Wege des Lebens – The Roads Not Taken

Interview

Wege zum Erfolg

| Pamela Jahn |
Salma Hayek im Gespräch über Sally Potters neuen Film „The Roads Not Taken“, das Drehen mit Freunden, über Bauchentscheidungen und darüber, warum ein Ende auch immer ein Neuanfang ist.

Sie ist so bezaubernd entspannt, dass sie einen mit ihrer Gelassenheit sofort in den Bann zieht. Leger gekleidet und mit diesem unverwechselbar strahlenden Blick sitzt Salma Hayek da und reflektiert über Leben und Karriere, als sei alles ein einziger Spaziergang gewesen. Dabei hatte es die gebürtige Mexikanerin zunächst nicht leicht, als sie Anfang der neunziger Jahre nach Los Angeles ging, um dort als Schauspielerin ihr Glück zu versuchen. Doch als Robert Rodriguez eines Tages durch Zufall auf sie aufmerksam wurde, sollte sich alles ändern. Er engagierte Hayek für seinen Actionfilm Desperado, in dem sie an der Seite von Antonio Banderas spielte. 1996 arbeiteten der Regisseur und die Schauspielerin für From Dusk Till Dawn erneut zusammen, in dem sie als Vampirin auftrat und damit schließlich weltberühmt wurde. Aber auch ernste Rollen stehen ihr gut. Vor allem als Frida Kahlo spielte sie sich 2002 in die Herzen der Zuschauer und setzte der Künstlerin und Kämpferin ein bewegendes filmisches Denkmal, das die Schauspielerin neben Harvey Weinstein damals auch selbst mit produzierte. Fünfzehn Jahre später war Hayek eine der zahlreichen Frauen, die im Sexskandal um den Filmproduzenten aussagte. Jetzt spielt sie in Sally Potters Film The Roads Not Taken zwar nur eine bescheidene, aber für sie persönlich sehr wichtige Rolle. An der Seite von Javier Bardem, mit dem Hayek eine innige Freundschaft verbindet, verkörpert sie die Rolle einer Frau, die um ihren verunglückten Sohn trauert – allerdings nur in den verwaschenen Erinnerungen von Leo (Bardem), ihrem ehemaligen Geliebten, der schon eine Weile unter Hirnatrophie, einer Art von Demenz, im fortgeschrittenen Stadium leidet. Der Film, den Potter daraus formt, ist ein Fragment aus Bildern, Eindrücken, Visionen und dem, was sich im Leben nicht mehr ungeschehen machen lässt. Es ist ein in seiner abstrakten Form nur bedingt einfühlsamer Film, distanziert und sich permanent selbst verlierend – eben wie Leo selbst.

 

Mrs Hayek, Sie sind seit Jahren gut mit Javier Bardem befreundet, aber erst jetzt standen Sie beide zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera. Wie war das?
Salma Hayek:
Mir war zuerst ein bisschen unheimlich dabei. Die Geschichte, die der Film erzählt, ist sehr intensiv. Man muss dafür in ziemlich dunkle Ecken der eigenen Seele vordringen. Und wenn da das Verhältnis zu dem Schauspieler, mit dem man spielt, nicht stimmt, dann ist das ein Problem Aber Javier ist wie ein Schwager für mich. Ich hätte mir eigentlich keine Sorgen machen müssen.

Wie gehen Sie damit um, so tief in die Seele hinabzusteigen, als Schauspielerin und als Mensch?
Ich kann eine Rolle wie diese nur spielen, wenn ich vergesse, dass ich existiere, und mich lediglich auf die Erinnerungen der Frau stütze, die ich spiele. Angesichts des Konflikts, um den es hier geht, muss ich eine ganz neue Frau kreieren, mit einer eigenen Erinnerung, ihren eigenen Erfahrungen, die komplett getrennt ist von meiner eigenen. Und wenn man dabei jemanden an seiner Seite hat, der einen permanent an das eigene Leben, die eigene Familie erinnert, dann kann das eine große Hürde sein. Das hat zunächst auch Sally befürchtet, als sie uns am ersten Drehtag zusammen sah. Sie meinte: „Ach du lieber Himmel, die beiden sind wie eine Gang, das funktioniert niemals.“ Und dann passierte etwas ganz Wunderbares. Wir gingen beide zum Make-up-Trailer und, wahrscheinlich weil wir beide einfach so entspannt und vertraut miteinander sind, hat keiner von uns etwas gesagt. Es war, als würden dort zwei Schauspieler sitzen, die sich noch nie zuvor gesehen haben. Im Grunde hatten Javier und ich zwei neue Beziehungen miteinander, die zwischen Dolores und Leo sowie die zwischen zwei Arbeitskollegen, die einander fremd sind. Geplant hatten wir das nicht, es hat sich einfach so ergeben.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Zusammentreffen? Laut Javier Bardem war das auf einer Party in Cannes, bei der er Champagner aus Ihrem Schuh trank.
Nein, wir haben und schon vorher getroffen, in Madrid. Wann das genau war, ist schwer zu sagen. In unserem Alter verschwimmen die Dinge leicht. Aber es ist in jedem Fall schon länger her. Was er meint, ist, als wir beide gemeinsam in Cannes in der Jury waren.

