Dirty Harry

Jubiläen

Erinnerungen im Mai

| Alexandra Seitz |
Filmo-biografische Zufälligkeiten und ein großer Geburtstag.

Pierre Brice und Lex Barker

Pierre Brice starb am 6. Mai (2015), Lex Barker wurde am 8. Mai (1919) geboren, als Winnetou und Old Shatterhand gingen die beiden Schauspieler – aus Frankreich gebürtig der eine, aus den USA stammend der andere – in die Filmgeschichte ein. Nicht nur in die der noch relativ jungen Bundesrepublik Deutschland, die sich doch das Träumen schon wieder leisten konnte; Harald Reinls Verfilmungen der Abenteuerromane Karl Mays können sich auch im internationalen Vergleich als Beiträge zum uramerikanischen Genre des Western sehen lassen. Alles, was ein solcher in den sechziger Jahren zum Erfolg brauchte, findet sich auch in den frei flottierenden Fantasien vom „Wilden Westen“, die sich ein Sachse hatte einfallen lassen, der seine Scholle nie verlassen hat: von der Widerrechtlichkeit der Landnahme über den Kampf der Indigenen um ihre Kultur hin zur Faszination, die das jeweilige Fremde bis zur Verbrüderung aufeinander ausübte. Dazu Spannung und Abenteuer sowie eine gehörige Portion Romantik. Und neben Brice und Barker die Riesen und die Zwerge bundesdeutschen Schauspiels und jugoslawischer Komparserie. Irgendwo zwischen Kindergeburtstag und Fanveranstaltung – auf jeden Fall ein Fest, auch heute noch.

 

Margaret Rutherford

Dame Margaret Rutherford, geboren am 11. Mai 1892, verstorben am 22. Mai 1972, überlebte ihren 80. Geburtstag um gerade mal elf Tage. Spät zu Ruhm gekommen im Schauspiel-Fach „schrullige Alte“, wurde sie im deutschsprachigen Raum gerne mit Adele Sandrock verglichen – auch so eine Spitzenkomödiantin, die eine Physiognomie, die nicht eben dem klassischen Schönheitsideal entsprach, mit humoristischem Effekt einzusetzen verstand. Und wie trefflich gelang es doch Margaret Rutherford in der Rolle der Amateurdetektivin Miss Marple, ihr Doppel- und Dreifach-Kinn erbeben zu lassen, entrüstet aufzuschnauben, energisch die Pelerine um- und den langen Schal über die Schulter zu werfen – um wild entschlossen loszumarschieren, denn es galt, einem Verbrechen auf die Spur zu kommen, einen Mord gar aufzuklären. Immer im Schlepptau hatte sie dabei den ergebenen, vergeblich zur Vorsicht mahnenden Freund und Vertrauten Mr. Jim Stringer, dargestellt wiederum von Stinger Davis, mit dem Rutherford eine langjährige Beziehung verband und den sie 1945 endlich auch heiratete. Dem Vernehmen nach war Marple-Erfinderin Agatha Christie nicht ganz so glücklich mit Rutherfords burschikoser Verkörperung – die doch, dank jener vier Krimi-Adaptionen, die in den frühen sechziger Jahren unter der Regie von George Pollock entstanden, ikonisch werden sollte.

 

Romy Schneider und Karlheinz Böhm

Die eine verstarb am 29. Mai 1982, der andere am 29. Mai 2014. Romy Schneider wurde 43 Jahre alt und Karlheinz Böhm nochmal soviele, er starb mit 86. Und in der Blüte der Jugend, sie war 17 und er 27, standen sie gemeinsam vor der Kamera als Prinzessin Elisabeth von Bayern und Kaiser Franz Josef von Österreich in Ernst Marischkas Sissi-Trilogie. Sie bildeten ein Liebespaar, das in kitschiger Melodramatik die realitätsverdrängenden Sehnsüchte der fünfziger Jahre unvergleichlich bediente: Zuckervergiftung – so, als würde man ein Kilo Mozartkugeln auf einen Sitz vertilgen; natürlich wird einem dann schlecht.

