Auch Meisterregisseure wie die Brüder Dardenne sind nicht jedem Thema gewachsen.
Jean-Pierre und Luc Dardenne gehören zu den wenigen internationalen Autorenfilmern, die in Cannes über die Jahrzehnte schon alles mehrfach gewonnen haben, was es zu gewinnen gibt, darunter zweimal die Goldene Palme: 1999 für Rosetta und 2005 für L’Enfant. Im vergangenen Jahr erhielten sie darüber hinaus den Preis für die beste Regieleistung für ihr Coming-of-Age-Drama Le jeune Ahmed, in dem sich ein arabischer Jugendlicher vom Imam seiner Moschee radikalisieren lässt. Das Thema ist nach wie vor hochaktuell, auch wenn es den beiden Spezialisten für das Soziale und das Humane erwartungsgemäß eher um die innere gebrochene Seele ihres Teenager-Protagonisten geht als um das Wesen des radikalen Islam.
Ahmed, der 13-jährige Sohn einer alleinerziehenden Mutter, fühlt sich sichtlich unwohl in seiner Haut und, so scheint es, auch in seinem Kopf. Da kommt ihm die Religion als Regelwerk gerade recht, um seinem ungeformten Ich eine Richtung und einen Sinn zu geben. Tägliche Gebetsroutine und rituelles Händewaschen sind das eine, die Anweisungen seines Mentors erledigen den Rest. Sie stärken den Jungen in seiner Unsicherheit und Unbedarftheit, so sehr sogar, dass er sich zunehmend gegen seine Umwelt aufzulehnen vermag. Erst macht er gegenüber seiner Familie dicht, wirft seiner Mutter das Trinken vor und will seiner älteren Schwester das Röcketragen verbieten. Doch bald schon konzentriert sich seine eingetrichterte Feindseligkeit immer stärker auf seine Arabischlehrerin, bis es zum Äußersten kommt und er sie mit einem Messer attackiert. Daraufhin landet Ahmed zunächst im Jugendstrafvollzug und soll schließlich auf einen Bauernhof resozialisiert werden.
Wie so oft bei dem belgischen Regisseur-Duo steht ein moralisches Problem im Zentrum des Geschehens. Ein Fehler, eine Schuld, die es im Laufe der Handlung zu examinieren gilt. Darin sind die Brüder erprobt, ja sogar meisterlich geübt. Und doch geht das Prinzip in diesem Fall nicht auf. Die atemlose Handkamera, eine auf ihre Grundelemente reduzierte Figurenzeichnung, der sozialrealistische Stil, all das will in Le jeune Ahmed nicht richtig greifen. Zu steif kommen viele der Dialoge her, zu unscharf lassen sich nicht nur Motive und Hintergründe erkennen, sondern, und darin liegt das eigentliche Problem, auch der junge Ahmed selbst. Da kann selbst Idir Ben Addi in all seiner emotionalen Engagiertheit als verwirrter Teenager nichts verrichten. Der Film ist in seiner Gesamtheit, bei aller guten Absicht und Wut im Bauch, ein allzu fahriges Konstrukt, so dass man sich am Ende über die Entscheidung der Wettbewerbsjury in Cannes nur wundern kann. Zwar verstehen es die Dardenne-Brüder zweifellos, aus jeder noch so schmalen Prämisse ein annehmbares Drama zu schustern. Und auch Le jeune Ahmed hat durchaus ein paar gelungene Momente vorzuweisen, die das Werk vor einem völligen Absturz bewahren. Trotzdem bleibt der Film im Vergleich zu ihren früheren Meisterstücken letztlich lediglich als ein flüchtiges Nebenwerk im Gesamtschaffen in Erinnerung.
