Fabelhafte Comic-Verfilmung mit der komplexesten Marvel Superheldenfigur
Sein Geburtsmonat im Marvel-Comic-Universum war der Juli 1963, und da er zuerst im Heft 110 der „Strange Tales“ erschien, taufte man ihn auf den Namen Stephen Vincent Strange. Der gleichermaßen geniale und egozentrische Gehirnchirurg wurde nach einer spirituellen Initiation und praktischen Ausbildung an einem geheimen Ort im Himalaja der mächtigste Magier aller Zeiten. Ein Superheld, der besonders bei Comic-Fans an US-Hochschulen gut ankam. Die vom Zeichner Steve Ditko und Texter Stan Lee kreierten „Doctor Strange“-Stories verbanden fernöstliche Mystik, Okkultismus und ontologisch-kosmische Fantasievorstellungen mit surrealistischen Szenerien und grafischen Phantasmagorien. Das traf in den Sixties den Geschmack rebellischer junger Leute auf der Suche nach Spiritualität, die mit hinduistischem Gedankengut kokettierten und psychotrope Drogen konsumierten. Manche Illustrationen in den Comics erinnern an Halluzinationen im Rauschzustand und lagen im Trend der Psychedelic Art, zu der Pink Floyd den passenden Soundtrack lieferten.
Nach verschiedenen Zeichentrick-Adaptionen fürs Fernsehen und dem TV-Film Dr. Strange (1978) kann man nun eine kongeniale Leinwandadaption bewundern, mit phantastischen, streckenweise schwindelerregenden psychedelischen Visionen. Ein Bilderrausch auf dem derzeit höchsten Stand der CGI-Technik, The Matrix wirkt da vergleichsweise vorsintflutlich. Visuell überwältigende Höhepunkte sind apokalyptische Architekturtransformationen, wenn sich das Stadtbild von London verdreht, verzerrt, spaltet, wenn Straßenzüge umkippen und Häuserfronten auseinanderbrechen. Für Verblüffung sorgen transzendentale Szenen, wenn Astralleiber die Körper Sterbender verlassen, um buchstäblich auf Leben und Tod zu kämpfen.
Anders als in der Comicvorlage tritt der Martial-Arts-Zauberlehrer, der Doktor Stephen Strange (Benedict Cumberbatch) vom arroganten, dünkelhaften Egomanen zum Weltenretter erzieht, hier in Gestalt einer Frau auf, faszinierend verkörpert von Tilda Swinton im Hare-Krishna.Look. Doc Strange und sie repräsentieren unterschiedliche Weltanschauungen: Wissenschaftsglaube contra Metaphysik. Des Weiteren geht es um ewiges Leben, das Wesen der Seele, des Weltalls und der Zeit. Schwerer Stoff, doch trockener Dialogwitz oder die zum Schreien komische Szene mit einem eigensinnigen Cape, das einen Bösewicht umwickelt und als Teppichklopfer benutzt, sorgen dafür, dass der Humor nicht zu kurz kommt.
