Spides

Serie | Interview

Gegen die Monokultur

| Kay Hoffmann |
Rainer Matsutani über seine achtteilige Science-Fiction-Serie „Spides“, über die Primetime-Tauglichkeit von Horrorfilmen und über das Elend des deutschen Genrekinos.

Rainer Matsutani gehört zu den vielseitigsten Film- und Fernsehregisseuren in Deutschland und zu den Wenigen, die sich ganz dem Genrekino verschrieben haben. Am 5. März startet Spides im deutschsprachigen Raum auf dem Syfy-Kanal und anschließend weltweit. Matsutani ist Drehbuchautor, Showrunner, Ko-Regisseur und Hauptverantwortlicher der Serie, die in Berlin und Brandenburg gedreht wurde. Spides folgt Nora, einer jungen Frau aus Berlin, die nach Einnahme der Partydroge „Blis“ ohne Erinnerung an ihr früheres Leben aus dem Koma erwacht. Die Ermittler David Leonhart und Nique Navar gehen der Spur der geheimnisvollen Droge nach und finden eine Verbindung zu zahlreichen vermissten Teenagern. Nach und nach wird Nora bewusst, was mit ihr passiert, und sie beginnt eine unglaubliche Verschwörung aufzudecken: Aliens versuchen mit der synthetischen Droge, Menschen zu infiltrieren und deren Körper als Wirt zu benutzen. Je näher Nora der Wahrheit kommt, desto mehr gerät ihr eigenes, dunkles Geheimnis ans Licht. Denn sie ist der Schlüssel zur Invasion, die sie zu bekämpfen versucht.

In den Hauptrollen sind Rosabell Laurenti Sellers (Games of Thrones), Falk Hentschel (Legends of Tomorrow) und Florence Kasumba (Avengers) zu sehen. Weitere Rollen haben Désirée Nosbusch, Francis Fulton-Smith und Damian Hardung übernommen. Nach eigener Aussage hatte Matsutani bei Spides die größte Freiheit seit seinem Kino-Spielfilmdebüt, der schwarzen Komödie Nur über meine Leiche (1995).

Worin besteht für Sie das Besondere an Ihrer Serie?
Rainer Matsutani: Spides ist ein SciFi-Alien-Verschwörungsthriller, der in Berlin spielt, und allein diese Kombination ist besonders. Erstens, weil in Deutschland der Genrefilm seit Jahrzehnten unterpräsentiert ist. Zweitens, weil wir keine geleckte Raumschiff-Serie sind, sondern wir Berlin von seiner rauen, schmutzigen und finsteren Seite zeigen und mitten in diese lebendige, komplexe Metropole eine Alien-Invasion platzen lassen.

Sie haben die Serie sechs Jahre lang entwickelt. Warum war die Finanzierung so schwierig?
Rainer Matsutani: Es waren Genrefilme und -serien, die meine Leidenschaft für den Film entfacht haben. Wenn man von Leidenschaft getrieben wird, hat man automatisch die notwendige Energie und Hartnäckigkeit, Niederlagen einzustecken. Und von denen gab es in der Vorgeschichte zu Spides viele. Aber schließlich haben wir es geschafft, obwohl wir ja wussten, dass es eigentlich nicht zu schaffen war. Produzent Alex Kiening und ich haben in Deutschland jeden Stein umgedreht, waren buchstäblich bei allen Sendern. Aber wir haben nur Absagen kassiert, denn Genre ist in Deutschland nach wie vor verpönt. Wir haben uns dann entschlossen, das Ganze ohne deutschen Sender im Rücken international aufzuziehen. Gemeinsam mit unserem Ko-Produzenten und Weltvertriebschef Bernd Schlötterer von Palatin Media konnten wir den amerikanischen Sender NBC Universal überzeugen, das Risiko einzugehen.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?
Rainer Matsutani: Steve Patschek, der Chef von NBC Universal International, stellte mir bei der ersten und alles entscheidenden Telefonkonferenz gleich die Frage: „Rainer, can you make an international scifi series?“. Das habe ich bejaht; für jede andere Antwort war es sowieso zu spät. Danach ging alles sehr schnell. Wir einigten uns darauf, den erfahrenen US-Writer Peter Hume dazu zu holen, der unsere acht entwickelten Episoden-Drehbücher überarbeitete. Er hat hervorragende Dialoge geschrieben. Das Fundament blieben jedoch immer die Bücher, die ich im Writer’s Room mit meinen deutschen Autoren entwickelt hatte.

Konnten Sie alle Ihre Ideen umsetzen?
Rainer Matsutani: Wir haben direkt mit NBC Universal London und Los Angeles kommuniziert. Es gab wesentlich weniger Vorgaben als mit einer deutschen Redaktion. Ich hatte als Showrunner weitgehend freie Hand, sowohl inhaltlich als auch bei der Besetzung. Nur die drei Hauptrollen mussten mit NBC Universal und dem Weltvertrieb abgestimmt werden.

Wie sah Ihr visuelles Konzept aus?
Rainer Matsutani: Wir erzählen die düstere Seite von Berlin heute. Für uns war es reizvoll, die authentische, ungeschönte Metropole mit Effekten zu kombinieren. Mit unserem Handkamera-Stil, den tollen Motiven und hervorragenden Departments in Ausstattung, Kostüm und nicht zuletzt den tollen Effekten der VFX-Firma Baby Giant Hollyberg gelang es uns, einen außergewöhnlichen Look zu kreieren, der sowohl modern als auch edgy ist. Wir haben an die 900 Visual Effects, das ist alleine von der Zahl her eine gewaltige Menge. Es gibt eine Menge Monster-Shots, Transformationen bzw. Mutationen. Ich will aber nicht zu viel verraten.