Ja, das war 2005.
Nein, stimmt nicht. Zu dem Zeitpunkt haben wir uns längst alle gekannt. Aber die Erfahrung hat uns natürlich noch einmal ein Stück weiter zusammen geschweißt.

Es geht in Sally Potters Film um Dinge, die man nicht getan hat, und Richtungen, die man, aus welchem Grund auch immer, nicht eingeschlagen hat im Leben. Wie sieht es damit bei Ihnen aus?
Es gibt keinen Weg, den ich nicht eingeschlagen habe, und den im Nachhinein bereut hätte – mit der Ausnahme vielleicht, dass ich als Kind mehr Sport hätte machen sollen. Aber auch damit habe ich meinen Frieden geschlossen. Da gab es so einen Entscheidungsmoment, nachdem man mich auswählte, in Gymnastik für die Olympischen Spiele zu trainieren. Aber mein Vater war dagegen. Ich hätte ins Internat gemusst, mit neun in eine andere Stadt, wo wir jeweils sechs Stunden am Tag trainiert hätten und nebenbei dort zur Schule gegangen wären. Mein Vater meinte damals, ihm sei es wichtiger, dass ich eine normale Kindheit habe, und heute bin ich ihm dankbar dafür. Nur damals konnte ich das noch nicht verstehen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre? Aber ich liebe mein Leben, so wie es jetzt ist, und nur darauf kommt es schließlich an. Und es ist bei mir tatsächlich eher anders herum: Ich schaue auf das zurück, was ich nicht gemacht habe, und bin erleichtert. Ich bin in der Hinsicht ziemlich froh, einen gesunden Instinkt zu haben, der mich vor bestimmten Dingen bewahrt. Das für gibt es keine Formel, es ist einfach ein Bauchgefühl, dass mich lenkt und mich immer wieder erstaunt.

Haben Sie als Kind auch davon geträumt, Schauspielerin zu werden und zwar so erfolgreich, wie Sie es heute sind?
Wie mein Leben in der Hinsicht verlaufen ist, ist komplett unvorstellbar. Und noch nicht einmal in meinen kühnsten Träumen wäre ich auf die Idee gekommen, mir das vorzustellen. Vielleicht ist es so, dass man irgendwann an den Punkt kommt, an dem man einfach das Richtige tut, und die Dinge so gut macht, wie man eben kann, ohne daran zu denken, was man eigentlich will, oder was man nicht erreicht hat, oder wo andere Menschen in ihrem Leben stehen und man selbst nicht. Wenn man sich davon lösen kann, eröffnet sich einem die Möglichkeit, Wege zu gehen, die man sonst vielleicht nie eingeschlagen hätte, die man dann aber mit einer gewissen Abenteuerlust zu entdecken gewillt ist.

Das klingt, als seien Sie ein Mensch, der vor allem im Hier und Jetzt lebt.
Manchmal denke ich auch an die Vergangenheit zurück, aber im Großen und Ganzen haben Sie recht. Was mich, wenn ich zurückdenke, immer am meisten überrascht, ist, dass bestimmte Entscheidungen, die ich in meinem Leben traf, zu dem Zeitpunkt, an dem ich sie traf, überhaupt keinen Sinn machten. Ich habe oftmals sehr impulsiv gehandelt, und bin damit bisher fast immer gut gefahren. Am Anfang hat man immer das Gefühl, die falsche Entscheidung zu treffen. Aber im Nachhinein denkt man sich, wow, zum Glück habe ich das gemacht. So geht es mir auch mit diesem Film. Ich bin so froh, dass ich mich dafür entschieden habe.

Was war die impulsivste Entscheidung, die Sie jemals getroffen haben?
Nach Amerika zu gehen.

Das war nicht geplant?
Nein, und es machte nicht den geringsten Sinn. Es gab dort keine Arbeit für mich. Ich existierte dort nicht. Und die Leute haben mich ausgelacht. Ich habe als Statistin angefangen. Fünfzehn Jahre später sitze ich hier.

