Filmfestival online

Auf nach Asien!

| Andreas Ungerböck |
Das Far East Film Festival in Udine, im April dem Virus zum Opfer gefallen, holt seine 22. Edition von 26. Juni bis 4. Juli online nach: ein Fest für Silver Ninja und andere Asien-Fans.

Das FEFF, wie es abgekürzt heißt, hat sich im Laufe der letzten 21 Jahre zu dem führenden europäischen Event für alle Liebhaberinnen und -haber des asiatischen Kinos entwickelt. In kompakter Atmosphäre und gefühlt rund um die Uhr steht dort alles im Zeichen feinsten asiatischen Filmschaffens. Der Schwerpunkt liegt, wie derName schon sagt, auf „Far East“ (heuer: Hongkong, China, Taiwan, Japan, Korea, Philippinen, Malaysia, Indonesien). Das Besondere und Verdienstvolle am FEFF ist, dass man hier aktiv dem Missverständnis entgegenarbeitet, asiatische Filme seien per se „Arthouse“, nur, weil sie nicht aus Hollywood stammen. Im Gegenteil, man hat den kommerziellen Charakter der gezeigten Filme stets betont: „The principal aim of the Far East Film Festival has always been that of reducing the cultural distance between the East and the West by showcasing the films which are popular in Asia: the films people are actually going to see at the cinema – the blockbusters and genre films that rarely used to reach Western audiences except through pirated copies or in other unorthodox ways.”

Das heißt aber nicht, dass die Filmkunst zu kurz kommt – in Udine pflegt man, vor allem auch in kenntnisreichen historischen Personalen und Retrospektiven, auch den Respekt vor den großen Autorinnen und Autoren der Region, und man kann dort alte, zum Teil restaurierte Filme entdecken, die es garantiert nicht auf DVD oder Blu-ray gibt und die auch sonst schwer zugänglich sind. Viele Filmemacherinnen und Filmemacher aus Asien waren über die Jahre nach Udine eingeladen, und man konnte sie hier erstmals in Gesprächen und Lectures „live“ kennenlernen.

Ninja, Samurai und Shogun
Dass das Corona-Virus den angestammten Festivaltermin Ende April sabotiert hat, ist natürlich bitter für die rührige Veranstaltung. Aber das Organisationsteam hat, nachdem sich auch die Hoffnung auf eine Verschiebung zerschlagen hatte, einen Weg gefunden, das Festival doch noch abzuhalten. Für alle, die noch nie beim FEFF waren und das auch nicht vorhatten, bietet die Online-Version, die von 26. Juni bis 4. Juli stattfindet, die einzigartige Gelegenheit, sich bequem von zu Hause aus die neuesten asiatischen Film-Hits (46 sind in der Auswahl) anzuschauen – eine in jedem Fall lohnende Reise, und die Veranstalter betonen genau diesen Aspekt in diesen Zeiten, in denen man physisch nicht in den fernen Kontinent aufbrechen kann. Man kann entweder dem Festival-Zeitplan folgen oder sich selbst seinen Schedule zusammenstellen, und man kann aus drei Kategorien wählen, die unterschiedliche Zugänge erlauben. Schon mit dem „Silver Ninja Pass“ um EUR 9,90 kann man die Filme sehen – mit der notwendigen Einschränkung, dass einige von ihnen aus rechtlichen Gründen in Österreich bzw. außerhalb Italiens nicht verfügbar sind. Dennoch bleiben immer noch eine ganze Menge. Für 49 Euro kann man „Golden Samurai“ werden, für 100 Euro erhält man den „Platinum Shogun Pass“, der zudem schon einige Vorteile für die 2021er-Edition bereithält, die hoffentlich wieder live vor Ort stattfinden wird.

Die Filme
Eröffnet wird am 26. Juni mit dem koreanischen Blockbuster Ashfall von Kim Byung-seo und Lee Hae-jun, in dem ein verheerender Vulkanausbruch die beiden koreanischen Staaten zwingt, intensiv zusammenzuarbeiten (eine angesichts der politischen Entwicklungen der jüngsten Zeit leider ziemlich utopische Vorstellung). Die Republik Korea – nicht zuletzt durch ihre Meister Bong Joon-ho, Park Chan-wook und Lee Chang-dong ohnehin verstärkt im Fokus der Filmwelt – ist zahlenmäßig am stärksten vertreten im Aufgebot, u.a. mit der Liebeskomödie Crazy Romance von Kim Han-kyul und dem packenden Drama The House of Us, in dessen Mittelpunkt drei junge Mädchen stehen. Aus Japan kommen etwa A Beloved Wife von Adachi Shin, eine schwungvolle Ehekomödie, oder das Jugenddrama Colorless von Koyama Takashi. Ein Knüller aus Hongkong ist der neue Film von Johnnie To, Chasing Dream, von den Philippinen kommt der wunderbare Film Edward von Thop Nazareno über einen halbwüchsigen Jungen, der in einem Spital seinen schwerkranken Vater pflegt und dabei allmählich erwachsen wird. Nazareno nützt die Geschichte auch zu einem desillusionierenden Blick auf die medizinische Versorgung in seinem Heimatland und auf die katastrophale soziale Ungleichheit. Der – rechtebedingt – einzige Film aus China, der online zugänglich ist, hat es in sich: The Captain von Hongkong-Action-Spezialist Andrew Lau (Infernal Affairs) erzählt die wahre Geschichte eines haarsträubenden Flugzeugabenteuers im Jahr 2018: Bei einer Passagiermaschine auf einem Inlandsflug brach die Windschutzscheibe, als sie durch eine massive Gewitterzone flog. Wie der Pilot und seine Crew es dennoch schafften, der Hölle zu entkommen und das Flugzeug sicher zu landen, das kann kein Drehbuch erfinden – Clint Eastwoods Sully lässt grüßen.

Ein Special Tribute ist dem 37-jährigen japanischen Indie-Regisseur Watanabe Hirobumi gewidmet, dessen präzise Betrachtungen des Alltagslebens und dessen formale Meisterschaft in den letzten Jahren für Ausehen sorgten. Gleich vier aktuelle Filme, darunter die Weltpremiere von I’m Really Good, sind „in Udine“ zu sehen. Quasi eine Premiere, weil hierzulande praktisch unbekannt, ist Hou Hsiao-hsiens Frühwerk Cheerful Wind aus dem Jahr 1982, das kürzlich restauriert wurde und nun erstmals in Europa zugänglich ist.

Diverse virtuelle Rahmenveranstaltungen, u.a. ein Markt für zukünftige Projekte, Panels und Möglichkeiten zum Netzwerken, ergänzen das Programm.

www.fareastfilm.com/eng/