Ein Western aus der wirtschaftspolitischen Gegenwart – gewagte Kombination, gelungen.
Früher waren sie Cowboys, trieben das Vieh über die Prärie und atmeten Freiheit. Und jetzt? Steppenbrände, ein paar wenige Rinder, Plackerei ohne Aussicht auf angemessenen Lohn, Traditionen im Niedergang, eine Lebensweise unterwegs ins Obsolete. Denn die Banken haben Texas im Griff. Nach dem Platzen der Immobilienblase werden Kredite fällig gestellt, Besitz wird gepfändet, Menschen verlieren ihre Heimat; die gewinnorientierte Kapitalismus-Umwälzpumpe fräst sich durch die Gesellschaftsstruktur eines Landstrichs. Beschäftigungslose Texaner mit riesigen Stetsons auf den Köpfen sitzen in einem Kaff im Nirgendwo in einem Diner und warten darauf, dass die schräg gegenüberliegende Filiale der Texas Midlands Bank überfallen wird. Und eines Tages wird sie das auch.
Denn die Howard-Brüder wollen ihre kümmerliche Farm nicht hergeben, die inzwischen fast schon der Bank gehört. Wenige Tage noch, bis ein Kredit bedient werden muss. „Come Hell or High Water“, auf Biegen und Brechen also, muss der ausstehende Betrag am Stichtag in der Bank eintreffen. Da kann man dann schon einmal auf verwegene Ideen verfallen; wie zum Beispiel die, die Filialen eben jener Bank in den Kaffs im Nirgendwo zu überfallen – um die Schulden mit dem Geld des Gläubigers zu begleichen. Genialer Einfall, zudem nicht unschlau ins Werk gesetzt; doch dann funkt brüderlicher Übermut dazwischen, sowie ein Texas Ranger, der sich am Vorabend seiner Pensionierung an die Fersen der Howards heftet, routiniert und instinktsicher. Und was so ironisch-lakonisch beginnt, wendet sich ins Dramatisch-Tragödische.
Gekonnt arbeitet das Drehbuch den jeweiligen Stärken der Schauspieler in die Hände, während es zugleich mühelos bewährte Motive klassischer Western in eine Geschichte aus der wirtschaftspolitischen Gegenwart einschleust und damit einmal mehr die beeindruckende Anpassungsfähigkeit dieses ur-amerikanischen Genres beweist. Zudem steht Hell or High Water mit dem Coen’schen No Country for Old Men in einer Art von Dialog: Hier wie dort verfolgt ein müder, alter Gesetzeshüter notgedrungen gesetzlos Gewordene, die doch nur um eine bessere Zukunft kämpfen. Hier wie dort entsteht im Zuge dessen ein skurril-realistisches Porträt von Land und Leuten. Hier wie dort wird schließlich ein hoher Preis fällig, der sich nicht zuletzt moralisch bemisst. Am Ende steht die Erkenntnis, dass der Südwesten der USA auch für die Jungen kein Land mehr ist.
