Lisa Webers Langzeitbeobachtung „Jetzt oder morgen“ widmet sich den schwierigen Lebensumständen einer Familie.
Claudia ist mit 14 schwanger geworden, ihr Sohn ist seit fünf Jahren für sie ein willkommener Grund, weshalb sie nie den Schulabschluss gemacht hat und bis heute nicht ins Tun gekommen ist. Mit ihrem Bruder und der Mutter teilt sie sich nicht nur die Wohnung, sondern auch die Perspektivlosigkeit und die daraus resultierende Lethargie. Was bleibt, wenn soziale Herkunft und Arbeitslosigkeit die Chancen auf eine bessere Zukunft massiv schmälern und man „so viel Zeit und kein Leben“ hat?
Lisa Weber begleitete Claudia und ihre Familie dreieinhalb Jahre lang mit einem Filmteam beim Nichtstun – aus den 140 Stunden Material bastelte Roland Stöttinger das, was man nun auf der Leinwand bestaunen kann: einen Film darüber, was passiert, wenn scheinbar nichts passiert. Regisseurin Lisa Weber und Editor Roland Stöttinger im Gespräch über die Arbeit an Jetzt oder morgen.
Weber erinnert sich, wie alles begann: „Ich habe Claudia schon lange vor den Dreharbeiten kennen gelernt und fand sie interessant, weil sie so ein cooles Mädchen war, das mit elf schon heimlich geraucht hat. Sie ist herausgestochen. Also bin ich immer wieder gekommen und habe Zeit mit ihr verbracht. Recht schnell ist dann der Wunsch gekommen, mitzufilmen.“ Claudia und ihrer Familie bot Lisa mit ihrer kleinen Filmkamera eine willkommene Abwechslung des eintönigen Alltags. „Für sie war das eine nette Beschäftigung und so hat sich eine seltsame Freundschaft entwickelt“ – die Entscheidung schließlich, mit einem professionellen Filmteam zu kommen, war nach jahrelangem Vertrauensaufbau der logische nächste Schritt. Zunächst wurden Spielfilmszenen nachgespielt, nebenbei filmte man auch den Alltag mit – „Irgendwann war es eben dann nur noch das, weil ich die Spielfilmhandlung nicht mehr machen wollte.“ Was bleibt, ist ein beobachtender Dokumentarfilm, der hautnah dran ist an den Charakteren und dennoch nie seine neutrale Haltung verliert. Dass die Regisseurin trotz der großen Vertrautheit selbst recht wenig Präsenz einnimmt, hat sich beim Dreh intuitiv ergeben. Manchmal rückt sich Lisa Weber bewusst ins Bild, etwa, wenn sie eine Pflanze vor laufender Kamera verschiebt oder Claudia tröstet. Die Motive dafür, sich selbst vor der Kamera zu zeigen, sind unterschiedlich, erklärt sie: „Manchmal denke ich nicht darüber nach, sondern mache einfach – und sonst gefällt es mir gut, darauf hinzuweisen, dass hier Menschen sind, die den Film herstellen, weil man das leicht vergessen kann.“ Roland Stöttinger erinnert sich: „Lisas Rolle war lange ein Fragezeichen, weil sie so vertraut mit den Charakteren ist und gewissermaßen zur Familie gehört. Natürlich versucht man auch, zu helfen – und das ist auch am Set passiert. Wir wollten ja, dass Claudia wie geplant zum Bundesheer geht und wir den Phönix aus der Asche steigen sehen – aber irgendwann gibt man die Hoffnung halt dann auf.“ Weber ergänzt: „Mir war erst sehr spät klar, dass da nie wirklich etwas passieren wird. Ich habe in der dreieinhalbjährigen Drehzeit mehrere Phasen durchlaufen, hatte eine Phase, wo ich sehr engagiert war und dachte, ich gehe mit Claudia zur Frauenberatung und zu den alleinerziehenden Müttern und erkundige mich wegen des Nachholens eines Schulabschlusses und so weiter. Das habe ich alles gemacht und es ist eben nichts daraus geworden. Ich finde es gut, dass das im Film nun gar nicht mehr so sichtbar ist, sondern dass man als Zuseher mehr meine Rolle einnimmt und zumindest das Bedürfnis zu helfen bekommt. Bei mir hat sich das wieder verändert, so ist das Leben.“
