Matt Damon schlüpft nach neunjähriger Pause wieder in die Bourne-Rolle. An die Qualität der Vorgänger kommt der neue Film allerdings nicht heran.
Dass man sich bereits in der ersten Szene von Jason Bourne an den unfreiwillig komischen Stallone-Actioner Rambo III (1988) erinnert fühlt, ist schon mal kein gutes Vorzeichen: Der untergetauchte Superagent Bourne (Matt Damon) verdingt sich in seinem vierten Kinoauftritt nach neunjähriger Abstinenz nämlich beim Preisboxen. Der Gegner hat naturgemäß keine Chance gegen die vom CIA trainierte Killermaschine, und das, obwohl Bourne in Gedanken ohnehin nicht richtig bei der Sache ist. Der rätselhafte Tod seines Vaters, an den er sich bruchstückhaft erinnert, lässt ihm nämlich keine Ruhe. Als schließlich seine alte Bekannte Nicky (Julia Stiles) mit Dokumenten auftaucht, die Licht in die Sache bringen könnten, kommt eine Handlung in Gang, die erneut zum Clinch mit dem Geheimdienst führt: Während CIA-Direktor Dewey (Tommy Lee Jones) den aus der Versenkung aufgetauchten Bourne unverzüglich aus dem Verkehr ziehen möchte, scheint die ambivalente Computerexpertin Heather Lee (Alicia Vikander im Interview) ihr eigenes Süppchen zu kochen. Dazu gesellen sich ein skrupelloser Killer (Vincent Cassel), der mit Bourne noch eine Rechnung offen hat, sowie ein Subplot um den Chef eines Facebook-ähnlichen Unternehmens, der auf die Abschussliste gerät, weil er seine Technologie dem Geheimdienst nicht zur Verfügung stellen will.
Trotz talentierter Kräfte vor und hinter der Kamera ist Jason Bourne leider nur ein schwacher Aufguss vergangener Glanztaten. Und das ist schade, denn die ersten drei auf Filme um den Agenten ohne Gedächtnis, der auf der Suche nach seiner wahren Identität ist, waren ein überaus gelungener Mix aus Action- und Spannungskino. Nach dem von Doug Liman inszenierten Auftakt The Bourne Identity (2002) wurde die Reihe schnell mit der Handschrift von Paul Greengrass identifiziert, der bei den Nachfolgern The Bourne Supremacy (2004) und The Bourne Ultimatum (2007) Regie führte: Eine verwackelte Kamera, die den Stil von Dokumentarfilmen imitierte, versah die Filme mit einer ebenso dynamischen wie realistischen Grundierung. Während zahlreiche internationale (vor allem europäische) Schauplätze für das nötige Flair sorgten, brachten die Thematisierung von moderner Überwachungstechnik sowie ein kritischer Blick auf den skrupellosen US-Geheimdienst so etwas wie tagespolitische Relevanz ins Spiel. Dazu kamen packend inszenierte Autoverfolgungsjagden und hervorragend choreographierte Nahkämpfe. Kurz: Die Bourne-Filme gerieten zur prototypischen Agentenreihe in einer Welt nach 9/11. Dass die äußerst lose auf den Romanen von Robert Ludlum basierenden Filme ihre Relevanz eher vorgaukelten, um eine Reihe spektakulärer Actionszenen zu servieren, fiel nicht weiter ins Gewicht, denn die simple Story um einen mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestatteten Gejagten auf der Suche nach sich selbst war einfach perfektes Entertainment.
Der neue, erstmals nicht auf einer Romanvorlage basierende Film Jason Bourne (2012 versuchte man mit The Bourne Legacy die Reihe ohne Damon fortzuführen, was allerdings nicht sonderlich gut ankam) lässt diesen Entertainmentfaktor leider vermissen, was sich auch an den Mienen des Ensembles ablesen lässt: „Schaut alle griesgrämig drein“, so in etwa könnte die Regieanweisung von Greengrass gelautet haben. Der exzellente Tommy Lee Jones tritt hier relativ lustlos die Nachfolge seiner gleichfalls grauhaarigen Vorgänger (Chris Cooper, Brian Cox, David Strathairn) an, während die talentierte Alicia Vikander eigentlich zu jung für den Platz wirkt, den sie in der CIA-Hierarchie einnimmt. Selbst Hauptdarsteller Damon, dessen minimalistisches Spiel früher sehr gut zur Story passte, wirkt hier blass.
Handlungsmäßig wirkt hier alles konstruiert und wie ein lauer Aufguss der alten Filme. Nachdem Bourne das Geheimnis um seine Identität ja bereits gelüftet hat, erscheint der Subplot um die Ermordung des Vaters ebenso aufgesetzt wie der Handlungsfaden um den Boss des Internetunternehmens langweilt. Waren die technologischen Aspekte früher ein selbstverständlicher Teil der Reihe, wirken sie hier aufgezwungen – so, als wollte man um jeden Preis aktuell sein. Selbst Klischees, die man früher großteils vermied, finden sich hier – wenn Bilder von schlecht auflösenden Überwachungskameras einfach per Knopfdruck scharf gestellt werden, ist das eher CSI-Niveau (Apropos: Selbst im Zeitalter von Gesichtsscannern findet es Bourne nicht der Rede wert, sein Aussehen auch nur minimal zu verändern.).
Es gibt ein paar nette Actionszenen, beispielsweise im etwas übertrieben von Demonstranten in Brand gesteckten Athen, doch keine, die an die vorhergehenden Filme heranreichen würde. Das Finale in Las Vegas, das mit einer Autoverfolgungsjagd aufwartet, bricht schließlich mit dem relativen Realismus der vorhergehenden Filme und lässt Bourne, der in den früheren Filmen durchaus eine menschliche Seite zeigen konnte, vollends zum Terminator werden (dass der moralisch geläuterte Bourne überhaupt bei einer Verfolgungsjagd mitmacht, bei der Dutzende Passanten, wenn auch außerhalb des Bildes, verletzt, wenn nicht gar getötet werden, mutet ebenfalls ziemlich seltsam an). So erscheint Las Vegas mit seinen Nachbauten europäischer Örtlichkeiten, von denen der Protagonist ja nicht wenige aufsuchte, fast wie ein Symbol für einen Film, der bloß schwach kopiert, was seine Vorgänger so überzeugend in Szene setzten.
