Trotz beginnender Corona-Hysterie feierte das vornehmlich indische Publikum beim 12. Internationalen Filmfestival in Bengaluru das Kino.
Die südindische Millionenmetropole Bangalore, heute (wieder) unter ihrem nichtkolonialistischen Namen Bengaluru bekannt, ist nicht nur Hauptstadt des Bundesstaates Karnatka (zweieinhalb mal so groß wie Österreich), nicht nur das „Silicon Valley“ Indiens und die Heimat zahlloser Call Center, sie ist auch Sitz einer blühenden Filmindustrie – gedreht wird in der lokalen Sprache Kannada – und dank des internationalen Festivals (BIFFES), das von 26. Februar bis 4. März zum zwölften Mal stattfand, auch ein Hort der Filmkultur. Dementsprechend breit gefächert war das Programm, das von Kommerz über Kurzfilm bis Klassiker alles bot, was Rang und Namen hat: eine mustergültige Tarkowskij-Retrospektive zum Beispiel, restaurierte Film-Meilensteine aus Ost und West (etwa Fellinis Otto e mezzo), Länderschwerpunkte zu Deutschland, den Philippinen und Australien, eine Sektion mit aktuellem Weltkino (inklusive dem Oscar-Kracher Parasite) und nicht mehr und nicht weniger als vier Wettbewerbe (dreimal indisch, einmal asiatisch). Das in der zentralen Shopping Mall Orion gelegene PVR-Multiplex musste alle seine elf Säle (darunter drei absolute Luxus-Spielstätten mit dicken Lederfauteuils, Tischchen und Leselampe) aufbieten, um des überbordenden Programms Herr zu werden, darüber hinaus wurden auch noch zwei kleinere traditionelle Kinos bespielt. Der Publikumszuspruch war, vor allem am Wochenende, gewaltig, und das trotz der allmählich aufflammenden Corona-Angst(mache).
Als wichtigste Wettbewerbs-Sektion gilt die von NETPAC (Network for the Promotion of Asia Pacific Cinema) ausgerichtete Asian Cinema Competition, deren Jury der Verfasser dieser Zeilen angehörte und die unter einem seltsamen geografischen Defizit (keine Filme aus China, Hongkong, Taiwan, Japan oder Korea) litt. Auch die Qualität der dreizehn Beiträge ließ doch erheblich zu wünschen übrig. Begonnen wurde mit dem iranischen Leichtgewicht Cinema Donkey von Shahed Ahmadlou, in dem eine Filmcrew in der Provinz verzweifelt nach einem set-und scheinwerfertauglichen Esel sucht. Besser schlug sich der ebenfalls iranische Diapason von Hamed Tehrani, in dem eine alleinerziehende Mutter sich mit den tragischen Folgen des Todes ihrer 17-jährigen Tochter auseinandersetzen muss. Dabei gerät sie mit einem archaischen, selbstverständlich von Männern ersonnenen Gesetz in Konflikt: Will sie den Mann, der am Tod ihrer Tochter schuld ist, hingerichtet sehen, muss sie an dessen Familie „Blutgeld“ zahlen.
Ein starkes Statement ist der in Ko-Produktion mit Frankreich entstandene Film Made in Bangladesh von Rubaiat Hossain, die schon 2016 mit Under Construction viel Beachtung fand. Im neuen Film der in New York ausgebildeten Regisseurin beginnen sich die Frauen in einem der vielen katastrophal ausgestatteten Sweatshops in Dhaka gegen Ausbeutung, prekäre Sicherheitsmaßnahmen und unterirdische Bezahlung zu wehren. Gleich drei Filme stammten von den Philippinen – nur einer von ihnen jedoch, Kalel, 15 von Jun Robles Lana, konnte überzeugen und war bis zum Schluss in der engeren Auswahl für den Preis. Der 15-jährige Titelheld, der sich auf nicht näher genannte Weise mit HIV infiziert hat, gerät in eine fatale Spirale der Ausgrenzung, als seine vermeintlich besten Freunde diese Tatsache in die Welt posaunen. Kalels schwierige Familienverhältnisse und die Tatsache, dass sein leiblicher Vater ein katholischer Priester ist, macht die Sache nicht einfacher.
