Lili Hinstin © Sabine Cattaneo - Locarno Film Festival

Filmfestival | Interview

Filme von morgen

| Pamela Jahn |
Was kann, was muss ein großes internationales Filmfestival in Zeiten von Corona leisten? Die künstlerische Leiterin des Locarno Festivals, Lili Hinstin, im Gespräch über Herausforderungen, Überraschungen und Spannungsmomente des diesjährigen „For the Future of Films“-Jahrgangs.

Lili Hinstin übernahm im vergangenen Jahr die künstlerische Leitung des renommierten Schweizer Festivals. Nach einer erfolgreichen ersten Edition entschied sich die Festivalleitung im April dazu, die 73. Ausgabe des größten Publikumsevents in der Region aufgrund der aktuellen Situation abzusagen. Ein neues Festival musste her, das den Anforderungen und Herausforderungen der derzeitigen Lage gerecht werden würde. Man entschied sich letztendlich für eine Hybrid-Form aus Online- und Live-Screenings und Events mit beschränkten Zugangsmöglichkeiten, einen Wettbewerb mit Filmen, die noch in der Entstehung sind, und eine große Retrospektive, die auf die über siebzigjährige Geschichte des Festivals mit seiner berühmten Piazza Grande im Zentrum zurückschaut. Allein die Sektionen „Pardi di domani“, die RegisseurInnen vorbehalten ist, die noch keinen langen Film realisiert haben, und „Open Doors“ mit einem Schwerpunkt auf das Filmschaffen in Südostasien sind in der alten Form quasi unbeschwert vom Kino auf die Online-Plattform übertragen worden. Keine leichte Entscheidung, doch das Konzept scheint aufzugehen. Das limitierte Festivalprogramm, dass sich in diesem Jahr ganz den Filmschaffenden widmet und mit Solidarität und Unterstützung wirbt, wird von den Zuschauern zu Hause vor dem Computerbildschirm wie vor Ort in den drei aktiven Spielstätten dankbar angenommen. Die Kuratorin Hinstin, bisher Direktorin des internationalen Festivals Entrevues de Belfort, hat sich bereits vor Antritt ihres Postens in Locarno stets dafür ausgesprochen, in ihrem Werk Denksysteme anzustoßen, die sowohl gegen den Mainstream als auch gegen intellektuelle Eliten gerichtet sind. Es ginge vielmehr darum, den Austausch und die Kommunikation zu fördern und ins Zentrum zu rücken. Mit ihrer aktuellen Ausgabe hat sie in dieser Hinsicht zumindest eine ganze Reihe neuer Ideen und Perspektiven offenbart, die Hoffnung machen auf ein „Festival von morgen“, ob virtuell oder im Kinosaal – oder eben beides.

 

Frau Hinstin, als wir uns im vergangenen Jahr zum ersten Mal in Locarno trafen, war die Piazza Grande dicht gefüllt mit Zuschauern im Filmrausch. Wie fühlt sich das für Sie an, jetzt in Locarno zu sein, zwar mit einem Festival, aber ohne Menschenmassen, Outdoor-Leinwand und Festivalgäste?
Lili Hinstin:
Es ist schon sehr merkwürdig. Ich kenne Locarno zwar auch ohne Trubel, weil ich im Laufe des Jahres immer wieder hier bin, um die nächste Ausgabe des Festivals vorzubereiten. Das heißt, für mich war der Schock nicht ganz so groß. Aber ich habe Leute gesehen, die waren sichtlich erschüttert, als sie auf der menschenleeren Piazza standen. Trotzdem ist es ja nicht so, dass die ganze Stadt wie ausgestorben ist. Wir präsentieren in drei Spielstätten Vorstellungen, haben ein limitiertes Programm vor Ort und gehen unserer Hauptaufgabe nach, alte und neue Filme ans Publikum zu bringen.

