch ein bisschen zu einfach, entkräftet sehen: Die großteils statischen Einstellungen entsprechen im Kern dem Wesen, das Dr. Haid als das seine preisgibt, das eines Depressiven, umhüllt von Besitz, einerseits getrieben von der Suche nach Zwischenmenschlichkeit, andererseits von ihr gelähmt. Wie sollte man diese stetig beeindruckte Unbeeindrucktheit besser versinnbildlichen als durch sich draußen, in der Außenwelt, an der Sonne vorbeischiebende Wolken, die die Gesichter der Sprechenden abdunkeln und wieder aufhellen? Wie also den Erzählungen und Berichten sowohl Tragik als auch Komik und gerade in ihrer Absurdität eine besondere Authentizität innewohnt, wirkt die Inszenierung just durch ihre scheinbare Schlichtheit in einer Größe und Tiefe, die der vollständigen Entfaltung nicht nur des Gesagten, sondern auch des Körpersprachlichen angemessen ist.

Die titelgebende Melancholie schwappt dabei kaum einmal über, eher hinterlässt der Film das Gefühl einer leicht kribbelnden Fassungslosigkeit – über das Wahnwitzige und Besondere, aber auch über das Paradoxon ungreifbarer Intimität.