Der legendäre US-Filmkritiker Jonathan Rosenbaum über den kulturellen Zustand seines Landes und darüber, warum die Filmkritik nicht ausstirbt, sondern in einem anderen Universum wuchert.
Er macht es nicht mit Absicht, denn dazu ist er viel zu bescheiden, aber wenn man sich mit Jonathan Rosenbaum unterhält, dann fallen schnell Namen wie Jim Jarmusch, Orson Welles oder Jaques Tati – Künstler, denen er im Lauf seiner jahrzehntelangen, beeindruckenden Karriere begegnet ist. Der inzwischen 75-jährige, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Filmkritik, wuchs in Florence auf, einer kleinen Stadt in Alabama, wo sein Großvater eine Kinokette besaß. Rosenbaum hat seine Kindheit später in einem legendären Buch verarbeitet, „Moving Places: A Life at the Movies“, einer Art Proust’scher Roman darüber, wie ihn Filme beeinflusst haben. Während seiner „prägenden“ Jahre in Paris von 1969 bis 1975 begann der studierte Literat seine Arbeit als Film- und Literaturkritiker für „The Village Voice“, „Sight & Sound“ und „Film Comment“. Für ein paar Tage war er Assistent von Jacques Tati, und er war Komparse in Robert Bressons Quatre nuits d’un rêveur (Vier Nächte eines Träumers; 1971). Gelobt von Jean-Luc Godard als einer der besten Filmkritiker, ist Rosenbaum ein Förderer von ausländischen Filmen in den USA und hat den Zustand der US-Filmlandschaft in seinem wohl bekanntesten Buch „Movie Wars: How Hollywood and the Media Limit What Movies We Can See“ beklagt.
An seinem 65. Geburtstag zog er sich vom „Chicago Reader“ zurück, nachdem er bei der US-Wochenzeitung zwanzig Jahre lang als Chef-Filmkritiker gearbeitet hatte, aber von Ruhestand merkt man bei ihm nichts. Er hat seine eigene Website, besucht Filmfestivals und arbeitete zuletzt als Consultant an The Other Side of the Wind (Orson Welles’ unvollendeter Satire über die letzten Tage eines legendären Regisseurs), das noch heuer auf Netflix erscheinen soll. Mit „ray“ sprach Rosenbaum über den Kulturzustand seines Heimatlandes, eine neue Cineastik und über etwas so herrlich Widersprüchliches wie die Idee, dass Amerikaner Vergnügen hassen.
Ihr Großvater besaß eine kleine Kinokette in ihrem Heimatort in Alabama. Sie sind also im Kino aufgewachsen.
Jonathan Rosenbaum: Es gab eine Zeit, da führte meine Familie drei Kinos in einem Umkreis von drei Blocks! Ich konnte praktisch von einem zum anderen gehen. Mein erstes Buch handelt von dieser Erfahrung: „Moving Places: A Life at the Movies”. Ich habe darin herauszufinden versucht, welche Wirkung Filme auf mich als Kind hatten.
Klingt wie ein spannendes Sozialexperiment. Welche Wirkung hatten Filme denn auf Sie?
Jonathan Rosenbaum: Ganz unterschiedlich. Es gibt einen Film, der mich als Kind sehr verstört hat, The Unfinished Dance mit Margaret O’Brien. Ich erinnerte mich nur an eine bestimmte Szene, die mich wirklich ängstigte, in der ein kleines Mädchen sich im Keller eines Theaters versteckt. Ich war fünf oder sechs Jahre alt, als ich ihn gesehen habe. Diese einzelne Szene war deshalb so befremdend, weil das kleine Mädchen aus Trotz die Karriere einer Tänzerin sabotierte. Ich habe diese Verbindung nie verstanden. Aber als ich den Film später wieder sah, war es mir klar. Der Film Bird of Paradise von King Vidor brachte mich dazu, meinen religiösen Glauben als Jude zu verlieren. Dolores del Rio spielt darin eine Jungfrau, die in einen Vulkan springt, um sich zu opfern! (Lacht.) Das ist das erste Kapitel von „Moving Places“.
Paris ist ein besserer Ort, um einen Western zu sehen als New York City. Bis heute! Es ist ein großartiger Ort, um etwas über Film zu lernen
Sie sind nach Ihrem Literaturstudium in den USA für fünf Jahre nach Paris gegangen. Hatten Sie die Nase voll von amerikanischen Filmen?