Ebenfalls drei Filme kamen aus Indien, darunter die einheimische Kommerzproduktion Mundina Nildana von Vinay Bharadwaj. So interessant es war, einmal einen Big-Budget-Film aus dem lokalen „Bollywood“ zu sehen, so enttäuschend präsentierte sich dieser auf 106 Minuten aufgeblasene Werbespot für SUVs im Gegenlicht und schicke Restaurants samt einer haarsträubenden Dreiecksgeschichte zwischen zwei schönen Frauen (eine davon Künstlerin, an Krebs erkrankt, aber geheilt, die andere hingebungsvolle Medizinstudentin) und einem schönen Mann. Bulletproof Children, eine eklektische srilankesische Mischung aus politischem Statement, Bollywood-Musical und Liebesgeschichte(n) von Indiaka Ferdinando, punktete zumindest mit dem Charme des Ungewöhnlichen, alles in allem blieb der Film aber vor allem erzählerisch einiges schuldig.
Der letztlich doch etwas überraschende Sieger des Wettbewerbs war der thailändische Film Happy Old Year des 35-jährigen Regisseurs Nawapol Thamrongrattanarit, der schon mit Die Tomorrow (2017) aufhorchen hatte lassen. Sein neuer Film, dessen Inhaltsangabe sich zunächst nach einem typischen „First World Problem“ anhört, konnte mit einem starken Drehbuch, mit Ernsthaftigkeit und Einfühlungsvermögen überzeugen: Als Jean vom Studium in Stockholm nach Bangkok zurückkehrt, beschließt sie, die Familienwohnung zu „entrümpeln“, und zwar im Marie-Kondo-Stil – radikal und unsentimental. Ihr Bruder will sie, wenn auch zögernd, unterstützen, ihre Mutter ist strikt dagegen, der Vater ist abwesend, was die Familie sehr belastet. Schon bald stellt Jean, die sich zunächst mit Eifer auf ihr Ziel, „minimalistisch“ zu leben, stürzt, fest, dass alles Ausmisten nichts nützt, solange man mit sich selbst nicht im Reinen ist, und sie trägt offensichtlich noch einigen Ballast aus der Vergangenheit mit sich herum. Das alles verhandelt der Regisseur, unterstützt von einem sehr einnehmenden Cast, mit sicherem Gespür für menschliche Schwächen und für die Wunden, die man anderen zufügen kann, selbst wenn man die besten Absichten hat.
Den Preis für den besten (allgemein) indischen Film erhielt Mahesh Vaman Manjrekars Panghrun, in dem es um die Problematik des Witwentums und der Zwangsverheiratung junger Mädchen geht; als bester lokaler Film aus Karnataka wurde Kavaludaari von Hemanth Murali Rao ausgezeichnet, in dem ein Polizist einen 40 Jahre zurückliegenden Mordfall neu aufrollen will. Schließlich gab es auch noch einen Award für den „besten populären Film“ aus dem Bundesstaat: Prämiert wurde Munirathna Kurukshetra von Naganna, eine immerhin 182 Minuten lange Bearbeitung einer Geschichte aus dem berühmten Epos „Mahabharata“.
Möglicherweise hätte ein Spezialpreis an ein ganz besonderes Schauspiel gehen sollen, das sich Tag für Tag abseits der Kinoleinwände begibt: Über Bengaluru kreisen zu jeder Zeit mit unnachahmlicher Eleganz zahlreiche Adler. Immerhin sind sie die Wappentiere der Stadt und Namensgeber des lokalen Fußballvereins Bengaluru Eagles.
