Freud Serie

Serie | Interview

Wiener Mystery Melange

| Roman Scheiber |
Marvin Krens „Freud“-Achtteiler: Ein hypnotischer Trip ins Unbewusste zeitgenössischer Serienproduktion. Der neue Star des Streamingfernsehens im Gespräch.

Kurz vor dem Dreh ist er Vater geworden, entsprechend schlaflos waren die Nächte. Vielleicht gar nicht die schlechteste Voraussetzung, um an einer Serie zu arbeiten, in der es zentral um Wach- und Schlaf- und Traumzustände, um Bewusstes, Halb- und Unbewusstes geht, um Hypnose-Seancen und Visionen. Von einer „Grenzerfahrung“ spricht Marvin Kren im folgenden Gespräch, das vor der Berlinale-Premiere der TV-Serie Freud in Krens Wiener Stammcafé Engländer stattfand. Insgesamt 86 Drehtage umfasste die unter der Ägide von Satel Film und Bavaria Fiction entstandene ORF/Netflix-Koproduktion, von denen laut Kren die meisten sehr kalt waren, sodass an kaum einem Drehtag alle Beteiligten gesund waren. Kren, der mit dem kantigen Gangsterepos 4 Blocks ein erfolgreiches Debüt als Serienschöpfer hingelegt hat – „um nicht in der Tatort-Falle zu landen“, wie er es formuliert – sieht sich als Zweifler im Schreibprozess, aber wenn es ans Drehen geht, sei er dann wie eine Maschine. Sein neues Werk erzählt im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts von einem jungen, besessenen Freud im Kokainrausch (Robert Finster), der sich mit einem mysteriösen Medium (Ella Rumpf) und einem kriegstraumatisierten Ermittler (Georg Friedrich) in die seelisch ungesunden Abgründe eines verschwörungsumsäumten Kriminalfalls vertieft. Wie passend, dass Marvin Krens Eh-nicht-Biopic über den vielfach kultisch verehrten Erfinder der Psychoanalyse auch formal verschlungene Wege zu gehen weiß. In Berlin eröffnete Freud den Reigen internationaler Serien-Vorpremieren, ab 15. März ist der Achtteiler im ORF, ab 23. März dann bei Netflix zu sehen.

Herr Kren, haben Sie die erste Pre-Crime-Division des Fin de Siècle erfunden?
Marvin Kren: Wie bitte? (Lacht.) Das erwischt mich jetzt auf dem falschen Fuß. Was hat Pre-Crime mit unserer Serie zu tun?

Das Medium Fleur Salomé hat immerhin Visionen von Verbrechen …
Marvin Kren: Ach so, ja, das hätte ich aber nicht mit dem Begriff Pre-Crime verknüpft, so im Sinn von Déja Vu mit Denzel Washington oder Tom Cruise in Minority Report.

Okay, dann ein anderer Einstieg: Gab es vor hundert Jahren schon die Bezeichnung „Schas mit Quastln“ im Wiener Idiom?
Marvin Kren: (Lacht heftig.) Das hat der Christoph Krutzler (Darsteller eines grantigen Polizeibeamten, Anm.) selbst erfunden. Wir haben das natürlich diskutiert mit der Sprache einst und jetzt, aber ehrlich gesagt, wollte ich da nicht unbedingt historisch akkurat sein. Hauptsache, wir haben so originäre Figuren wie den Krutzler, den Georg Friedrich (spielt den mürrischen Inspektor, Anm.) oder meine Mutter. Die haben das Wienerische quasi inhaliert oder das Volkstümliche in beiden Beinen. Was sie angeboten haben, hab’ ich alles genommen.

Bei Georg Friedrich zum Beispiel weiß man, was man kriegt, im positiven Sinn, nur dass er halt bei Ihnen eine besonders grimmige Entschlossenheit aufweist.
Marvin Kren: Naja, der Georg Friedrich, den wir haben, spielt schon etwas ganz Besonderes, auch für seine Filmografie Neues – einen Clint-Eastwood-artigen Charakter, den ich so von ihm noch nicht kenne. Ich bin froh, ihn für die Rolle gewonnen zu haben.

Wenn wir schon beim Casting sind: Einen noch unbekannten Schauspieler für die Titelrolle zu nehmen, war beabsichtigt, um kein vorgeprägtes Bild von Freud zu bekommen?
Marvin Kren: So würde ich das nicht sagen. In Robert Finster habe ich einfach die ideale Besetzung gefunden. Er bringt eine ganz eigene Zerrissenheit und Kraft mit, die ich so noch nie gesehen habe. Hätte ein bekannter Schauspieler ein super Casting gemacht, hätte auch der die Rolle bekommen können. Wenn aber zum Beispiel Tom Schilling das spielen würde, fragt man sich natürlich automatisch: Welche früheren Rollen bringt Tom Schilling in diese Rolle mit?

