Sensationelle Wiederentdeckungen

| Kirsten Liese |

Die Retrospektive „Geliebt und verdrängt – Das Kino der jungen Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1963“ in Locarno

Franziska will weg. Wohin, das weiß sie noch gar nicht so genau, als sie in Mailand atemlos und ohne Gepäck den Fahrkartenschalter erreicht. Es fährt ein Schnellzug nach Venedig. Dort will die Dolmetscherin Abstand gewinnen von ihrem Ehemann, der immer alles besser weiß, und ihrem Geliebten, von dem sie sich auch nicht verstanden fühlt. Ihr Geld wird nicht allzu lange reichen, deshalb sucht sie einen Job. Aber in der bereits kühlen Nebensaison, wo kaum noch Touristen in die Lagunenstadt kommen, wird sie nirgends gebraucht, schon gar nicht als Übersetzerin. Der Fluchtort wird zur Sackgasse, unwissentlich gerät Franziska über die Begegnung mit einem ehemals deutschen  Kriegsgefangenen, der sich an einem Nazi rächen will, in eine Kriminalgeschichte hinein. Am Ende wird sie wieder am Fahrkartenschalter stehen, um so schnell wie möglich abzureisen.

Es lässt sich vorstellen, dass Helmut Käutners Porträt einer modernen, gebrochenen Frau Die Rote (1960) nach Alfred Andersch’ gleichnamigen Roman das zeitgenössische Publikum überforderte, auf das es auch irritierend gewirkt haben muss, dass ausgerechnet Ruth Leuwerik, vorzugsweise mit fürsorglichen, treuen Mutterfiguren beliebt geworden, ihre Schauspielkunst hier in einer ungleich anspruchsvolleren Rolle exponiert. Schwerer nachvollziehen lässt sich dagegen, dass selbst ein so bedeutender Kritiker wie Friedrich Luft die Qualitäten dieses zeitlos außergewöhnlichen Films übersah, den er als „aufgeblasen, präpotent und oberflächlich“ herabwertete.

Dank der groß angelegten, großartigen Retrospektive, die die 69. Filmfestspiele Locarno in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Filminstitut Frankfurt auf die Beine gestellt haben, die demnächst auch in andere deutsche Städte, sowie nach Italien und in die USA wandert, wird es endlich möglich, die Qualitäten dieses Filmes, den Käutner übrigens zu seinen wichtigsten zählte, und zahlreicher anderer Produktionen, die in Deutschland zwischen 1949 und 63 entstanden, neu zu bewerten.

Während der Adenauer-Zeit hatte das westdeutsche Kino der Nachkriegszeit einen schweren Stand, viele schmähten es als verlogen, verklemmt und provinziell. Mit dem „Oberhausener Manifest“ von 1962, das 26 junge Filmschaffende unterzeichneten, wurde „Papas Kino“ endgültig für tot erklärt.  Regisseure wie Alexander Kluge, Edgar Reitz, Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Werner Herzog und Volker Schlöndorff betraten die Bühne. Der „Neue Deutsche Film“ war geboren und bereicherte die nationale und internationale Filmszene.

Gewiss hat das bundesrepublikanische Kino nach 1945 tatsächlich Schnulzen, belanglose Heimatfilme und harmlose Krimis hervorgebracht. Aber es war im gesamten Spektrum doch weitaus vielfältiger, moderner und avantgardistischer als sein Ruf, wovon die Retro eindrücklich Zeugnis gibt. Folglich nehmen auch bemerkenswerten Produktionen, die aus der Masse herausragen, größeren Raum ein.

Es ergibt dabei eine schöne Fußnote, dass selbst Edgar Reitz, einer der forschen Unterzeichner des Oberhausener Manifests und in Locarno in der Kurzfilm-Jury, einräumt, keinen dieser Filme je gesehen zu haben und seine damalige Einschätzung revidiert.

Insbesondere den produktiven Helmut Käutner, der mit Werken wie Unter den Brücken, Große Freiheit Nr.7 oder Ludwig II. – Glanz und Ende eines Königs seinerzeit einen Namen machte, gilt es als einen ganz Großen wiederzuentdecken. In künstlerischer, ästhetischer Sicht steht er den italienischen Meistern seiner Zeit, Visconti,  Rossellini, Fellini und de Sica in nichts nach, zumal er in  Die Rote die filmische Tradition Italiens auf Franziskas nächtlichen Streifzügen durch die winterliche, verlassene Lagunenstadt geradezu heraufbeschwört.

Ein weiteres Meisterwerk von Käutners und ist der Noir-Krimi Schwarzer Kies (1961), in dem der Regisseur offene Zeitkritik an den US-Besatzern und Verbündeten übt. Bis heute lässt sich nur eine zensierte, geschnittene Kopie dieses Films auftreiben, in der eine Szene fehlt, die die Zeitgenossen als antisemitisch fehl deuteten. Sogar die bundeseigene Murnau-Stiftung habe sich trotz nachhaltiger Bitten geweigert, die unzensierte Version herauszurücken, war in Locarno zu erfahren.