Wie war das damals, Mitte der Neunziger, als Robert Rodriguez Ihnen die Hauptrolle in „Desperado“ gab?
Ich habe so viele Erinnerungen an die Zeit. Aber was man auf keinen Fall vergessen darf, ist, dass auch seine Frau in dem Ganzen eine große Rolle gespielt hat. Er war der Regisseur, aber sie war die Produzentin, sie ermöglichte es ihm, diese Filme zu drehen. Sie hatte einen Job in der Universität. Und die beiden haben mich sozusagen in ihre Familie aufgenommen. Ich fühlte mich sicher bei ihnen. Und wir stehen uns bis heute sehr nah. Ich habe so viel von Robert gelernt. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht, auch im Schneideraum. Ich habe mich oft einfach dazu gesetzt und ihm über die Schulter geschaut.

Apropos impulsive Entscheidungen, Sie spielen demnächst in Ihrem ersten großen Superheldenfilm mit, „The Eternals“. Was hat Sie dazu verleitet?
Die Regisseurin, Chloé Zhao, ist der Wahnsinn. Haben Sie ihren Film The Rider gesehen? Der ist fantastisch. Aber es ist schon komisch, da lehnt man jahrelang alles ab, und auf einmal mit 53 steht man plötzlich da und führt gleich eine ganze Familie von Superhelden an. Und bis auf Richard Madden und Angelina Jolie, die quasi als Superheldin geboren wurde, sind wir anderen nur ein Haufen merkwürdiger Typen. Aber genau das hat mich auch an dem Projekt gereizt, die Regisseurin und die Tatsache, dass es nicht die üblichen Verdächtigen sind, die da als Superhelden zusammenkommen.

Zudem waren Sie in letzter Zeit in ein paar wunderbaren Independent-Filmen zu sehen, wie beispielsweise „Beatriz at Dinner“ oder „The Hummingbird Project“.
Und Bliss. Der kommt erst noch. Aber den sollten Sie unbedingt sehen.

Was hat Sie an diesen Filmen gereizt?
Das Schöne ist, dass ich diese Filme nicht gesucht habe, sondern sie mich gefunden haben. Ich wollte schon immer mehr in die Richtung gehen und jetzt im Alter kommt man plötzlich damit auf mich zu. Es ist schon seltsam. Aber vielleicht bin ich auch einfach ein bisschen merkwürdig, wer weiß.

Harvey Weinstein wurde unlängst für schuldig befunden. Haben Sie das Gefühl, jetzt mit der ganzen Sache abschließen zu können?
Ich persönlich habe längst damit abgeschlossen. Und ich denke, das Urteil bedeutet auch eher einen Neuanfang, als dass damit irgend etwas zu Ende geht. Damit eröffnet sich eine ganz neue Ära an Möglichkeiten, vor allem, wie wir über manche Dinge denken. Wir waren viel zu lange einem Konsens verfallen, nach dem bestimmte Umgangsformen, bestimmte Handlungen okay waren. Ich frage mich manchmal noch heute, ob Harvey bewusst ist, dass er etwas falsch gemacht hat. Die Hauptsache ist jedoch, dass eine ganze Reihe von jungen Frauen nun nicht mehr fürchten müssen, das Gleiche zu erleben, und dass ein derartiges Verhalten heute Konsequenzen nach sich zieht. Dass Männer auch in Machtpositionen nicht einfach tun und lassen können, was sie wollen, und dass wir Frauen eine Stimme haben, die Gewicht hat und gehört wird. Mit anderen Worten: Dass man uns mit Würde und Respekt behandelt.

Wie gehen Sie in Bezug auf Ihre eigene Tochter damit um? Hat Sie immer noch Ambitionen, es ebenfalls in Hollywood zu etwas zu bringen und es ihrer Mutter gleichzutun?
Ich weiß nicht. Sie hat so viele Talente. Sie zeichnet, sie will Filme drehen, schauspielen, und sie schreibt großartige Stücke. Vielleicht wird sie Regisseurin, Produzentin oder Anwältin. Ihr stehen alle Möglichkeiten offen. Sie schreibt beispielsweise so gut, dass ich manchmal geneigt bin, die Sachen produzieren zu wollen. Aber sie sagt dann immer, dass sie das später selbst macht. Außerdem ist sie sehr musikalisch. Sie hat sich innerhalb von ein paar Monaten selbst das Klavierspielen beigebracht. Jetzt spielt sie E-Gitarre und ein bisschen Trompete. Es ist komplett verrückt.

Wäre es Ihnen insgeheim lieber, Sie würde Anwältin werden, um Sie vor den Gefahren der Film- oder Musikindustrie zu schützen?
Nein. Denn ganz ehrlich, wie schützt man die Seele eines Menschen, der Anwalt wird. Meine Sorge ist vielmehr, dass jemand, der viele Talente hat, Gefahr läuft, keines davon wirklich auszuleben. Davor habe ich am meisten Angst. Aber ich muss aufpassen, dass ich nicht zu überfürsorglich werde, und ihr mehr Freiraum gebe. Den gleichen Freiraum, den ich mir selbst immer wünsche und den ich mir lange erkämpft habe.