Romy Schneider kämpfte Zeit ihres Lebens gegen das Image des süßen Maderls an, das ihren schauspielerischen Fähigkeiten in keinster Weise gerecht wurde, und starb unglücklich. Zehn Jahre vor ihrem Tod exorzierte sie die Rolle, die ihr Fluch war, mit ihrer Darstellung der tief melancholischen Elisabeth von Österreich in Lucino Viscontis Ludwig II. Karlheinz Böhm scherte sich nicht viel und konterte souverän: Als reichlich perverser Psychopath sorgte er in Michael Powells Peeping Tom 1960 für einen Skandal, der beinahe seine Karriere abwürgte. In den Siebzigern glänzte er in Filmen von Rainer Werner Fassbinder (u.a. Martha und Faustrecht der Freiheit) als undurchschaubarer Manipulator mit Hang zum Sadismus. In den Achtzigern gründete er die Entwicklungshilfe-Organisation „Menschen für Menschen“ und machte sich in der Sahel-Zone nützlich.

 

Vincent Price und Christopher Lee

Sie teilen sich den Geburtstag: Am 27. Mai 1911 wurde Vincent Price geboren und exakt elf Jahre später, am 27. Mai 1922, Christopher Lee. Beide zählen sie zu den ehrfurchtgebietenden Ikonen des klassischen Horrorkinos.

Unvergleichlich, wie Price in Roger Cormans nicht immer ganz vorlagengetreuen Adaptionen der von manischen Ängsten heimgesuchten Erzählungen Edgar Allan Poes einem ungebetenen Besucher das knarrende Tor seines nebelumwaberten Schlosses öffnete und sodann einen schmerzlich-gequälten Blick auf denselben warf, denn im Zweifelsfalle plagte ihn irgendein Wahn. Ebenso unvergleichlich strich Lee mit wehendem Umhang, nach Blut dürstend, durchs Gemäuer und verlieh Graf Dracula seine hochaufragende Gestalt. Bis ihn schließlich doch der wohlgesetzte Pfahl Professor Van Helsings ins untote Herz traf oder ein unzeitiger Sonnenstrahl ihn in einen Haufen zischenden Staubes verwandelte. In späteren Jahren brachte Lee sich einem jüngeren Publikum in der Rolle des bösen Zauberers Saruman in Peter Jacksons monumentaler Tolkien-Verfilmung The Lord of the Rings nachdrücklich in Erinnerung.

Beide auch traten sie in Filmen Tim Burtons als altehrwürdige Greise in Erscheinung: als Konstrukteur und Erfinder der Titelfigur in Edward Scissorhands der eine und als fortschrittsfeindlich bedrohlicher Richter in Sleepy Hollow der andere; beide schicken sie Johnny Depp ins jeweils gefahrvolle, freie Gelände, das da Leben heißt.

 

Clint Eastwood

Am 31. Mai 1930 wird in San Francisco Clint Eastwood geboren. Wegzudenken ist das umfangreiche Werk des Schauspielers, Regisseurs und Produzenten, der nunmehr seinen 90. Geburtstag feiert, aus kaum einer Filmsozialisation. Ob er nun als junger Cowboy in der TV-Westernserie Rawhide erste Action-Taten vollbrachte oder sich als wortkarg-lakonischer Held von Sergio Leones Italowestern-Meilenstein-„Dollar“-Trilogie durch die allerorten herrschende moralische Korruption schoss oder als knurrender Bulle Dirty Harry den Bösewichtern mit Nachdruck das Handwerk legte – gleichviel, er prägte sich ins kollektive Gedächtnis als einer der Coolsten ein und als einer, der nicht lange fackelt.

Und dann begann er in seinen ersten Arbeiten als Filmemacher, leise sein eigenes Image, seine Leinwand-Persona zu hinterfragen; und mit der Zeit entstand ein Œuvre, das, in konservativem Humanismus wurzelnd, immer wieder zeitgeschichtlich ausgreift: Arbeiten, die die Perspektive der Mitmenschlichkeit an ein Terrain anlegen, das von tradierten Haltungen lang schon vermessen schien. Filme wie Eastwoods Diptychon zum Pazifik-Krieg, Flags of Our Fathers und Letters from Iwo Jima, die den immens verlustreichen, erbitterten Kampf um die japanische Insel einmal aus dem Blickwinkel der US-Soldaten und einmal aus dem jener der Kaiserlichen Armee betrachten. Ein Meisterstück, eins von vielen in Eastwoods langer und fruchtbarer Karriere – und eindrücklicher Beleg eines großen, unvoreingenommenen Herzens.