Jonathan Rosenbaum: Nein. Tatsächlich würde ich sagen, dass ich viel von meiner Wertschätzung für amerikanische Filme in Paris gelernt habe. Ich mag die französische Herangehensweise an amerikanisches Kino mehr als die amerikanische. Sie ist viel mehr an Ästhetik orientiert. Paris ist ein besserer Ort, um einen Western zu sehen als New York City. Bis heute! Es ist ein großartiger Ort, um etwas über Film zu lernen. Als ich zum ersten Mal nach Paris ging, war ich erstaunt, dass sie Aerograd von Alexander Dovzhenko im Kino zeigten, was fast nirgendwo anders auf der Welt vorstellbar war. Dieser Aspekt interessierte mich, und dann natürlich die ganze romantische Sache über all die großen amerikanischen Schriftsteller, die in den zwanziger Jahren nach Paris gegangen waren. In Paris zu sein, hatte im Allgemeinen eine tiefe Wirkung auf mich als Person. Ich denke, die Franzosen verstehen mehr von der Kunst zu leben als viele Amerikaner.
Während Ihrer Zeit in Paris fingen Sie an, als Filmkritiker zu arbeiten, oder?
Jonathan Rosenbaum: Damals fing ich an, es halbwegs professionell zu machen. Ich begann für „Film Comment“, „Sight & Sound“ und „The Village Voice“ zu schreiben.
Und Sie begegneten sehr bald Orson Welles …
Jonathan Rosenbaum: Während meiner frühen Tage in Paris arbeitete ich an meinem ersten richtigen Artikel für den „Film Comment“ über Welles’ erstes Filmprojekt, das er nie gemacht hat: Heart of Darkness. Das war noch vor Citizen Kane. Ich hatte eine Kopie des Drehbuchs. Ich schrieb ihm einen Brief und schickte ihn an einem Samstagnachmittag an sein Büro. Ich dachte nicht, dass ich eine Antwort bekommen würde. Ich blieb die ganze Nacht wach, um einen Entwurf des Artikels fertigzustellen, also ging ich um 7 Uhr früh schlafen. Zwei Stunden später klingelte das Telefon. „Hier ist der Assistent von Mr. Welles. Mr. Welles fragt sich, ob Sie heute mit ihm Mittagessen möchten.“ Also traf ich ihn für eine Stunde. Und ich brachte kein Tonbandgerät mit, weil ich sicher war, dass ich das Glas am Tisch umgeworfen hätte. (Lacht.) Ich war hundemüde und ich war so schockiert, dass er mich zum Mittagessen einlud. Das war die einzige direkte Begegnung mit ihm.
Sie haben in Paris auch kurz für Jacques Tati gearbeitet.
Jonathan Rosenbaum: Ich wurde als Script Consultant angeheuert, aber was er wirklich wollte und brauchte, war ein Publikum, und dafür hat er mich bezahlt. (Lacht.) Er war ein Performer. Es war irgendwie unglaublich. Er hatte alle Charaktere gespielt und alle Soundeffekte gemacht und zugesehen, wie ich darauf reagierte. Das war seine Art zu denken. Er war sehr niedergeschlagen zu dieser Zeit. Er war bankrott, obwohl er eine sehr erfolgreiche Karriere hinter sich hatte. Er machte das, was ich für seinen größten Film halte, und verlor sein ganzes Geld.
Welcher Film war das?
Jonathan Rosenbaum: Es war kein Film, den er gemacht hat, sondern ein Film, den er vorhatte zu drehen mit dem Titel Confusion.
Sie machen sich stark für die Verbreitung ausländischer Filme in den USA. In Ihrem Buch „Movie Wars: How Hollywood and the Media Limit What Movies We Can See“ geht es um Machtstrukturen in der US-amerikanischen Film- und Medienlandschaft. Denken Sie, dass Amerikaner die Filme bekommen, die sie verdienen?
Jonathan Rosenbaum: Zu sagen, dass sie die Filme bekommen, die sie verdienen, klingt fast Trump-artig, so feindselig. Ich mag es nicht, so aggressiv zu sein. (Lacht.) Ich glaube nicht, dass Sie den Amerikanern die Schuld am Kino geben können, weil sie es sich nicht wirklich aussuchen können. Da gibt es diesen Witz in meinem Buch: Da ist ein Stand in Florida, der verkauft Orangensaft für einen Dollar. All you can drink! Und dann geben sie Ihnen einen kleinen Becher und sagen, das ist alles, was Sie für einen Dollar trinken können. So funktioniert die Filmkultur. Ich glaube nicht, dass die Leute wissen, was sie wollen. Wer den Informationsfluss kontrolliert, kontrolliert die Industrie, und die Studios und die Milliardäre kontrollieren das. Amerikaner tendieren dazu, Geld machen zu wollen, und alles andere herabzustufen – was für mich eine sehr langweilige Kultur hervorbringt. Das ist für die meisten Menschen eine zunehmend negative Situation, aber für Menschen, die sich davon befreien wollen, gibt es eine Gegenkultur. In Los Angeles laufen die Menschen ins Kino im Einkaufszentrum und haben die Wahl zwischen „Transformers“, „The Fast and the Furious“ und dem neuesten Superhelden-Blockbuster – provokant ausgedrückt. Es gibt kein großes „Buffet“ von Filmen. Das hat Amerika der Sowjetunion vorgeworfen. Kontrollierte Kultur. Genau das ist es. Es ist im Grunde die kapitalistische Version des Stalinismus. (Lacht.)