Sie haben für Kino und Fernsehen gearbeitet. Wie unterscheidet sich davon die Arbeit an einer solchen Serie?
Rainer Matsutani: Ich bin im Kino groß geworden und habe die großen Klassiker immer noch im Kopf. Aber die Film- und Medienlandschaft befindet sich im rasanten Wandel. Im deutschen Kino hätte ich solch einen Stoff nie realisieren können. Dort herrscht der Monokultur-Dreiklang aus Beziehungskomödie, Arthouse und Kinderfilm. Das „New Golden Age of TV“ bietet von der Genre-Vielfalt her derzeit viel reizvollere Möglichkeiten. Dennoch werde ich das Kino nicht aufgeben.

Woher kommt Ihre Faszination für das Genrekino?
Rainer Matsutani: Ich bin als Kind in Japan Anfang der siebziger Jahre mit der dortigen Genre-Kultur groß geworden. Dort gab es im TV Superhelden wie Ultraman und UltraSeven. Das waren Schauspieler in futuristischen Gummi-Kostümen, die gegen Monster aus dem All kämpften, ähnlich wie beim Kino-Pendant Godzilla. Oder damals populäre Animes wie Tiger Mask oder Ogombato. Als ich als kleiner Junge nach Deutschland zurückkehrte, gab es nur langweiliges pädagogisches Fernsehen wie Das feuerrote Spielmobil und Rappelkiste zu sehen. Ich denke, ich habe immer das aufregende, bunte japanische Fernsehen vermisst und wollte es für mich re-kreieren. Das hat mich schließlich dazu gebracht, Regisseur zu werden.

Warum hat es das Genrekino in Deutschland so schwer?
Rainer Matsutani: Das liegt in der Mentalität der Deutschen begründet. Die deutsche Kultur war nie auf Entertainment und Handlung ausgerichtet, ganz im Gegensatz zur angelsächsischen. Denken Sie nur an die spektakulären Shakespeare-Dramen oder die Hemingway-Romane und vergleichen Sie das mit den Werken von Goethe oder Mann. Bei den deutschen Autoren dient Handlung eher als Gerüst für kulturphilosophische Abhandlungen. Dementsprechend hat Genre hierzulande den Anstrich von „Schund“. Die Unterscheidung zwischen E und U (Ernst und Unterhaltung) lebt in Deutschland immer noch sehr wirksam. Ein weiterer Aspekt ist die jüngere deutsche Geschichte. Die Nazis haben Mythen und mythische Symbole missbraucht, um den Deutschen ihre heldenhafte Arier-Überlegenheit einzutrichtern. Germanische Götter und Sagen, Fackelzüge, das ganze Pathos. Diese mythischen Symbole wirkten sehr emotional. Nach dem Desaster des Zweiten Weltkrieges und den unsäglichen Verbrechen im Zeichen des Hakenkreuzes entschlossen sich die Deutschen, kein mythisches Gedankengut mehr in ihre Gefühlswelt reinzulassen. Damit wurde jedoch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Mythen und klassische Heldenreisen gehören zur seelischen DNA der Menschheit und sind auch die Grundbausteine der erfolgreichsten Mythen-Maschinerie der Welt: des Hollywood-Kinos. Schauen Sie sich die erfolgreichsten hundert Filme aller Zeiten an. Das sind fast alles klassische Mythen und Märchen in moderner Form: Avengers, Avatar, Herr der Ringe, aber auch die Pixar-Filme. Dagegen wirken deutsche Filme sehr kopflastig und anämisch.

Warum mussten Sie so oft Kompromisse machen bei Ihren Filmen?
Rainer Matsutani: Bei dem Horrorfilm Zimmer 205 – Traust Du Dich rein? war ProSieben der ko-produzierende Sender und der größte Geldgeber. Damit waren Prime-Time-Tauglichkeit und eine Altersfreigabe ab 12 Jahren Bedingung. Aber Horror und eine Programmierung um 20.15 Uhr schließen einander aus. Ich konnte also nur einen Kompromiss-Film machen – oder die Chance ausschlagen, nach langen Jahren endlich wieder einen Horrorfilm fürs Kino zu drehen. Bei den Event-Filmen wie In einem wilden Land galt dasselbe Kriterium der Prime-Time-Tauglichkeit. Viel negativer wirkte in diesem Fall aber der Qualitätsdruck nach unten, um ein vermeintlich komplett niveauloses Publikum zu befriedigen. Die schnell fortschreitende Fragmentierung des Marktes schafft klare Verhältnisse: Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern bleiben die Alten, bei den Privaten die Anspruchslosen. Aufregendes TV mit weniger Kompromissen wird jetzt bei den Kabelsendern gemacht, wie Spides bei Syfy oder andere Serien bei anderen Streaming-Anbietern.

Welche Projekte haben Sie bei Ihrer Produktionsfirma Red Suns in der Pipeline?
Rainer Matsutani: Wir arbeiten an einer möglichen zweiten Staffel von Spides. Dann an einer deutsch-italienischen Mafia-Serie und einer Horror-Serie. Als Kinofilm planen wir eine Ko-Produktion mit Japan. Auch hier spielt die Mafia eine Rolle, allerdings die japanische, die Yakuza.