Wie reflektierte das BRD-Nachkriegskino überhaupt die Nazi-Zeit? Auch zu diesem Themenkomplex hat Olaf Möller, Kurator der Retrospektive, einige überraschende Beispiele zusammentragen, die Werke für die DEFA schufen, mit denen sich die DDR als Korrektiv profilieren konnte.

In den 1950er und frühen 60er Jahren stellte die DEFA zwei Dutzend Filme her, die ganz oder teilweise in der Bundesrepublik spielen. Bis zum Mauerbau war die Bundesrepublik schließlich Teil täglicher Erfahrungen, zudem wollte man mit dem Gegenbild das Selbstbild bestimmen. Die Rettung alter Nazis in die Elite der Bundesrepublik, Wiederbewaffnung, Auf- und Atomrüstung sind vielfach die Themen dieser Filme.

Eine sensationelle Wiederentdeckung in diesem Spektrum beschert das Drama Spotkania w mroku (1960) der polnischen Regisseurin Wanda Jakubowska. Magdalena Novak, eine Pianistin, steht im Zentrum dieser bewegenden, packenden Geschichte um eine schwere menschliche Enttäuschung in der BRD. Während des Krieges muss die Künstlerin zwangsweise in einer kleinen deutschen Stadt als „Fremdarbeiterin“ leben. Unverhofft begegnet ihr Steinlieb, der Chef der Schuhfabrik, in der sie arbeitet, sehr menschlich, lässt sie auf seinem Flügel üben und entbindet sie von Aufgaben an der Schneidemaschine, die ihre Hände gefährden könnten. Magdalena entwickelt Gefühle für ihn. Hilfe erfährt sie außerdem von dem Werkmeister Wenk, der es ermöglicht, dass sie Brot und Medikamente an KZ-Häftlinge schmuggeln kann. Als die Musikerin aber nach dem Krieg am Rande einer Tournee in Westdeutschland wieder nach Eltheim zurückkehrt, hat sich Einiges verändert: Steinlieb kollaboriert inzwischen, zum Konzernchef befördert, mit ehemaligen Nazis und sagt in einem Prozess gegen Wenk aus, dem Diebstahl von Schuhen für Flüchtlinge zur Last gelegt wird.

Starke künstlerische Qualitäten bezeugt der Film vor allem in der musikalischen Gestaltung: Allein die aufwühlende Musik des 1923 geborenen Komponisten Stanislaw Skrowaczewski, aus dessen Klavierkonzert lange Passagen zu hören sind, wirkt mit Härten und schwermütigen Klängen, die an Schostakowitsch erinnern, wie zugeschnitten auf die von wechselnden Emotionen und düsteren Impressionen bestimmte Handlung. Einfach großartig auch die Bildästhetik mit faszinierenden Schatteneffekten und die große darstellerische Leistung der Hauptdarstellerin Zofia Slaboszowska, die sich allein schon auf dem Konzertpodium und an ihrem Instrument so schlafwandlerisch sicher bewegt, als hätte sie  Klavier studiert.

Ein anderer Großer, der sich direkt mit dem Nationalsozialismus filmisch auseinandersetzte, war freilich Wolfgang Staudte, der bei dem ersten deutschen Nachkriegsfilm Die Mörder sind unter uns (1946) Regie führte, ab 1955 zum starken Missfallen der Bundesrepublik verstärkt für die Defa arbeitete, in der BRD immer wieder versuchte, gesellschaftskritische Anliegen im Film zu inszenieren, aber erst 1959 mit Rosen für den Staatsanwalt einen erfolgreichen Film über nationalsozialistische Vergangenheit in die Kinos brachte.

Einer Wiederentdeckung würdig erweist sich das nun Staudtes aus der Versenkung wieder  aufgetauchtes Drama Leuchtfeuer (1954), ein seltenes Beispiel deutsch-deutscher Koproduktionen. Sie zu realisieren, bedurfte angesichts des angespannten Verhältnisses zwischen West und Ost raffinierter Klimmzüge. Eine Stockholmer Firma mit dem symbolträchtigen Namen Pandora als Tarnung ins Spiel bringend, gelang es dem Münchner Produzenten und Filmkaufmann Erich Mehl, einige wenige solcher ost-westdeutschen Koproduktionen zu realisieren. Leuchtfeuer spielt auf einer kargen Fischerinsel, wo den Bewohnern im Winter die Lebensmittel ausgehen. In ihrer großen Not hoffen sie auf Strandgut von zerschellten Schiffen und setzen in ihrer Not den Leuchtturmwärter mit fatalen Folgen unter Druck, die Lichter zu löschen. Am Ende wird der Leuchtturmwärter verhaftet, und an der unbewohnten Seite der Insel werden Lebensmittel eines Schiffs an Land gespült, wo sie niemand bemerkt. Durchdrungen von ungemein naturalistisch wirkenden,  hoch dramatischen Unwetterszenen auf hoher See, erweist sich dieses komplexe zeitlose Drama um Schuld und Verantwortung auch als ein formal und optisch außergewöhnliches Werk.