When Eight Bells Toll (1971)

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Cult for free

| Oliver Stangl |
Der YouTube-Kanal Flick Vault bietet britische Kultfilme kostenlos und in HD an. Mit dabei unter anderem: Arthouse, Horror und Agentenfilm.

Das Ding mit dem Virus ließ bekanntlich in Kombination mit den Kinoschließungen die Streamingzahlen bei den namhaften großen Anbietern explodieren. Cineasten können aber auch auf YouTube Schätze entdecken: So versammelt der Kanal Flick Vault Filme aus mehreren Jahrzehnten, die entweder in Großbritannien produziert wurden oder Beteiligte aus dem Commonwealth aufweisen – in HD und kostenlos. Im Folgenden eine kleine Auswahl.

Hopkins, Anthony Hopkins
Wollten Sie schon immer einmal wissen, wie sich der junge Anthony Hopkins als Geheimagent macht? In Étienne Périers Alistair-MacLean-Verfilmung When Eight Bells Toll (1971) gibt der Mime den Marine-Agenten Philip Calvert, der das Verschwinden von maritimen Goldtransporten vor der Küste Schottlands aufklären soll und dabei schwer unter Beschuss gerät. Hopkins, der sich bis dahin vor allem als Shakespeare-Darsteller einen Namen gemacht hatte und zunächst zögerte, die Rolle anzunehmen, überzeugt hier auch physisch als Tough guy, der einen Schlag bei den Frauen hat, dem seine Arbeit aber letzten Endes doch wichtiger ist – und das, obwohl er sich nicht selten mit seinem Vorgesetzten (eine gewohnt komische Performance von „Mr. Augenbraue“ Robert Morley) anlegt. Der Film fällt zeitlich und tonal zwischen die Harry-Palmer-Reihe mit Michael Caine und John Hustons The Mackintosh Man (1973) die einen etwas unglamouröseren, desilussionierten Blick auf das Agentenleben warfen, vergisst aber definitiv nicht auf den Faktor Entertainment: When Eight Bells Toll ist ein ohne größere Kameramätzchen inszenierter Hybrid aus Agenten- und Taucherfilm, der ironische Seitenhiebe auf das Agentenfilmgenre ebenso beinhaltet („Am I going to be the world’s first underwater spy?“) wie maritime Atmosphäre, Action, undurchsichtige Figuren (Nathalie Delon gibt die Femme fatale) und ein dynamisches Big-Band-Thema. Hier wird nicht wie beim Bond-Vorbild gleich die Welt vor einem Superbösewicht gerettet, auch wenn das Finale stilecht in einem schottischen Schloss über die Bühne geht. Soll heißen: Pflicht für Fans des Agentengenres, die es mal etwas geerdeter, aber dennoch unterhaltsam wollen. Der Film war damals übrigens nicht der erwartete große Hit und eine Philip-Calvert-Reihe kam nicht zustande – wer weiß, in welche Richtung sich die Karriere des späteren Oscarpreisträgers Hopkins sonst entwickelt hätte.

Eine lobende Erwähnung gibt es für Ken Hughes‘ ziemlich ernsthaften Thriller The Internecine Project (1974) mit James Coburn in der Rolle eines berechnenden Ex-Agenten, der aus Karrieregründen ehemalige Weggefährten eliminiert. Hier sollten Freunde des düsteren Siebziger-Jahre-Films (inklusive Politmachenschaften) auf ihre Kosten kommen.

Shocking
Horror-Maniacs werden mit Flick Vault ebenfalls ihre Freude haben – wie könnte es auch anders sein mit den britischen Genre-Topstars der damaligen Zeit: Peter Cushing und Christopher Lee stehen sowohl in Dr. Terror’s House of Horrors (R: Freddie Francis, 1964 – eine der wirklich charmanten Horror-Anthologien des Studios Amicus) als auch in Night of the Big Heat (R: Terence Fisher, 1967 – Aliens lösen eine mörderische Hitzewelle aus) gemeinsam vor der Kamera, wobei Lee hier jeweils die arroganten Figuren spielt. Wirklichen Grusel lösen die Filme heute natürlich nicht mehr aus, aber sie überzeugen neben dem tollen Cast mit ihrer Atmosphäre und einer durchaus liebevollen Machart. Cushing solo zu sehen gibt es in Island of Terror (1966) oder The Blood Beast Terror (1968): Hier muss sich die Horrorikone jeweils mit mörderischen Kreaturen anlegen.

Auch in einem verunglückten Horrorfilm, der eine problematische Produktionsgeschichte hatte und seine Story hauptsächlich als Vorwand für psychedelische Sexszenen hernimmt (gewisst, es gibt Schlimmeres), ist Cushing dabei: Bloodsuckers (Robert Harford-Davis, 1970) ist reinster Vampir-Trash unter der Sonne Griechenlands. Immerhin ein Zeitdokument.

Übrigens taucht auch Sherlock Holmes auf Flick Vault ins Horrorgenre ein: Im durchaus schön die Nebel-Klischees erfüllenden A Study in Terror (James Hill, 1965) gibt John Neville den Meisterdetektiv auf den Spuren Jack the Rippers.

Kunst und Kuriositäten
Aus dem künstlerisch hochwertigen Segment sind beispielsweise Roman Polanskis Cul-de-sac von 1966 (ein Schwarzweiß-Kammerspiel, in dem das Gangstergenre auf Beckett trifft; hervorragend in den Hauptrollen agieren Donald Pleasance und Lionel Stander) oder Derek Jarmans Britten-Visualisierung War Requiem (1989, mit Sean Bean) hervorzuheben. Dame Helen Mirren kann man in Miss Julie (1974), einer Fernsehaufführung von Strindbergs berühmten Stück erleben – samt Kollegen aus der Royal Shakespeare Company. An weiteren Dramen angeboten werden unter anderem John Hustons Malcolm-Lowry-Verfilmung Under the Volcano (1984) mit einem grandiosen Albert Finney als alkoholkrankem Konsul oder Homeboy (1988), eine seinerzeit unter Wert geschlagene Verliererstudie, in der Mickey Rourke grandios einen in die Jahre gekommenen Boxer verkörpert, der in kriminelle Machenschaften verstrickt wird.

Nicht jeder der hochgeladenen Filme ist ein Meisterwerk, aber auch vergessene Kuriositäten wie die Kriegs- und Politsatire Paper Tiger (1975) mit David Niven sind für Neugierige durchaus einen Blick wert. Und wer ohne wenn und aber auf Trash abfährt, sollte sich Prisoners of the Lost Universe (1983) zu Gemüte führen – ein unfreiwillig komisches B-Fantasymachwerk, das in Zeiten wie diesen vielleicht für die dringend nötige Erheiterung sorgt.

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