Sie haben im April die Entscheidung getroffen, den 73. Jahrgang des Festivals auf Eis zu legen. Hatten Sie da bereits Filme für die einzelnen Programmsektionen ausgewählt, vor allem für den Wettbewerb?
Lili Hinstin: Teilweise ja. Es waren nicht viele, aber die, die wir hatten, haben wir kontaktiert und ihnen die freie Wahl gelassen, den Film entweder zurückzuziehen und auf einem anderen Festival zu präsentieren oder bis zum nächsten Jahr zu warten. Natürlich kann der potenzielle „Locarno“-Stempel von Vorteil sein, wenn man sich mit einem neuen Werk bei anderen Festivals bewirbt, aber es gab auch einige, die gesagt haben, sie warten lieber und zeigen ihren Film bei uns, wenn auch erst 2021. Wir wollten in der Hinsicht wirklich niemanden unter Druck setzen. Aber es war schön zu wissen, dass einige von den ausgewählten RegisseurInnen Locarno den anderen Festivals vorziehen.

Lange war ungewiss, ob Sie im Rahmen des diesjährigen Festivals auch physische Vorstellungen organisieren dürfen. Wie wählt man Filme aus, bei denen man von Vornherein weiß, dass sie wahrscheinlich nur online zu sehen seien werden?
Lili Hinstin: Eigentlich nicht viel anders als sonst auch. Wir haben 43 Arbeiten in der Sektion „Pardi di domani“. Für mich zeigt die Zahl, dass viele Filmschaffende unabhängig von der derzeitigen Situation der Meinung sind, dass es eine gute Sache ist, ihre Arbeiten in Locarno zu präsentieren. Und auch wenn sie tatsächlich „nur“ online gezeigt worden wären, hätte das ja trotzdem bedeutet, dass dieselbe Anzahl von Zuschauern den Film zu sehen bekommen hätten wie vor Ort, weil wir die virtuellen Screenings auf 1590 Zugänge beschränkt haben, was dem Durchschnitt der Sitzplätze entspricht, die wir in der Stadt zu Festivalzeiten zur Verfügung haben. Dazu kommen jetzt außerdem noch die Vorstellungen, die nun doch auch physisch stattfinden können, nachdem die Bestimmungen in der Schweiz gelockert wurden. Also im Grunde ist unsere Reichweite damit noch größer als ursprünglich gedacht, und darüber freuen sich natürlich nicht nur wir, sondern auch alle, die ihre Filme bei uns zeigen.

Würden Sie so weit gehen, zu sagen, dass sich das Online-Format für die Kurzfilmsektion vielleicht sogar eher anbietet als eine Kinovorstellung?
Lili Hinstin: Kelly Reichardt hat in Bezug darauf bei der Eröffnung etwas gesagt, dem ich zustimme, nämlich, dass das eigentliche Problem nicht die Größe der Projektionsfläche ist, sondern vielmehr unsere Konzentrationsspanne bzw. die permanente Ablenkung durch Emails, Textnachrichten, Soziale Medien, die uns davon abhält, uns für die Länge eines Spielfilms ausschließlich auf den Bildschirm zu konzentrieren. Im dunklen Kinosaal ist die Aufmerksamkeit des Publikums, zumindest im Idealfall, allein auf die Leinwand gerichtet. Dazu kommt die kollektive Erfahrung des Filmschauens. Aber bei einem Kurzfilm mit einer Länge von zehn, zwanzig oder dreißig Minuten müssen diese Voraussetzungen vielleicht nicht in der gleichen Weise gegeben sein. Da sind die Zuschauer mitunter auch gewillt, die Konzentration zu Hause auf dem Sofa für die Dauer des Films zu halten und sich darin zu vertiefen, ohne Ablenkung und alleine.

