Das in diesem Jahr weniger amerikanisch ausgerichtete Filmprogramm in Venedig bietet den kleinen, aber äußerst feinen Beiträgen aus den Nebenreihen die einmalige Chance, auch international auf größere Beachtung zu stoßen.
Eine Idee, die die meisten anderen Filmfestivals in diesem Jahr aus der Not heraus geboren haben, nämlich die Filme über eine Online-Plattform zu streamen und damit ans Publikum zu bringen, ist in Venedig bereits seit 2012 ein fester Bestandteil des Programms. Das virtuelle „Venice Sala Web“ wird sogar über mehrere Wege angeboten: Innerhalb Italiens kann man die Filme zeitgleich zu ihrem Lido-Premierentermin über die Webseite des Festivals abrufen, während internationale Zuschauer die VoD-Plattform Festivalscope nutzen können, um auch aus der Ferne aktiv am Programm der Filmfestspiele in Venedig teilnehmen zu können. Gezeigt werden in diesem Jahr insgesamt fünfzehn Beiträge aus der Sektion Orizzonti und dem Biennale College Cinema sowie einige Titel, die „außer Konkurrenz“ laufen.
Ein besonderes Highlight des online zur Verfügung gestellten Filmangebots ist Apples, das Spielfilmdebüt des Griechen Christos Nikou, mit dem die Sektion Orizzonti eröffnet wurde. Der 1984 geborene Regisseur hat sein Handwerk ganz offensichtlich von seinem Landsmann Yorgos Lanthimos gelernt, dem er 2009 beim Dreh seines ebenso schrägen wie verstörenden Familiendramas Dogtooth assistierte. Aber auch von Richard Linklater, mit dem er in der Vergangenheit ebenfalls kollaborierte, hat Nikou sich einiges abgeschaut, um jetzt mit einem Erstling aufzuwarten, der auch ohne diese Bezüge ganz gut allein zurechtkommt. Anders als Aris (Aris Servetalis), der Protagonist in diesem Film, der im Zuge einer weltweiten Pandemie plötzlich an Gedächtnisschwund leidet. Als ihm im Krankenhaus die Diagnose gestellt wird, weiß er buchstäblich nicht, wohin mit sich und der Welt. Zudem scheint ihn niemand zu vermissen, was den einzelgängerischen Mittdreißiger dazu verleitet, sich einem Resozialisierungsprogramm anzuschließen, das ihm helfen soll, neue Erinnerungen zu kreieren, um damit eine Identität aufzubauen. Über ein Tonband wird er dazu aufgefordert, bestimmten Aktivitäten nachzugehen, die er mit einer Polaroid-Kamera dokumentieren soll. Beim Verrichten dieser vermeintlich alltäglichen Dinge wie Fahrrad fahren und Ins-Kino-gehen trifft er schließlich auf Anna (Sofia Georgovasili), die ebenfalls dabei ist, sich ein neues Ich zu erschaffen. Was Apples in seinem Kern vermittelt, ist ein nicht selten mulmiges Gefühl darüber, wie Erinnerungen unsere Persönlichkeit beeinflussen und umgekehrt. Die Versuchsanordnung, die Nikou ein gewohnt griechisch-skurriler Manier durchspielt, ist nicht nur trostlos und liebevoll zugleich, sondern emotional einnehmend. So gelingt dem Film im letzten Akt sogar die schwierige Wendung weg von der surrealen, bisweilen lakonischen schwarzen Komödie und hin zu einem feinfühligen Drama, dass man selbst in der hektischen, mit diversen Filmen, Wahrnehmungen und Eindrücken überhäuften Festivalzeit so schnell nicht vergisst.
