Filmfestival online

Intensität, weite Wege und viel Sozialkritik

| Jakob Dibold |
Das war Nippon Connection 2020 online: ein Nachbericht.

Man kennt den Festivalstress: Den muss ich sehen, den aber auch, den aber eigentlich schon ebenfalls, und der wurde mir gestern noch dringend empfohlen, Geheimtipp, unbedingt nicht verpassen — doch was, wenn die terminlichen Überschneidungen die Filmauswahl nicht begrenzen? So geschehen vor Kurzem, von 9. bis 14. Juni. Das Nippon Connection Online Filmfestival bot seinen über 25.000 (Rekord!) Zuseherinnen und Zusehern viel, so viel, dass der folgende Versuch, über das Gesehene zu berichten, allenfalls ein Gefühl des großen Ganzen vermitteln kann.

In punkto Genre konnte sich das Publikum tatsächlich an alle möglichen Spektrumsenden wagen: Von opulenter Fiktion über raffinierte Hybride bis zu eiskalten Talking-Heads-Dokus wurde alles geboten. Ein Spektakel, das erstere Beschreibung erfüllt, wäre Obayashi Nobuhikos dreistündiges Labyrinth of Cinema — wobei dann auf den zweiten Blick doch weder Fiktion noch Opulenz die schärfste Begriffswahl bedeuten, will man seinen Meta-Kommentar zur Bedeutung des Filmischen im Hinblick auf die eigene Kultur der Kriegsdarstellung in all dessen Facetten fassen. Schön, dass auch seine kultige Arbeit House aus den siebziger Jahren im Programm vertreten war. Denn selbst dann, wenn man sich bestmöglich auf die völlig überdrehten Gräuel in bunt und den trashigen Greenscreen einlässt, ist der letzte Film von Obayashi über seine Gesamtlaufzeit von drei Stunden nur mit Anstrengung zu ertragen.

An Überlänge ohne erkennbaren Mehrwert leiden auch andere Filme, vielleicht allen voran der eigentlich bemerkenswerte Prison Circle, der den Alltag von japanischen Häftlingen in einer speziellen Peer-Mediations-Gruppe begleitet. So interessant diese Einsichten auch sein mögen, kann man ihren Ausmaßen irgendwann kaum noch folgen — und hat Zeit, zu bedauern, dass sich Regisseurin Sakagami Kaori nicht stärker auf die einen durchaus in den Bann ziehenden Bilder der uniformierten Inhaftierten mit den verschwommenen Gesichtern verlässt, die stoischen Akkord ebenso zeigen wie die unterliegende Zerbrechlichkeit.

Von einem, der nicht in den Strafvollzug muss, obwohl er es wohl sollte, handelt Forgiven Children. Laut und mit viel Nachdruck erzählt Naito Eisuke die Geschichte eines Jungen, der einen Mitschüler tötet und damit davonkommt. Im Fokus stehen die Nachwirkungen, eine regelrechte Hetzjagd auf den vermeintlichen Mörder und seine Familie. Doch mäandern die Geschehnisse noch lange vor sich hin, nachdem der Punkt klar gemacht wurde — hier mit wilder technischer Verspieltheit, Slow-Motion-Gefühlsausbruche inklusive. Ein eigentümlicher Film, der seiner guten ersten halben Stunde nie so ganz nachzukommen vermag.

Die eine oder andere Kürzung wünscht man vielleicht auch Shell and Joint, einem Langfilmdebüt, das Hirabayashi Isamu ziemlich unvermeidbar den Titel „japanischer Roy Andersson“ einbringen wird. Man ist gewillt, die Handvoll Durststrecken zu verzeihen, und auch die eher überflüssigen philosophierenden Insekten-Stoffpuppen zu ertragen, denn die Belohnung dafür ist fürstlich: eine beinahe schelmisch gut fotografierte, trotz (oder eben gerade aufgrund von) viel scheinbarem Nicht-Ereignis niemals langweilige Reise in menschliche Abgründe, in denen das Triebhafte und das Angstvolle zu einer gerade hinsichtlich seiner Genderstereotypen im Kontext des Festivalmottos sicherlich mitunter kontroversen, aber faszinierenden Suppe verschmelzen.

Der „Female-Futures“-Leitlinie mit Bestnote gerecht wird jedenfalls This Planet Is Not My Planet (R: Yoshimine Miwa), das die zwar in die Jahre gekommene, jedoch nicht müde werdende Schrifstellerin und Aktivistin Tanaka Mitsu auf ihrer unaufhörlichen Mission begleitet, sich feministisch gleichermaßen für andere als auch für ihren eigenen Seelenfrieden zu engagieren. Filmisch so richtig zünden tut das jedoch leider nicht.
Obwohl auch weitgehend in klassischen Formalia, geht es bei i – Documentary of the Journalist deutlich rasanter zu. Sicherlich gibt der Berufsalltag der investigativen Journalistin Mochizuki Isoko einen packenden Rhythmus maßgeblich vor, aber Regisseur Mori Tatsuya stürzt sich so unmittelbar in die nervenaufreibend hektische Szenerie, dass es eine Freude ist. Das Ergebnis ist zwar auch kein cineastisches Wunderwerk, doch eine elektrisierende und alarmierende Bestandsaufnahme der japanischen Medienkultur.
Als Gegenteil von elektrisierend entpuppt sich das Porträt Book-Paper-Scissors (R: Hirose Nanako), das außer absolut Buch- und Materialfanatischen im Grunde leider kein Publikum bedient. Die Kunst des Buchdesigns ist natürlich schätzenswert — gerade deshalb hätte sie sich eine attraktivere Erzählung verdient.