An Tom Schilling hätte ich gar nicht gedacht in dem Zusammenhang.
Marvin Kren: Nur als Beispiel. Tom Schilling hat ja schon Archetypen junger Künstler oder Intellektueller gespielt. Liegt also nicht so fern, der Name kam von vielen Seiten. Aber wir mussten uns überlegen, wer ist eigentlich unser Freud? Jemand, der sehr viel denkt, viel liest, viel für sich ist. Und viel schreibt.

Und viel Kokain konsumiert.
Marvin Kren: Wir haben uns überlegt, mit so einem intellektuellen Archetypus kann man nicht viele Leute hinterm Ofen hervorlocken. Also haben wir ihn als sehr kontroversen Typen angelegt. Auf der einen Seite hochintelligent und ehrgeizig, aber eben auch rastlos und kokainsüchtig, geradezu besessen von der Idee des Unbewussten. Er ist in der Situation, sich als mittelloser jüdischer Arzt einen Namen machen zu müssen, um die Mittel zu bekommen, seine große Liebe nach Wien zu holen. Und andererseits ist er beseelt davon, gegen alle Widerstände eine völlig neue Sichtweise auf psychische Erkrankungen durchzusetzen. Man könnte sagen, er sitzt in der Falle, oder in der Rue de la Gack, wenn man so will. Er müsste sich anpassen, aber das kann er nicht. Das ist auch annähernd historisch so überliefert.

Dennoch ist es eine sehr freie Adaption der Figur. Man weiß gar nicht soviel über Freuds Anfänge, oder?
Marvin Kren: Genau. Man kennt das berühmte Foto, wo er mit der Zigarre ernst in die Kamera schaut. Das ist rund zehn Jahre vor seinem Tod entstanden, er wollte, dass die Welt ihn genauso sieht. Freud war erpicht auf die Kontrolle seiner eigenen Biografie und hat viele Schriften aus seiner Frühzeit zerstört. Auf die Phase der Hypnose war er gar nicht so stolz. Die mangelnde historische Überlieferung aus dieser Zeit gab uns die gewisse Freiheit, eine Genre-Erzählung daraus zu machen.

Und dabei sind Sie zum Teil ordentlich weit gegangen …
Marvin Kren: Es muss ja auch Spaß machen. Aber es war uns ein Anliegen, der historischen Figur gegenüber wahrhaftig zu sein: Wen hat er geliebt, wie war die Beziehung zu seiner Mutter, was hat es bedeutet, in dieser Zeit ein junger jüdischer Arzt zu sein? Wenn man die Figur dann versteht und mag, dann lässt man sich mit ihr in diese Achterbahn schicken aus Mystery, Thriller, Crime und Horror.

Mit Schwerpunkt Noir Mystery.
Marvin Kren: Ja, den Begriff find ich schön. Man könnte man auch Vienne Noir dazu sagen.

Ein kokainabhängiger Doktor ist auch die Hauptfigur von „The Knick“, Steven Soderberghs Serie um ein New Yorker Krankenhaus um 1900.
Marvin Kren: Es gibt in Serien generell eine gewisse Overdose an drogensüchtigen Hauptfiguren. Im Fall von The Knick gehen sie in der zweiten Staffel allerdings zu Heroin über. (Lacht.) Das Thema Kokain war zentral für den jungen Freud, er hat damit experimentiert und es zunächst als medizinisches Element wahrgenommen. Für unser Narrativ ist so etwas natürlich dankbar, denn durch Freuds Probleme und seine Kokainsucht rasselt er im Verlauf der Serie immer weiter in die Krise hinein.

Welche dankbaren historischen Elemente gab es noch für die Erzählung?
Marvin Kren: Das Sühnhaus! Alle wissen, dass Freuds Hauptwirkungsstätte in der Berggasse war. Als wir recherchiert haben, fiel uns aber auch auf, dass er im Sühnhaus seine erste Praxis hatte. Und das Sühnhaus stand an der Stelle des abgebrannten Ringtheaters. Ein neogotisches Gebäude, und „gothic“ bringt ja auch eine ganz eigene Genre-Richtung mit sich. Dieses Haus spielt eine immer wichtigere Rolle für Freud im Verlauf der Geschichte, er träumt mit dem Haus, das Haus träumt mit ihm.