Ein anderer Beitrag aus der Orizzonti-Sektion, der ebenfalls einen starken Eindruck hinterlässt, ist The Wasteland von Ahmad Bahrami. In seinem zweiten Spielfilm beschreibt der iranische Regisseur in gestochenem Schwarzweiß und elliptischen Handlungsschleifen von den Menschen in einer verlassenen Dorfgemeinde im iranischen Hinterland, deren Alltag sich allein um die kleine Backsteinfabrik dreht, die sie ernährt und am Leben erhält. Doch das Geschäft läuft schlecht, und so bereiten sich die Arbeiter nach einer erschütternden Ansprache des Fabrikbesitzers langsam auf ihre Abreise vor. Keiner weiß so recht, was jetzt aus ihnen werden soll, doch am Schlimmsten trifft es den Aufseher Lotfollah, der vor vierzig Jahren sozusagen in die Fabrik hineingeboren wurde und sich ein Dasein außerhalb nicht vorstellen kann. Dazu kommt, dass er sein Herz an Savar verloren hat, und alles versucht, sie vor jeglichem Übel, dass ihr widerfahren könnte, zu schützen. Doch auch dafür scheint es längst zu spät. Bahrami arbeitet in seinem klug arrangierten Drama mit Wiederholungen und Ellipsen, die es ihm ermöglichen, elegant die Perspektive zu wechseln und seine verschiedenen Protagonisten in nahtlos ineinandergreifenden Episoden einzeln in den Vordergrund zu stellen. Seine Kamera ist dabei stets bewusst immer ein bisschen zu langsam, tappt im Dunkeln oder verharrt gänzlich auf der Stelle, so dass ein Teil des Geschehens außerhalb des Blickwinkels geschieht. Aber es ist genau jene Unsichtbarkeit und geübte Distanz, in der die enorme Kraft dieses bescheidenen filmischen Kunstwerks liegt.
Außerhalb des „Sala Web“ Angebots, zu dem unter anderem auch das neueste Werk von Lav Diaz, Uberto Pasolinis Nowhere Special mit James Norton sowie eine Dokumentation über die abenteuerliche Entstehungsgeschichte von Fellinis La Dolce Vita gehören, sei zudem noch auf einen Film aus der Reihe Giornate degli Autori, den Venice Days, hingewiesen. Oasis, ein spärlich ausstaffiertes, dafür umso einfühlsamer gespieltes Drama des serbischen Regisseurs Ivan Ikić, erzählt von drei Jugendlichen in einer geschlossenen pädagogischen Einrichtung und sprüht geradezu vor Authentizität – was in diesem Fall als großes Kompliment gemeint ist. Bereits sein Spielfilmdebüt Barbarians (2014), in dem Ikić ein düsteres Bild für die Zukunft der serbischen Jugend insgesamt entwarf, zeugte von einem beachtlichen Gespür des heute 38-jährigen Filmemachers für die aufgewühlten Emotionen sowie die Unkontrollierbarkeit und Unberechenbarkeit der jungen Generation. In Oasis konzentriert sich dieses Feingefühl auf eine Weise, die es den Zuschauern erlaubt, einen tiefen Einblick ins Innere der drei ProtagonistInnen zu gewinnen, verkörpert von zwei Mädchen und einem Jungen aus besagtem Heim, die hier in einer fragilen Dreiecksgeschichte fiktionale Versionen ihrer selbst spielen.
Vielleicht bedeutet die verhältnismäßig spärliche Anzahl amerikanischer und überhaupt englischsprachiger Produktionen beim diesjährigen Festival eine echte Chance für Filme wie die von Ikić, Nikou und Barhami, einen längeren Schatten auf dem Lido zu werfen, als es ihnen unter „normalen“ Voraussetzungen möglich gewesen wäre. Und unter Umständen könnte das auch heißen, dass sie anschließend eventuell nicht nur die üblichen Festivalrunden drehen, sondern auch im internationalen Filmverleihbetrieb auf größere Resonanz stoßen. Auszuschließen ist es nicht, und zu wünschen ist es ihnen allemal.
Die Filme des Sala Web Theatre sind bis 12. September über Festivalscope abrufbar. Man beachte jedoch die begrenzte Zugangsdauer der Filme je nach Premierendatum. Weitere Informationen: www.festivalscope.com/page/venice-sala-web/
