Berlinale - Undine

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Herzlichen Glückwunsch, Berlinale!

| Pamela Jahn |
Das größte deutsche Filmfestival wird 70 und feiert sein Jubiläum unter neuer Leitung. Die kommenden Tage werden zeigen, ob der Wechsel jedoch tatsächlich auch einen Neuanfang bedeutet.

Wird man ihn am Ende doch noch vermissen? Den Hut, sein stets leicht verschmitztes Lächeln und, natürlich, den ewig roten Schal. Dieter Kosslicks Vermächtnis liegt wie ein zarter Nebel über dem Potsdamer Platz an diesem Eröffnungstag. Denn ab heute Abend geht die Berlinale in ihre mittlerweile 70. Runde und lädt einmal mehr für zehn Tage zum Schauen, Staunen, Diskutieren, Lachen und Weinen. Es ist ein Jubiläumsjahrgang für das Festival, aber der erste mit einem neuen, von nun an zweiköpfigen Führungsteam. Der Italiener Carlo Chatrian, der zuvor das Locarno Festival leitete, hat die künstlerische Leitung übernommen, während die Niederländerin Mariette Rissenbeek mit der Geschäftsführung betraut wurde. Aber was bedeutet das tatsächlich für die Gestalt und vor allem dem Inhalt des Festivals, das Kosslick zuvor 18 Jahre lang dirigiert und mit seinem persönlichen Geschmack so entscheidend mitgeprägt hat? Die Erwartungen könnten größer kaum sein: Mehr Qualität, eine feinere Auswahl, kurzum: ein kompletter Neustart wird erhofft, der die Berlinale zum 70er wieder zu dem großen, politischen Festival macht, das es einmal war.

Zum Auftakt geht es jedoch weniger um große Politik als um die Literatur, denn als Eröffnungsfilm hat man sich heuer für My Salinger Years des kanadischen Regisseurs Philippe Falardeau entschieden. Ein moderater Auftakt, möchte man meinen, denn der einzige wirklich große Star in der Besetzung ist Sigourney Weaver. Was natürlich nichts heißen muss im Hinblick auf die Tauglichkeit des Films. Spannender und bisweilen kontroverser wird es jedoch, wenn man einen Blick auf den Wettbewerb wirft, in dem dieses Jahr „nur“ achtzehn Filme um den Goldenen Bären konkurrieren, dafür jedoch keine Titel außer Konkurrenz präsentiert werden – eine kleine Neuerung immerhin.

Vielversprechend klingen vor allem die zwei Beiträge aus Deutschland: Burhan Qurbanis in die Jetztzeit versetzte Adaption von Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz sowie Christian Petzolds mythologische Annäherung an die Hauptstadt in Undine. Nachdem man den Ausnahmeregisseur vor zwei Jahren, als seine hervorragende Literaturverfilmung Transit im Wettbewerb lief, bei der Preisvergabe so sträflich übergangen hat, bleibt zu hoffen, dass, sollte der Film es hergeben, es in diesem Jahr etwas gerechter zugeht.

Darüber hinaus sind auch zahlreiche etablierte internationale Autorenfilmer vertreten, von Berlinale-Stammgästen wie dem Koreaner Hong Sangsoo (The Woman Who Ran) und der Britin Sally Potter (The Roads Not Taken), über den Franzosen Philippe Garrel (The Salt of Tears), die US-Amerikanerin Kelly Reichardt (First Cow), bis hin zu dem kambodschanischen Regisseur Rithy Panh, der mit Irradiated ein weiteres Kapitel seiner eindrucksvollen Chronik über das Regime der Roten Khmer vorstellt. Tief ins Genrekino begibt sich die argentinische Regisseurin Natalia Meta in ihrem Horrorfilm Intruder, indem sie die Grenzen von Körper und Bewusstsein auslotet, während der Italiener Giorgio Ditti mit einem eigenwilligen Künstlerfilm aufwartet, in dem er sein persönliches Porträt des 1965 verstorbenen Malers Antonio Ligabue in poetischen Bildern nachzeichnet. Eher abstrakt gibt sich auch der Italo-Amerikaner Abel Ferrara in seinem neuesten Projekt, das er mit seinem Lieblingsschauspieler Willem Dafoe verwirklicht hat. In Siberia begeben sich der Regisseur und sein Star ohne strukturierte Handlung auf eine Reise ins Unbekannte, die, wie bei Ferrara üblich, düster und unberechenbar ist und in alle Richtungen gehen kann.

Tatsächlich ist nicht alles in diesem Wettbewerb schwere Kost. Zu den leichter daherkommenden Beiträgen zählt die Sozialkomödie Delete History des französischen Regie-Duos Benoît Delépine und Gustave Kervern. Aber es sind vor allem die großen Dramen, die großes Kino versprechen: Die Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond etwa fragen in ihrem Wettbewerbsbeitrag Schwesterlein nach der Verantwortung für das eigene Leben und das der Liebsten; der Brasilianer Caetano Gotardo schaut auf die Kolonialgeschichte in seinem Land und widmet damit gleichzeitig den Frauen in seiner Heimat ein einfühlsames Porträt; der taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-Liang erzählt in Rizi von der Annäherung zweier Männer in einer einzigen gemeinsamen Nacht; und auch das Sozialdrama Bad Tales der italienischen Brüder Damiano und Fabio D’Innocenzo sowie Eliza Hittmans sensible Coming-of-Age-Geschichte Never Rarely Sometimes Always versprechen jeweils auf ihre eigene Art und Weise Emotionen pur.

Die Entscheidung darüber, wer letztlich welchen Bären verdient, liegt in diesem Jahr in den Händen einer Internationalen Jury, der der britische Schauspieler Jeremy Irons als Präsident vorsteht. Mit seiner Wahl hatte das Festival bereits vorab für den ersten kleinen Skandal gesorgt, zumal Irons, der sich auf der Leinwand gerne als Gentleman gibt und mit Abgründen spielt, in seinen öffentlichen Äußerungen hingegen gerne quer schießt und sich damit bewusst zwischen die Stühle setzt. Vielleicht ist er deshalb aber auch genau der richtige Vorstand für diese Jury (zu der unter anderem auch die Schauspielerin Bérénice Bejo, der Autor und Filmemacher Kenneth Lonergan sowie der brasilianische Regisseur Kleber Mendonça Filho gehören) und für diesen Wettbewerb. Ihm zumindest dürften nicht zuletzt die mit Abstand radikalsten Filme dieses Jahrgangs zusagen: There Is No Evil des Iraners Mohammad Rasoulof sowie das Kunst-Film-Werk DAU. Natasha von Ilya Khrzhanovskiy und Jekaterina Oertel.

Die Auswahl (übrigens auch über den Wettbewerb hinaus) klingt zunächst einmal mutig, engagiert und darauf bedacht, Zeichen zu setzen. Ob sie jedoch tatsächlich einen Richtungswechsel für das Festival bedeutet wird sich erst zeigen, wenn die Filme gelaufen sind. In zehn Tagen wissen wir mehr.