Die Montage beschreibt Roland Stöttinger als recht organischen Prozess: „Da diese Blöcke über einen so langen Zeitraum hinweg gedreht wurden, haben wir uns oft dazwischen getroffen, das Material angeschaut und uns gefragt, worauf man sich konzentrieren könnte. Das hat dann aber nichts gebracht, weil die Realität immer anders ausgesehen hat und man das nicht einbauen konnte, was man sich überlegt hat. Ein bisschen war das Ziel, dass der Zuschauer ähnliche Stadien wie Lisa durchläuft: Kennenlernen, Hoffnung schöpfen, Hoffnung verlieren. Wir wollten über diese Emotionen einen Bogen spannen. Darüber, wie Filme gebaut werden, sollte man aber nicht zu viel nachdenken. Es wird zuerst alles aufs Wesentliche reduziert und dann wie ein Lego-Bastelsystem wieder zusammengebaut, sodass es aussieht, als wäre es wirklich so gewesen – und teilweise ist es ja auch alles so, und gleichzeitig auch alles nicht so. Es ist eine Annäherung an die Realität – so nah dran, wie wir das subjektiv glauben.“
Lisa Weber meint: „Für mich ist es sehr toll, wenn Leute, die den Film gesehen haben, nachher so darüber reden, dass ich das Gefühl bekomme, der hat das, was ich in dreieinhalb Jahren durchlebt habe, in neunzig Minuten erlebt. Das ist schon ein Wahnsinn – und das hat der Schnitt geschafft. Roland hat aus dem Material und meinen Erzählungen etwas gemacht, was mir sehr entspricht. Ich glaube aber, es gibt auch Leute, die den Film ganz anders erleben als ich und die trotzdem etwas daraus mitnehmen können.“
Die Arbeit an dem Film hat Lisa und Roland auch privat verändert, wie Stöttinger meint: „Ich hatte diesen naiven Gedanken, dass es in Österreich eh soweit funktioniert, dass man alles erreichen kann, wenn man will. Da bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher. Weil das, was alles vererbt wird und in welche Welt man hinein wächst, da werden einem so viele Verhaltensmuster mitgegeben. Mich hat der Film viel über das ganze System nachdenken lassen. Es ist kein Fehler, sich da rein zu stürzen.“
Lisa Weber: „Es ist aber auch kein Fehler, sich da wieder raus zu stürzen. Es ist nämlich so frustrierend, weil man ja nur zu der Erkenntnis kommt, dass man nichts machen kann. Ich habe es oft viel zu persönlich genommen, weil ich mich als Regisseurin beispielsweise dafür verantwortlich gefühlt habe, dass diese Drehs zustande kommen – und es war nicht so leicht, mit der Familie Sachen auszumachen. Ich hatte am Anfang diese Faszination für Claudia, ich habe da persönlich anfangs sicher viel reininterpretiert – so, wie wenn man sich in jemanden verliebt und je besser man ihn kennen lernt, umso kleiner wird die Projektionsfläche. Es hat mir schon auch weh getan“.
Auf die Frage, was diese Menschen wirklich brauchen, um ins Handeln zu kommen, haben auch die beiden keine eindeutige Antwort, wie Lisa Weber anmerkt: „Es gibt das ganze System mit Mindestsicherung, aber es reicht trotzdem nicht. Der Staat kann das, was diese Menschen brauchen, nicht leisten. Je länger man nichts macht, desto schwieriger wird es, dass man wieder etwas macht. Es wird halt alles auf morgen verschoben, aber es passiert einfach nie.“ Ulrich Seidl ist Koproduzent, beeinflusst hat er den Film laut Lisa Weber allerdings gar nicht. „Das war sehr angenehm, dass wir gewusst haben, wir können machen, was wir wollen, ohne dass irgendwelche Einschränkungen kommen.“ Mit dem Film ist die Familie selbst übrigens sehr zufrieden und findet, er ist ein gutes Abbild der Wirklichkeit. „Die sind sehr ehrlich zu sich selbst, muss man sagen. Sie leugnen die Dinge nicht“ erklärt die Regisseurin.
