Deckname Holec – Wahrheit vs. Wahrheit

Wahrheit vs. Wahrheit

| Jörg Schiffauer |

Mit „Deckname Holec“ spürt Franz Novotny einem brisanten Kapitel aus dem Leben von Helmut Zilk nach.

Als das Nachrichtenmagazin „profil“ 2009 enthüllte, dass Helmut Zilk (1927–2008) in den sechziger Jahren als Informant des tschechoslowakischen Geheimdiensts fungiert hatte, war die Erregung in Österreich groß. Das war eine erwartbare Reaktion, galt und gilt der vormalige Fernsehdirektor des ORF, Stadtrat, Minister und Wiener Bürgermeister als eine prägende – und vor allem höchst populäre – Figur in der Geschichte der Zweiten Republik. Gerüchte über seine vermeintlichen Verbindungen in die Welt der Geheimdienste kursierten zwar schon seit geraumer Zeit, doch die Veröffentlichung solcher Vorwürfe wurde vielerorts noch immer als Rufmord abgetan, ungeachtet der mittlerweile recht eindeutigen Faktenlage.

Franz Novotny, der bereits 1977 mit dem Fernsehfilm Staatsoperette wusste, wie man die österreichische Seele satirisch zum Kochen bringen konnte und mit Exit – Nur keine Panik (1980) und Die Ausgesperrten (1982, nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek) zwei ebenso eigenwillige wie höchst erfolgreiche Meilensteine des österreichischen Films in Szene setzte, hat sich nun dieser spannenden Episode österreichischer Zeitgeschichte angenommen. Deckname Holec (unter dieser Chiffre wurde Helmut Zilk in den Akten des tschechoslowakischen Geheimdienstes geführt) ist dabei weniger detailgetreues Dokudrama als vielmehr fiktionalisierte Annäherung, die Fakten vor allem als Orientierungspunkte benützt. Novotnys Inszenierung entwickelt dabei zwei primäre Handlungsstränge, um durch deren Verknüpfung die Geschichte des „Spions“ Helmut Zilk in ihren bisweilen ziemlich bizarren und grotesken Ausformungen zu verdeutlichen.

Die beginnt, als es Zilk in seiner Funktion als Fernsehmoderator gelang, mit seiner Sendung „Stadtgespräche“ live aus Prag zu senden – Mitte der sechziger Jahre zu Zeiten des Eisernen Vorhangs ein journalistisch wie politisch ziemlich bemerkenswerter Coup. Dabei kommt Helmut Zilk (von Johannes Zeiler mit gut durchdachter Zurückhaltung gespielt) auch mit jenen Figuren in Kontakt, die beabsichtigen, ihn als Informanten zu nutzen.
Parallel dazu kommt ein junger tschechischer Regisseur namens Honza David (eine Art Alter Ego von Jan Nemec, auf dessen Erinnerungen wesentliche Teile des Drehbuchs basieren und der in den sechziger Jahren als einer der vielversprechendsten Filmemacher des tschechoslowakischen Kinos galt) ins Spiel, dessen Wege sich immer wieder mit denen Helmut Zilks kreuzen. Zunächst auf für Honza eher wenig erfreuliche Weise, wird doch seine Lebens- und Arbeitsgefährtin, die Schauspielerin Eva, bei Zilks Abstechern nach Prag dessen Geliebte. Diese amouröse Episode gibt dann auch ein wenig den Erzählduktus von Deckname Holec vor, der, frei nach Karl Marx, demzufolge sich
Geschichte zweimal ereigne, nämlich das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce, sich an dem zweiten Teil dieses Zitats orientiert (erst im letzten Drittel, als die Weltgeschichte mit dem Einmarsch der Roten Armee in Prag und dem Ende des Prager Frühlings eindeutig wieder zur Tragödie wird, wechselt auch Deckname Holec die Tonalität, was jedoch kaum einen narrativen Bruch generiert und recht stimmig gelingt).

Helmut Zilk gerät dabei eher unbedarft zwischen erotischen Abenteuern und persönlichen Eitelkeiten in den Dunstkreis des Geheimdienstes, seine Rolle als Informant erweist sich dabei eher als groteskes Missverständnis denn als intendierte nachrichtendienstliche Tätigkeit. Eine Sichtweise, die, ungeachtet aller Transformationen dramaturgischer Natur, der Wahrheit vermutlich näher kommt – und nebenbei auch ein Sittenbild der gesellschaftlichen und politischen Zustände Österreichs jener Tage zeichnet – als all jenen, die primär an einer Verklärung Helmut Zilks interessiert sind, lieb sein dürfte.

Wie kam es dazu, dass Sie nach nun doch längerer Pause wieder Regie geführt haben?
Einerseits habe ich eine Firma aufgebaut, sehr viel Werbung gedreht, und man kann nun einmal nicht zwischen drei Werbespots einen Spielfilm drehen. Außerdem ist es mein Anliegen, nicht nur mich selbst, sondern auch andere, bessere Leute zu finanzieren. Wir – zuerst meine Gattin und dann Alexander Glehr und Johanna Scherz – haben in den letzten 20 Jahren die Karrieren vieler mittlerweile sehr erfolgreicher Menschen befördert oder sie zumindest ein Stück ihres Weges begleitet.

Der Stoff zu Deckname Holec flog uns von einer tschechischen Produktionsfirma zu, wir haben ihn dann weiter mit Bedacht auf österreichische Aspekte – Zilk – bearbeitet.

Die Geschichte über Helmut Zilk ist ja nicht ganz neu.
Es begann mit Gerüchten, die das „profil“ vor sechs, sieben Jahren mit Fakten verdichtet hat. Daraus entstand ein empörtes Rumoren in der Zilk-geneigten Öffentlichkeit. Uns ging’s jedenfalls nicht um Sensationsgier, sondern darum, die Geschichte eines Charakters zu erzählen, der zuerst schwanzgetrieben das tut, was Medienleute oder Politiker nicht tun sollten, dann aber doch das Richtige macht.

Apropos „Zilk-geneigte Öffentlichkeit“. Das Bild, das Sie von Helmut Zilk zeichnen, ist nicht ausschließlich schmeichelhaft. Welche Reaktionen erwarten Sie?
Ich gehe nicht mit Erwartungshaltungen in die Regie- und Produktionsarbeit. Spekulationen sind mir fremd, denn das Ziel muss stets die künstlerische Wahrheit sein, egal, was danach passiert. Obwohl einige meiner Arbeiten Skandale erzeugt haben, war ich nie darauf bedacht, diese herbeizuführen. So etwas geht auch gar nicht. So sehr man sich anstrengen würde, man kann keine Skandale heraufbeschwören, die entstehen einfach. Wenn eine Zwiebel geschält wird, gibt’s Tränen.

Es gibt in „Deckname Holec“ ein paar Passagen, die sehr ironisch und satirisch sind. War das so geplant?
Das heißt „Handschrift“. Offenbar hab’ ich auch einiges mit dem tschechischen Volk gemeinsam. Die Form des Humors. Die Tschechen wurden jahrhundertelang unterdrückt, und aus der Situation ihrer Schwäche heraus haben sie als Abwehr diese wunderbare Ironie entwickelt, der ich mich nicht entziehen kann. Man geht an die Dinge des Lebens mit einer sarkastischen, nicht aber zynischen Distanz heran.

 

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