Der Fokus des Festivals gilt in diesem Jahr noch mehr als sonst den Filmschaffenden selbst. Die Spezialsektion „The Films After Tomorrow“ umfasst jeweils zehn internationale und zehn Schweizer Projekte, die sich derzeit in Entwicklung befinden. Wie sind Sie an die Herausforderung herangegangen, Filme zu präsentieren, die man dem Publikum noch nicht zeigen kann?
Lili Hinstin: Und ging es in erster Linie darum, Solidarität zu zeigen. Und zu zeigen, dass wir eine große Familie sind, die zusammenhält und miteinander durch dick und dünn geht. Immerhin befinden wir uns in der Schweiz, da lässt sich Unterstützung in materieller Form finden, und diesen Vorteil wollten wir nutzen, um den Kreativen zu helfen, die ihre Arbeit aufgrund der Pandemie stoppen mussten und deren Projekte dadurch eventuell finanziell gefährdet sind. Also haben wie diese ganze spezielle Sektion und einen neuen Preis geschaffen. Aber Sie haben natürlich recht. Sobald wir die Idee und das Geld hatten, haben wir uns gefragt, wie zum Teufel wir die Projekte der Jury und dem Publikum gegenüber am besten anschaulich machen können. Normalerweise ist es ja so, dass kein Regisseur etwas preisgeben will, bevor der Film nicht komplett fertig ist. Und das wollten wir respektieren. Also haben wir uns dazu entschlossen, die Filme nur auf unserer Webseite vorzustellen, mit so wenig Exposition wie möglich und so viel Information wie nötig. Zusätzlich zu einer knappen Synopsis haben wir die Filmschaffenden darum gebeten, ein kurzes Video zu produzieren, in dem sie über ihre Arbeit vorstellen. Wir haben keine Vorgaben gemacht, haben den Künstlern absolut freien Spielraum gegeben, und das Ergebnis war faszinierend. Etwa zu sehen, aus welcher Perspektive Miguel Gomes die Welt betrachtet, wie er über bestimmte Themen denkt, in Bezug auf das Kino im Allgemeinen oder Mise-en-scène im Speziellen. Oder wie Lucrecia Martel die politische Dimension ihrer Arbeit versteht. Wir sind unheimlich dankbar über die Offenheit, mit der die Kreativen an die Sache herangegangen sind. Aber weil zunächst nicht wissen konnten, dass das letztlich so gut funktionieren würde, haben wir sie zusätzlich darum gegeben, uns aus der langen Liste von Filmen, die im Laufe der letzten siebzig Jahre in Locarno liefen, ihre drei Favoriten zu nennen, um daraus eine ganz spezielle Rückschau auf die Geschichte des Festivals zusammenzustellen, die ebenfalls aus der Perspektive der Filmschaffenden auf Locarno schaut.

Waren Sie überrascht über die Auswahl?
Lili Hinstin: Sehr sogar. Was mich am meisten überrascht hat, war die Tatsache, dass aus einer Liste von über 1400 Titeln, manche Filme zwei-, drei- oder sogar viermal genannt wurden.

Welche Titel waren das?
Lili Hinstin: Terra en Transe von Glauber Rocher. Viermal. Oder Der siebente Kontinent von Michael Haneke. Auch viermal. Dass zum Bespiel Lav Diaz Haneke gewählt hat, fand ich super spannend.

Eine andere spezielle Programmsektion, die Sie nur vor Ort zeigen, ist eine Carte-Blanche-Auswahl an Filmen, die Sie persönlich für dieses Hybrid-Festival zusammengestellt haben. Die Filme selbst werden bis zum Moment der Vorführung geheim halten. Was steckt hinter der Idee zu dieser Reihe?
Lili Hinstin: Ich hatte einfach Lust, Filme zu zeigen, die mich aus dem einen oder anderen Grund beeindruckten und die ich mit dem Publikum teilen wollte, die wir aber auf normalem Weg nicht hätten präsentieren können. Ein Film namens Walden zum Beispiel, von Bojena Horackova, der von Cannes für die ACID-Sektion 2020 ausgewählt wurde. Es ist ein großartiger Film. Aber es sind auch ältere Werke dabei, wie In nome del popolo italiano von Dino Risi aus dem Jahre 1971. Ich finde es wunderbar, dass das Publikum erst erfährt, welcher Film gezeigt wird, wenn es dunkel wird und der Titel auf der Leinwand erscheint. Dieses Spannungsmoment liebe ich sehr.

Was halten Sie davon, dass Venedig trotz der weiterhin bestehenden Corona-Gefahr ausschließlich als physisches Festival stattfindet?
Lili Hinstin: Jedes Festival versucht, das Beste aus der Situation zu machen und muss die Risiken selbst abwägen. Venedig kann nicht in der Form virtuell stattfinden wie wir, ganz einfach aufgrund der Filme, die sie zeigen, mit oder ohne amerikanische Produktionen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Online-Programm hätte aussehen sollen. Und wenn sie offiziell die Erlaubnis haben, ein physisches Event dieser Größenordnung zu veranstalten, dann ist das gut für das Festival und die Filme, die es ins Programm geschafft haben.

Werden Sie hinfahren?
Lili Hinstin: Das weiß ich noch nicht – mal sehen.