Vorschau: Die 20. Ausgabe des Nippon Connection Filmfestivals
Eine besondere wäre sie auch ohne Ausnahmezustand gewesen, die diesjährige Ausgabe des Nippon Connection Filmfestivals in Frankfurt am Main — aufgrund der COVID-19-Pandemie und der verbundenen Maßnahmen zur deren Eindämmung findet das 20-jährige Jubiläum online statt. Auch für den digitalen und virtuellen Raum hat der gemeinnützige Verein Nippon Connection e.V., der für seine Verdienste heuer mit dem JaDe-Preis der Stiftung zur Förderung japanisch-deutscher Wissenschafts- und Kulturbeziehung ausgezeichnet wurde, ein Programm auf die Beine gestellt, das sich sehen lassen kann. Nicht nur versprechen über 70 Kurz- und Langfilme ein spannendes Panorama der japanischen Filmszene, neben Interaktionen mit zahlreichen Filmschaffenden via Videobotschaften, Diskussionsrunden und Live-Übertragungen werden dem Publikum vom 9. bis zum 14. Juni auch Workshops, Vorträge, Performances und Konzerte geboten.
Statt im Kinosaal gibt es die Filme heuer auf der Plattform Vimeo zu sehen, jeweils gegen Leihgebühr für 24 Stunden innerhalb des Festivalzeitraums. Die umfangreiche Selektion steht im Zeichen des Schwerpunkts „Female Futures? — Neue Frauenbilder in Japan”, es stehen zahlreiche filmische Positionen im Rampenlicht, die sich mit der Rolle von Frauen — sowohl in der aktuellen japanischen Gesellschaft als auch der aktuellen japanischen Filmlandschaft vor und hinter der Kamera — auseinandersetzen. Im Spielfilmbereich hinterfragt Regisseurin Yukiko Mishima in ihrem düsteren Drama Shape of Red traditionelle Geschlechterrollen anhand einer jungen Frau, die scheinbar alles hat und trotzdem ausbrechen will, Akiko Okus standhafte Protagonistin — eine Single in ihren 40ern — lässt sich in der Liebeskomödie My Sweet Grappa Remedies auf ein Verhältnis mit einem viel jüngeren Mann ein. Stalking und häusliche Gewalt, ausgeübt von Männern, entpuppen sich in Under Your Bed von Mari Asato als der Horror, der sie tatsächlich sind.
Weitere Höhepunkte unter anderem: Family Romance, LLC, eine typisch semifiktionale Untersuchung Werner Herzogs, die das Phänomen der Verwandtenvermietung am Beispiel einer real existierenden Agentur in Tokyo, die vermeintliche Familienmitglieder an seine Kund*innen verleiht, zum Gegenstand hat. Labyrinth of Cinema ist ein fantastisches Antikriegs-Drama und gleichzeitig der letzte Film des kürzlich verstorbenen Regiemeisters Nobuhiko Obayashi dar, während Kulturregisseur SABU in seinem neuesten Trip Dancing Mary J-Pop-Star Naoto in seinem Leinwanddebüt auf Geisterjagd schickt. Eisuke Naito lässt in Forgiven Children im Zuge eines Verbrechens eines Kindes die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen, und Michihito Fujii inszeniert mit dem heuer bei den japanischen Academy Awards dreifach ausgezeichneten The Journalist ein Drama um einen Politskandal und eine junge Investigativjournalistin, deren Figur auf der realen Person Isoko Mochizuki basiert.
Dem Wirken ebendieser Journalistin, die sich gegen die vorherrschende Medienkultur in Japan stellt, setzt i — Documentary of the Journalist ein Denkmal, mit dem sich Tatsuya Mori in eine facettenreiche Auswahl von Arbeiten von Regie-Kolleginnen einreiht, deren dokumentarisches Werk das heurige Nippon-Programm maßgeblich prägt: Miwa Yoshimine gewährt mit This Planet Is Not My Planet profunde Einblicke in Leben und Schaffen der Feministin und Schriftstellerin Mitsu Tanaka, die als Pionierin der japanischen Frauenbewegung seit den 1970er Jahren gilt. Mit Cenote gelingt der frischgebackenen Nagisa-Oshima-Preisträgerin und ehemaligen Béla-Tarr-Studentin Kaori Oda eine immersive wie experimentelle, sowohl auf Super-8 als mit iPhone gedrehte Reise in die unterirdischen Wasserläufe der Maya. Den Ainu, einem indigenen Volk im Norden Japans, widmet sich Naomi Mizoguchi. Ihr Film Ainu: Indigenous People of Japan beschäftigt sich mit dessen vielfältigen Bemühungen, seine gefährdete kulturelle Identität zu bewahren. Dank jahrelanger Bemühungen der Regisseurin Kaori Sakagami findet sich mit Prison Circle eine in der Form nie dagewesener Einsicht in das japanische Strafvollzugssystem im Programm — noch dazu in eine Institution, die alternative Methoden anwendet. Außerdem bietet die Rubrik Doku mit Book-Paper-Scissors (R: Nanako Hirose) das detaillierte Porträt eines Buchkünstlers sowie mit An Ant Strikes Back (R: Tsuchiya Tokachi) den Kampf einer „einfachen Arbeiterameise“ gegen die Windmühlen eines emblematischen kapitalistischen Großkonzerns.
Zudem darf man sich auf die Animationssparte freuen, die mit Her Blue Sky (R: Tatsuyuki Nagai) eine magische Geschichte von Liebe, Kontemplation und Teenie-Ängsten, mit Hello World aber auch ein Sci-Fi-Drama bereithält, dessen Prämisse an ein gewisses Simulacron-3 erinnert — bei Tomohiko Ito geht es jedoch fantastischer zu als bei Galouye respektive Fassbinder. Grund zur Vorfreude bietet auch ein Best of Nippon: Festivalhighlights der vergangenen Jahre feiern ein Comeback. Darunter befinden sich unter anderem Lesson of the Evil von Slasher-Größe Takashi Miike und die Romantic Comedy Night Is Short, Walk On Girl (R: Maasaki Yuasa), die 2018 bei japanischen Academy Awards zum besten Animationsfilm gekürt wurde.
Trotz der erschwerten Umstände schafft es Nippon Connection auch heuer wieder, das umfangreiche Film- durch allerlei Rahmenprogramm zu ergänzen: Das Angebot reicht von einer Performance des Rakugo-Erzählers und Comedians Katsura Sunshine bis hin zum Tee-Workshop mit der in Frankfurt ansässigen Teemeisterin Yumiko Wiesheu Ono. Das beliebte Karaoke wird auch online nicht fehlen, und im Rahmen des Female-Futures-Schwerpunkts wird es einen Online-Vortrag zur Rolle der Frau im japanischen Film von Chantal Bertalanffy (University of Edinburgh) sowie eine Livestream-Podiumsdiskussion mit japanischen Regisseurinnen geben, die von der „Variety“-Journalistin Maggie Lee moderiert wird. Und auch „ray“ ist gewissermaßen vertreten: Kolumnist Jörg Buttgereit wird für das Publikum im Heimkino live einen japanischen Überraschungsfilm kommentieren.
