Auch das beliebte Edinburgh Film Fest fiel in diesem Jahr der Corona-Pandemie zum Opfer. Die Alternative: ein in jeder Hinsicht überschaubares Heimkino-Festival in Kooperation mit dem britischen Verleih Curzon.
Filmfestivals, wenn sie überhaupt stattfinden, haben es in diesem Jahr weiß Gott nicht leicht. Zum einen müssen angesichts der aktuellen Lage überall auf der Welt neue Wege gefunden werden, um die Filme an ihr Publikum zu bringen. Wo es geht, entscheidet man sich am ehesten für Hybrid-Modelle in einer Kombination aus Live- und digitalen Events. Doch vielerorts ist das aufgrund der nationalen Covid-Regelungen noch immer nicht möglich und so bleibt den Festivals nur das digitale Heim-Kino als Alternative. Dazu kommt das Problem, dass viele Filme, die noch vor der Corona-Krise fertig wurden, nicht zur Verfügung stehen, weil viele Studios und selbst die kleinen, unabhängigen Produktionsfirmen ihre Titel für eine Zeit „danach“ zurückhalten, was immer das im derzeitigen Klima bedeuten mag. Das Edinburgh International Film Festival (EIFF), bis dato das älteste ununterbrochen stattfindende Filmfestival der Welt, hat sich aus diesen Gründen heuer auf einen Kompromiss eingelassen, der so willkommen wie fragwürdig ist: In Zusammenarbeit mit den englischen Verleih Curzon wurden vom 24 Juni bis zum 5 Juli unter dem Titel „Ed Film Fest at Home“ auf der VOD-Plattform des Verleihs insgesamt zwölf Filme freigeschaltet, jeweils ein neuer Titel pro Tag, woraufhin die Filme anschließend für einen Zeitraum von 48 Stunden bis zu zwei Wochen zur Verfügung standen. Die Kosten pro Film beliefen sich auf knapp 10 Pfund, so viel, wie auch jede andere Neuveröffentlichung auf dem Curzon Home Cinema Portal kostet. Einen Festival-Pass, der es ermöglicht hätte, alle Filme im Programm zu einem ermäßigten Preis zu schauen, gab es leider nicht.
Bei allem Respekt vor der Entscheidung und dem Engagement, das EIFF nicht komplett unter den Tisch fallen zu lassen, stellt sich doch die Frage, was eine derartig enge Kollaboration zwischen Verleih und Festivalleitung für die zukünftigen Editionen des EIFF bedeutet. Ein Großteil der gezeigten Filme sind im Programm von Curzon Artificial Eye und wären höchstwahrscheinlich sowieso in diesem Sommer erschienen, im Kino zwar, aber ebenso parallel auf der hauseigenen VOD-Plattform, wie es Curzon es mit all seinen Neustarts seit einer Weile schon hält. Nun ist das grundsätzlich nicht verwerflich und auch bei anderen Filmen üblich, die auf dem einen oder anderen Festival ihre Premiere feiern. Dennoch scheint es, als hätte Curzon in dieser Allianz eindeutig den besseren Deal gemacht, indem der Verleih mit dem Festival-Label nicht nur extra Werbung für seine Filme, sondern zugleich auch für die eigene digitale Vertriebsform machen konnte. Was fehlte, war vor allem das, was das EIFF zu einem Highlight jedes britischen Kinosommers macht: das Flair, der Charme und die Atmosphäre, auf die sich die vielen Stammgäste bei diesem Publikumsfestival stets freuen, dazu jede Menge lokale und internationale Gäste, die gerne in die historische Hauptstadt von Schottland kommen, um ihre neuesten Projekte zu präsentieren und sich anschließend bei einem Bier in der Filmhouse Bar unters Volk zu mischen.