Dieser Strang, wie der ganz überwiegende Teil der Serie, wurde in Prag bzw. in Tschechien gedreht.
Marvin Kren: Das hat, wie Sie ja wissen, einerseits finanzielle Gründe. Man bekommt dort einfach Steuererleichterungen. Die Produzenten und ich haben uns aber auch deshalb für Prag entschieden, weil die Architektur und das gesamte Arbeitsumfeld uns dort super gepasst hat. Ich hätte zwar auch gern in Wien gearbeitet, aber hier ist alles gewissermaßen zu Tode renoviert. In Prag gibt es einfach mehr Häuser mit Patina. Oder ganz im Norden von Tschechien haben wir eine ehemalige k.u.k. Armeestadt gefunden, die hat sich phantastisch für unser Ottakring geeignet.

Wer hatte eigentlich die ursprüngliche Idee, die Serie zu machen?
Marvin Kren: Heinrich Ambrosch. Während ich noch 4 Blocks gemischt habe, kam er zu mir mit einem Konzept, in dem war Freud allerdings noch mehr ein Detektiv. Da hab’ ich gesagt, aber damit lehnen wir uns zu weit aus dem Fenster. In meinem Drehbuch mit Benjamin Hessler haben wir dann eben zuerst das Biografische und das Menschliche an der Figur mehr hervorgekehrt, um sie dann allmählich in einen Fall zu verstricken.

Das Titeldesign lässt eine steinerne Freud-Büste alle möglichen Beschädigungen erfahren. Wurde das für jede Episode variabel gestaltet?
Marvin Kren: Ja, das haben die Jungs von Super+ super hingekriegt. Die haben z.B. auch Stille Reserven  von Valentin Hitz gemacht, also hab’ ich sie für die Opening Credits angefragt. Ihre Idee war, eine 3D-Modellbüste von Robert Finster zu fertigen, die in jeder Folge, je nach dem inhaltlichen Schwerpunkt der jeweiligen Folge, anders dekonstruiert wird.

Wird das ORF-Publikum die „Vermenschlichung“ eines ikonischen österreichischen Pioniers der Seelenforschung, obwohl in eine grandiose Mystery-Atmosphäre gebettet, auch annehmen?
Marvin Kren: Es wird viele Kritiker geben, die unfassbar viel Senf dazugeben werden. Allein wenn man „Standard“-Threads liest, weiß man, dass sehr viele Leute unglaublich viel Zeit haben. Aber das Wichtige ist, dass wir vor fünf oder zehn Jahren so eine Show höchstwahrscheinlich nicht mit dem ORF machen hätten können, und jetzt ist diese Offenheit da. Für mich gilt übrigens das gleiche: Vor fünf Jahren hätte ich mich nicht getraut, aber jetzt hab’ ich mich getraut. Ich bin immer noch voller Hochachtung vor der Legende Freud, aber irgendwann hab’ ich meine eigene, respektlose Geschichte daraus gemacht.

An Stellen entsteht der Eindruck, die Kamera will in die Psyche des von Ella Rumpf eindringlich gespielten Mediums Fleur hineinkriechen. War das so intendiert?
Marvin Kren: Mein Kameramann Markus Nestroy und ich wollten eine ganz eigene sinnliche Erfahrung vermitteln, immer wenn Fleur hypnotisiert wird. Ich selbst habe mich im Vorfeld hypnotisieren lassen, um eine Ahnung zu haben, was da in einem passiert. Es ist ein angenehmes Gefühl, das mir zugleich auch Angst gemacht hat, weil einem die Kontrolle über den eigenen Geist entzogen wird. Markus hat übrigens einen eigenen Optiksatz eigenhändig bearbeitet, um diese großartigen verschwommenen Unschärfen hinzubekommen.

Was ist das für ein Gefühl, dass eine Marvin-Kren-Serie vom Start weg 170 Millionen potenziellen Seherinnen und Sehern angeboten wird, nämlich allen Netflix-Abonnenten weltweit?
Marvin Kren: Ich kann das noch gar nicht richtig begreifen. Ich freue mich, wenn ich dann im Netflix-Suchprogramm unsere Serie finde. Aber ehrlich: Mir ist wichtiger, dass ich eine schöne Kritik im „ray“ kriege. (Lacht.)

Die wird es geben. Zum Schluss bitte einen Tipp: Welcher Netflix-Titel hat bei Ihnen als Seher jüngst den stärksten Eindruck hinterlassen?
Marvin Kren: Eindeutig Uncut Gems, auf deutsch Der schwarze Diamant, den hab ich gleich zweimal hintereinander gesehen. Großartig, dass Leute wie die Safdie-Brothers so ein großes Forum bekommen.