Sie haben „Movie Wars“ im Jahr 2000 veröffentlicht. Seitdem hat sich sehr viel verändert.
Jonathan Rosenbaum: Im Grunde genommen sind DVDs und das Internet entstanden, was in mancher Hinsicht einige Punkte verstärkt hat. In Bezug auf die Machtverhältnisse, die in der Filmkultur existieren, ist es immer noch aktuell. Aber es ist veraltet in dem Sinn, dass es nicht die Arten von Kulturen, die sich im Internet und über das Internet entwickeln, berücksichtigt – und auch den sich verändernden Status der Filmkritik. Viele Leute denken, die Filmkritik stirbt. Ich denke, sie gewinnt im Grunde an existenzieller Authentizität, weil die Menschen, die über Filme schreiben, es tun wollen. Sie machen es nicht des Geldes wegen.
Aber das war schon immer so, oder nicht?
Jonathan Rosenbaum: Das war schon immer so, aber früher gab es mehr Möglichkeiten, Geld damit zu verdienen und dementsprechend mehr Menschen in diesem Beruf, die sich für Film gar nicht interessierten.
Also ist die Filmkritik nicht vom Aussterben bedroht?
Jonathan Rosenbaum: Sie wuchert, aber sie wuchert in einem anderen Universum (Lacht.) Und ich denke nicht, dass das eine schlechte Sache ist. Zumindest profitiere ich davon. Ich habe nicht die gleiche Abneigung wie einige meiner Zeitgenossen, die das Internet nicht mögen und Dinge wie Facebook. Wenn Sie es durchforsten, gibt es im Internet sehr viele gute Dinge. Ich kenne eine Menge Leute in ihren Zwanzigern, die mehr über Film wissen, als ich in diesem Alter je hätte wissen können, denn es gibt mehr Zugang. Und es gibt mehr Freiheit, denn mit anderen Worten: Sie können wählen, was Sie sehen.
Also ist mit dem Internet sozusagen eine neue Cineastik entstanden?
Jonathan Rosenbaum: Nehmen Sie zum Beispiel jemanden wie den portugiesischen Filmemacher Pedro Costa. Auch wenn er ein vernachlässigter Filmemacher ist, so hat er doch Retrospektiven auf der ganzen Welt bekommen. Wenn das in den Sechzigern gewesen wäre – angeblich ja das Goldene Zeitalter der Cineastik – bezweifle ich, dass irgendjemand von Pedro Costa gehört hätte. Das ist definitiv besser geworden. Es gibt Respekt und eine Vorliebe für schwierige Filme, die es in den Sixties nicht gab. Selbst Leute, die Robert Bresson mochten, hielten ihn für einen Witz. Er wurde in einem lächerlichen Ausmaß als manieristisch angesehen. Aber Sie sehen, es ist erstaunlich, wie sich das verändert hat.
Wie hat das Ihre eigene Arbeit beeinflusst?
Jonathan Rosenbaum: Ich fühle heute eine engere Beziehung zu den Menschen, für die ich schreibe, als während meiner zwanzig Jahre beim „Chicago Reader“. Es ist jetzt interaktiver. Und ich habe natürlich mehr Kontrolle auf meiner Website.
Manche Menschen argumentieren, dass die Filmkritik tot ist, weil die Grenzen zwischen Kritik und Werbung zu oft verschwimmen.
Jonathan Rosenbaum: Infotainment, ja. Deshalb gehöre ich nicht zur Chicago Film Critics Association. Es gibt ein paar gute Kritiker in Chicago, aber der Anspruch hält sich in Grenzen. Viele Amerikaner denken, dass Roger Ebert ein großer Kritiker war. Nun, er war ein netter Kerl, aber außerhalb der USA spielte er keine Rolle.
