Die 77. Filmfestspiele in Venedig werden trotz allem eröffnet, mit acht Filmen von Frauen im Wettbewerb und Cate Blanchett als Jury-Vorsitzender.
Mutig oder unvernünftig? Das ist die Frage, die wahrscheinlich fast alle anwesenden Ehrengäste auf dem Lido beschäftigen wird. Denn morgen Abend werden dort die 77. Filmfestspiele eröffnet, aber ganz entspannt freuen und zurücklehnen kann man sich darüber in diesem Jahr nicht. So großartig und staunenswert es ist, dass das Festival trotz Covid-Regelungen und erneut steigender Infektionszahlen in Europa genehmigt wurde, so ungewiss ist, wie sich die nächsten zehn Tage auf dem Lido gestalten werden. Viele der Filmschaffenden, die normalerweise ihre neuesten Arbeiten auf dem Festival präsentiert hätten, können heuer angesichts der geltenden Reisebeschränkungen nicht teilnehmen oder wollen das gar nicht. Sie warten lieber ab, bis sich die Lage um die Pandemie beruhigt und ihre Filme nicht nur auf Festivals gezeigt werden können, sondern auch die internationalen Box-Office-Zahlen sich wieder erholt haben, um einen anschließenden erfolgreichen Kinostart zu garantieren.
Das trifft vor allem für die Hollywood-Produktionen zu, von denen Venedig stets profitierte. Wie von den dazugehörigen Stars, die durch ihre Präsenz auf dem Roten Teppich und damit in den Medien die Relevanz der Veranstaltung verkörpern und mitbestimmen. Auf beides muss Festivalchef Alberto Barbera diesmal verzichten und hat es dennoch geschafft, ein Programm zusammenzustellen, dass neben allen Bedenken auch Lust macht aufs Schauen und Entdecken.
Eröffnet wird die 77. Ausgabe der Mostra heuer mit dem italienischen Ehedrama Lacci von Daniele Luchetti. Das klingt zunächst einmal weniger spannend, wenn man weiß, dass hier in den vergangenen Jahren mit dem 3D-Raumfahrt-Epos Gravity oder Alejandro González Iñárritus Birdman häufig die späteren Oscar-Preisträger gezeigt wurden, lange bevor sie in den Vereinigten Staaten zu sehen waren. Aber auch als sich 2019 mit Kore-eda Hirokazus The Truth zum ersten Mal der Vorhang des Palazzo del Cinema öffnete, war man zunächst etwas überrascht und am Ende doch angenehm angetan von der Wahl. Schließlich muss ein Film nicht immer einschlagen wie eine Bombe, solange er gut ist, und vielleicht gibt diese Poleposition Alba Rohrwacher, die in Luchettis Film die Hauptrolle spielt, endlich die Möglichkeit, auch international zu dem großen Leinwandstar zu werden, der sie in Italien schon lange ist.
Insgesamt konkurrieren 18 Filme um den Goldenen Löwen, darunter auch das Berliner Polit-Drama Und morgen die ganze Welt von Julia von Heinz. In dem deutsch-französischen Drama, für das die Regisseurin gemeinsam mit John Quester das Drehbuch geschrieben hat, kämpft eine Zwanzigjährige für ihre Ideale. Sie ist alarmiert vom Rechtsruck in ihrem Land und schließt sich zwei Freunden an, die Gewalt als legitimes Mittel betrachten, um Widerstand zu leisten. Hierzulande bekommt man den Film voraussichtlich Ende Oktober zu sehen, nachdem er zuvor die Hofer Filmtage eröffnet hat.
Eine gute Nachricht, die Barbera verkündete, als er offiziell das Line-Up bekanntgab, ist, dass in diesem Jahr gleich acht Filme im Wettbewerb laufen, die von Frauen gedreht wurden, darunter das Drama Never Gonna Snow Again der Polin Małgorzata Szumowska, Lovers, ein Thriller der Französin Nicole Garcia, der Historienfilm The World To Come der norwegischen Schauspielerin und Regisseurin Mona Fastvold mit Katherine Waterston und Casey Affleck sowie Nomadland von der Chinesin Chloé Zhao. Vor allem letzterer wird am Lido mit größter Spannung erwartet, nicht nur, weil er Frances McDormand in ihrer ersten Kinorolle seit dem Oscar-Gewinn 2018 zeigt, sondern auch, weil Zhao mit ihrem zweiten Spielfilm The Rider, der 2017 in Cannes lief, mehr als eindeutig bewies, dass sie den Blick und das Feingefühl einer großen Auteurin besitzt und dem nordamerikanischen Westen mehr abzugewinnen versteht als so mancher heimische Regisseur.
Unter den Herren, die in diesem Jahr vertreten sind, befinden sich neben Veteranen wie Amos Gitai (Laila In Haifa), Andrei Konchalovsky (Dear Comrades) und Gianfranco Rosi (Notturno) auch einige neue Talente wie etwa der aserbaidschanische Regisseur Hilal Baydarov (In Between Dying) und der Italiener Claudio Noce (Padrenostro), sowie erfrischend viele spannende Namen, allen voran Kornél Mundruczó, dessen Beitrag Pieces of a Woman von Martin Scorsese mitproduziert wurde, der Mexikaner Michel Franco (New Order) und der iranische Regisseurveteran Majid Majidi, der in diesem Jahr mit seinem Film Sun Children seinen Einstand am Lido gibt. Kurzum: Es soll auch in Zeiten von Corona am Lido nicht an Filmkunst mangeln, und vielleicht gibt der sichtlich geringere Anteil von US-Produktionen dem Kino aus aller Welt heuer zurecht eine größere Plattform und damit die Chance, sich einmal mehr ins Rampenlicht zu stellen.
Die australische Schauspielerin Cate Blanchett leitet dieses Jahr die internationale Wettbewerbsjury, der unter anderem auch die österreichische Regisseurin Veronika Franz, ihre britische Kollegin Joanna Hogg, der deutsche Autorenfilmer Christian Petzold und Matt Dillon angehören, nachdem der US-Schausspieler kurzfristig den rumänischen Regisseur Cristi Puiu ersetzte. Zudem werden die chinesische Filmemacherin Ann Hui sowie die schottische Schauspielerin Tilda Swinton bei der diesjährigen Mostra jeweils für ihr Lebenswerk mit den Goldenen Löwen geehrt, so dass insgesamt auch ein paar schillernde Persönlichkeiten auf dem Roten Teppich zu sehen sein werden.
Außer Konkurrenz laufen zudem weitere acht Filme im Wettbewerb, unter anderem der Gangsterthriller Night in Paradise von Park Soon-Jung aus Südkorea, The Duke, eine Krimikomödie von Notting Hill-Regisseur Roger Mitchell mit Jim Broadbent und Helen Mirren sowie City Hall, die jüngste Mammut-Doku des Veteranen Frederick Wiseman, die dem geneigten Publikum mit 272 Minuten Laufzeit einiges an Durchhaltevermögen abverlangt.
Im Großen und Ganzen scheint das also keine schlechte Ausgangsposition für diese 77. Ausgabe des ältesten der großen Filmfestivals zu sein, dem ersten real stattfinden Festival inmitten der andauernden Corona-Krise. Man kann Festivalchef Barbera und seinem Team nur alles Gute wünschen. Denn egal, wie sehr die Filme am Ende gefallen oder nicht, wichtig ist, dass es wieder aufwärts geht im internationalen Festivalbetrieb und Filme gezeigt und gesehen werden, auf der Leinwand, im Kino und mit einem großen Publikum.
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