Nicht nur im Vergleich dazu, sondern auch völlig eigenständig hält Cenote von Oda Kaori im Grunde alles, was man sich versprechen konnte: Immersive Unterwassersequenzen treffen auf brüchig-flackerndes Oberflächenleben, iPhone trifft auf Super-8, zeitgenössische Narration auf alte Maya-Texte. Als vielleicht größte Qualitäten erweisen sich die unbeschwert gelungene Umkehr von Bekanntem und Unbekanntem — siehe da, ein Mensch, dort im Hintergrund ragen seine Beine wie nebenbei mysteriös in den durchtauchten, lichtgefluteten Raum hinab — sowie das fortlaufend gesetzte Rufzeichen hinter der Affirmation, dass das Dokumentarische auch fantastisch, das Reale auch fiktional sein kann.

Stichwort, Vorhang, Auftritt Werner Herzog: Mit Family Romance, LCC. liefert der Deutsche seinen ersten in Japan gedrehten Film, ein in Tokyo ohne Drehgenehmigungen und aus nicht mehr als 350 Minuten Material (wie er im Nippon Film Talk verrät), entstandenes Stück Realfiktion. Angestellte der real existenten, titelgebenden Agentur für Verwandtenvermittlung spielen im Grunde sich selbst, wie sie andere spielen; im Zentrum verkörpert ein Mann den Vater einer Tochter, zwischendurch auch andere Rollen, gegen Bezahlung der dankbaren Klientel. Ein Stoff wie gemacht für Herzog, vielleicht sogar zu sehr, gelingt doch zwar ohne Zweifel ein gutes, aber kein überragendes Werk.

Eine leider eher nicht gute Addition zu seiner Filmografie leistet sich der wohl zweitbekannteste alte Hase: Dancing Mary trägt zwar eindeutig die Handschrift von Sabu, doch dieser gewinnt in seinem enervierend zwischen Farbe und Grautönen changierendem Geistersuchspiel nie jene Tiefe, die Witz und Ernst miteinander zu etwas Größerem aufblühen ließen als einem seichten Späßchen.

Humor und Tristesse gehen besser in My Sweet Grappa Remedies Hand in Hand. Wenngleich Menschen mit starker Voiceover-Phobie von der Tragikomödie von Oku Akiko zwar dringend abzuraten ist, können sowohl Geschichte als auch Umsetzung durch eine erfrischende, leicht konsumierbare, und doch poetisch-zurückhaltende Beobachtungsgabe punkten. Dringend anzukreiden scheint hier lediglich der Umstand zu sein, dass sich gefühlt einen Tick zu lange Zeit gelassen wird, das Kernthema deutlich zu zeichnen — obgleich behutsamer Aufbau selbstredend auch eine Tugend darstellen kann, läuft er hier Gefahr, leicht frustierende Fadesse zu induzieren.

Nichts zu lachen gibt es in Shape Of Red, dem knallharten Beziehungsdrama aus der (eine literarische Vorlage adaptierenden) Feder von Mishima Yukiko. Zumindest nicht langfristig. Fühlt sich der mutig erkämpfte Aufbruch zurück ins eigene, kreative Arbeitsleben für die Protagonistin zunächst wie der erhoffte Aufschwung an — wobei die wahre Liebe mehr als nebensächlich dahinter steckt —, häufen sich auf diesem neuen Weg die Steine zu schier unüberwindbaren Hindernissen. Die kontrastreiche, emotionalisierende visuelle Untermalung einer Gefühlskrise, die ihre Figuren an ihre Grenzen bringt, steht dabei nicht minder ausdrucksstarkem Schauspiel zur Seite, verliert aber weite Teile ihrer Sogwirkung vor allem gegen Ende an die stets verführerische Macht der Übertreibung.

Die Ausübung von Sogwirkung ist Nippon Connection auch online durchaus gelungen, neben vielschichtigen Entdeckungsmöglichkeiten japanischer Filmkultur sorgten ebenso diverse Interviews mit Filmschaffenden und vor allem das trotz technischer Hürden äußerst kurzweilige Diskussions-Panel mit den Filmemacherinnen Mishima Yukiko, Mizoguchi Naomi und Komori Haruka für hautnahe Einblicke in die japanische Filmlandschaft aus weiblicher Perspektive. Nicht nur in besagter Diskussion konnten sich auch Interessierte aus dem Festivalpublikum mit ihren Fragen bringen, last, but not least, wurde mit An Ant Strikes Back auch ein Publikumspreis-Sieger gekürt. Ob die über Jahre hinweg aufwendig entstandene Doku auch eine Fachjury überzeugen hätte können, sei dahingestellt, packend ist sie allemal. Dem immer noch katastrophal aktuellen Thema des „Karoshi“, dem Tod durch Überarbeitung oder durch von Überarbeitung herrührendem Suizid, widmet Tsuchiya Tokachi ein gewagtes Stück Arbeit, das die Machenschaften einer großen Umzugsfirma gnadenlos aufdeckt und seinen Protagonisten dabei begleitet, wie dieser den scheinbaren Kampf gegen Windmühlen annimmt. Dabei blitzen zwischen der unstreitbar anzuerkennenden dokumentarischen Arbeit immer wieder schöne optische Details hervor, sodass die Rache der Arbeiterameise nicht zu einer bloßen Abenteuerreportage verkommt. Kein unverdienter Preisträger, der stellvertretend ausdrückt, wozu das Festival auch heuer wieder beitrug — die Sonne mag noch sehr lange nicht für alle im Land aufgegangen sein, doch es tut sich etwas.

nipponconnection.com