Sie haben beide für Chicagoer Medien gearbeitet, Sie für den „Reader“, Roger Ebert für die „Sun“. Waren Sie Freunde? Oder gar Feinde?
Jonathan Rosenbaum: Es gab überhaupt keinen Konkurrenzkampf zwischen uns. Nur war es manchmal ein Problem, dass die Medien zwar sehr interessiert daran waren, Gene Siskel und Roger Ebert für die Pressevorführungen zu bekommen, sich aber nicht so sehr um den Rest von uns kümmerten. Ich erinnere mich, einmal 45 Minuten lang auf Gene Siskel gewartet zu haben, damit wir einen Film sehen konnten. Sie wollten nicht ohne ihn anfangen. Die meisten Leute wussten nicht, dass die TV-Show der beiden von Disney gesponsert war, was bedeutete, dass sie alle Disney-Filme rezensierten. Es stand ihnen frei, sie nicht zu mögen, aber diese Filme bekamen mehr Publicity. Ich kam mit Roger aus, aber ich mochte Gene nicht besonders. Er war nur einmal in Cannes, und er war so beleidigt, dass man ihn dort nicht wie einen Star behandelte, dass er nie wieder kam! (Lacht.)
Sie sagten neulich, dass „Amerikaner Kunst hassen“. Erklären Sie das ein bisschen.
Jonathan Rosenbaum: Amerikaner hassen Vergnügen auf gewisse Art und Weise. Sie sehnen sich danach wie kleine Kinder, aber gleichzeitig ist es eine puritanische Reaktion. Sie halten es für schmutzig. Und Kunst ist das schmutzigste Vergnügen von allen. Es ist merkwürdig, aber ich denke, einer der Gründe, warum Leute Trump mögen, ist, weil er keinen Geschmack hat. Wir hatten Präsidenten mit gutem und schlechtem Geschmack, aber Kunst ist etwas, das es für ihn nicht wirklich gibt.
Amerikaner lieben doch aber Filme. Sind die nun reine Unterhaltung oder hohe Kunst?
Jonathan Rosenbaum: Film ist beides, und das ist, was ihn interessant macht. Er muss fast beides sein. Eines der Dinge, die ich am zweiten Teil von Eisensteins Iwan der Schreckliche liebe, ist, dass es ein Film ist, der gleichzeitig Avantgarde und Walt Disney ist. Ich liebe das. Es ist Flash Gordon, aber es ist auch Jackson Pollock. (Lacht.) Das ist in gewisser Weise … die beste Kunst.
Filmkritiker werden oft verdächtigt, gescheiterte Künstler zu sein.
Jonathan Rosenbaum: Das stimmt, es sei denn, Sie gehen davon aus, dass Filmkritik eine Kunstform ist. Das habe ich an Manny Farber geliebt. Er hielt sie für eine Kunstform, und das tue ich auch. Er war mein absoluter Favorit unter den Filmkritikern wegen seines Schreibstils und Filmgeschmacks, seines Wissens über andere Künste, seines Humors und weil er sich weigerte, kommerziellen Interessen nachzueifern. Für mich ist Filmkritik mehr, als nur über Film zu schreiben. Sie müssen über das Leben schreiben. Wenn Sie das tun und wenn Sie es ernst meinen, dann ist das Kunst.
Wollten Sie jemals Filme machen?
Jonathan Rosenbaum: Ich wollte nie Filmemacher sein, denn das bedeutet, von Menschen mit Geld abhängig zu sein, wohingegen ich als Autor nur ein Stück Papier brauche.
Man stellt mir diese Frage sehr oft, und ich mag sie nicht besonders, weil ich keine Antwort darauf habe. Vielleicht haben ja Sie eine: Was ist ihr Lieblingsfilm?
Jonathan Rosenbaum: Seit Jahren nenne ich immer drei: Jacques Tatis PlayTime, und zwei von Carl Theodor Dreyer: Das Wort und Gertrud.
Erinnern Sie sich an Ihre erste veröffentlichte Filmkritik?
Jonathan Rosenbaum: Mein Vater schrieb eine wöchentliche Kolumne für die lokale Zeitung über die Filme, die wir spielten. Ich habe es einmal übernommen. Ich kannte damals den Unterschied zwischen Werbung und Kritiken nicht, aber ich habe versucht, es wie eine Rezension zu machen! Das war in den Fünfzigern, und ich erinnere mich an den Disney-Kurzfilm Toot, Whistle, Plunk and Boom, der mir sehr gut gefallen hat. Es war nicht wirklich eine Kritik. Ich habe nur gesagt, dass ich den Film mochte.