Davon abgesehen, konnte sich das äußerst schlanke Programm durchaus gegenüber aller Kritik und Melancholie behaupten. Neben der britischen Premiere von Ron Howards in Sundance uraufgeführtem Dokumentarfilm Rebuilding Paradise über die verheerenden Brände in Kalifornien vor zwei Jahren, war es vor allem schön, Little Girl von Sébastien Lifshitz wiederzusehen, der bereits auf der diesjährigen Berlinale das Publikum in seinen Bann zog. Auf einfühlsame Weise porträtiert der französische Regisseur darin ein siebenjähriges Transgender-Mädchen aus einer kleinen Stadt im Nordosten seines Heimatlandes, das darum kämpft, bei Gleichaltrigen und Lehrern Akzeptanz zu finden. Was den Film zu einem besonderen Stück Cinéma vérité macht, ist jedoch nicht allein der Quirligkeit und Ausstrahlung Sashas zu verdanken, sondern vielmehr dem Interesse von Lifshitz, über seine zweifelsohne einnehmende Hauptfigur hinaus auch die unermüdlichen Versuche der Eltern und Geschwister ins Bild zu rücken, die andauernde Diskriminierung zu bekämpfen. Vor allem Sashas Mutter äußert, ob allein vor der Kamera oder im Umgang mit den Behörden, immer wieder so treffende wie bestürzende Sätze, dass man ihr in dem Moment gerne den Rücken stärken würde, während Lifshitz stets dafür sorgt, seinen Film angenehm undidaktisch zu gestalten und obendrein mit einem Hauch von Poesie im Kameraauge sowie in der Musikgestaltung zu versehen.
Darüber hinaus, wenn auch auf gänzlich andere Weise, überzeugte vor allem das Folk-Horror-Historien-Melodrama Fanny Lye Deliver’d unter der Regie von Thomas Clay mit Maxine Peake, Charles Dance und Freddie Fox. Auch Clays Film ist alles andere als neu, sondern lief bereits im Oktober 2019 auf dem BFI London Film Festival. Überhaupt lässt sich unter den zwölf ausgewählten Filmen keine einzige Weltpremiere finden. Aber unter den gegebenen Umständen ist das im Grunde nicht nur verständlich, sondern vielleicht sogar wünschenswert, gibt es doch bereits genügend Filme, die bereits vor der Ankunft des Corona-Virus auf diversen Festivals liefen und denen bis heute trotzdem nicht die Aufmerksamkeit zu Teil wurde, die sie allemal verdienen.
Das von Alex Thomson inszenierte US-Comedy-Drama Saint Frances ist so ein Fall, ebenso wie Susanne Regina Meures Doku-Thriller Saudi Runaway und A White, White Day des Isländers Hlynur Palmason. Letzter erzählt in grandioser Bildlichkeit von dem Emotionsbeben, das der Verlust eines geliebten Menschen in einem Mann auslöst, der plötzlich nicht mehr weiß, ob seine Ehefrau, die er vor kurzem beerdigt hat, ihm über all die Jahre tatsächlich so treu war, wie er bis dahin immer glaubte. Palmason folgt seinem gebrochenen Witwer Ingimundur auf der Suche nach der Wahrheit, ohne ihn auch nur ein Wort zu viel sagen zu lassen, und entwirft dabei ein so gewaltiges Panoptikum aus Schmerz, Wut, Trauer, Gefahr und Ausweglosigkeit, dass man am Ende mit einem Ziehen in der Brust den Abspann von den Augen ablaufen lässt, bevor man sich wieder mit der Realität des eigenen Lebens auseinandersetzen kann.
Der schwächste Beitrag des EIFF bot schließlich die mitunter spannendsten Gäste, denn auch für virtuelle Masterclasses und Publikumsgespräche hatte man in dieser Heimversion des Festivals gesorgt. Die belgischen Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne stellten sich in diesem Rahmen zur Verfügung, ihren Cannes-Wettbewerbsbeitrag aus dem vergangenen Jahr ans Publikum zu bringen. Und auch wenn Young Ahmed trotz des Regiepreises, den der Film damals an der Croisette verliehen bekam, nur eine Fußnote im großen Werk der Autorenfilmer bleiben dürfte, zeigten sich die Beiden via Live-Schaltung aus der Heimat wie immer als äußerst redegewandte, unterhaltsame und sympathische Gesprächspartner, mit denen man im Anschluss noch liebend gerne auf ein Getränk in der Festivalbar gegangen wäre. Bleibt zu hoffen, dass es zukünftig noch viele Gelegenheiten dazu geben wird. Bis dahin müssen wir uns mit Heimkinofestivals wie dem „Ed Film Fest at Home“ weiter über die Trockenzeit retten.
