Kino in Wien | Sommerkinos

Unter dem Stadthimmel

| Günter Pscheider |
Alljährlich im Sommer verführen zahlreiche Veranstaltungen die Wiener Bevölkerung zum Open-Air-Filmgenuss. Die Szene boomt.

Viele Kinofans warten jedes Jahr auf die Zeit, in der man wieder unter dem Sternenhimmel Filme schauen kann, die man im vorigen Jahr verpasst hat oder einfach wieder einmal auf einer großen Leinwand sehen will. Bis vor zehn Jahren hatte man hierzulande – mit wenigen Ausnahmen – kaum Möglichkeit dazu, doch mittlerweile gibt es in Wien ein breites Angebot, in dem eine Kombination aus gehobenem Mainstream- und publikumsträchtigem Arthouse-Kino das Programm dominiert. Dieses spezielle Open-Air-Kinofeeling ist aus dem sommerlichen Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Die meisten Sommerkino-Initiativen sind nicht kommerziell orientiert; schon deshalb wäre für die Betreiber ein Überleben ohne den Hauptfördergeber, die Stadt Wien, gar nicht möglich.

Auch im Open-Air-Bereich gibt es einige etablierte Institutionen wie die Filmarchiv-Viennale-Kooperation „Kino wie noch nie“ oder die Wanderkino-Pioniere vom VolxKino. Schon seit Jahren beweisen diese Veranstalter, dass sie das erforderliche programmatische und organisatorische Know-How mitbringen, um den immer zahlreicher werdenden Besucherinnen und Besuchern ein optimales Event-Package inklusive Gastronomie und/oder Live-Musik bieten zu können. Jüngst sind aber auch einige neue kleinere Initiativen wie Kaleidoskop, dotdotdot oder frame[o]ut entstanden, die innerhalb kürzester Zeit mit Hilfe guter Konzepte und toller Locations reüssieren konnten.

Die Programmvielfalt entspricht dem Anspruch einer internationalen Kulturstadt. Beinahe jeden Tag – ab etwa Mitte Juni bis Mitte September – kann man aus dem überreichen, oft unentgeltlichen Angebot nach Lust und Laune auswählen: Vom Kurzfilmabend bis zum raren Science-Fiction-Klassiker, vom live vertonten Stummfilm bis zum Arthouse-Renner, von der Vorpremiere bis zum Blockbuster, vom österreichischen Hit bis zum selten gezeigten lateinamerikanischen Road Movie ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Weil gerade das Open-Air-Sommerkino mit all seinen Zusatzangeboten wie Diskussionen, Gesprächen mit Filmschaffenden, aber auch den kulinarischen Genüssen, das Kino als sozialen Ort feiert, wird dieser Boom wohl auch weiterhin anhalten. Durch die qualitativ hochwertige Programmierung kommen gerade bei niederschwelligen Gratisveranstaltungen immer wieder Leute auf den Geschmack, sich zumindest einmal mit Filmen abseits des Blockbuster-Universums auseinanderzusetzen. Und auch wenn man den Bildungsauftrag außer Acht lässt, funktionieren die Wiener Open-Air-Kinos als Orte der Begegnung und des Austauschs.

Die Auswahl an Open-Air-Sommerkinos in Wien ist enorm. Diese Vielfalt ist zweifelsohne ein Gütezeichen für die Veranstalter, die sehr viel Herzblut und Engagement in ihre oft nicht kommerziell orientierten Projekte stecken, aber auch für die Kulturpolitik der Stadt, die eine derartige Bandbreite erst ermöglicht.

 


 

Kino wie noch nie

Augartenspitz, 1020 Wien

2018 feierte das von Filmarchiv Austria und Viennale veranstaltete Open-Air-Festival „Kino wie noch nie“ ein doppeltes Jubiläum. Es fand zum zehnten Mal statt, zugleich war es 20 Jahre her, seit im wunderschönen, von uralten Bäumen umsäumten Ambiente am Augartenspitz das allererste Filmarchiv-Sommerkino mit Laurel-und-Hardy-Filmen stattfand. Hier dürfen sich Filminteressierte auf ein perfektes Gesamtpaket freuen. Das beginnt bei der großartigen Location, setzt sich fort bei der biologischen, saisonalen und regionalen Grünsternküche, die das Ihre zu einem genussvollen Kinoabend beiträgt, aber der wichtigste Faktor bleibt natürlich die kundige Filmauswahl von zwei der renommiertesten Wiener Filminstitutionen. Am Augartenspitz wird die Tradition fortgesetzt, Filme auch analog vorzuführen – ein ganz besonderes 35mm-Kinoerlebnis, das gerade für ein jüngeres Publikum oft eine Premiere darstellt. Das Programm hat für jeden etwas im Angebot: Da werden Stummfilmklassiker mit zeitgenössischer Musik vertont, österreichische Filme feiern ihre Wien-Premiere, es gibt Vorpremieren zur herbstlichen Viennale und immer wieder auch Gelegenheit, mit Filmschaffenden bzw. mit Schauspielerinnen und Schauspielern über ihre Arbeit zu sprechen. Kleine Retrospektiven feiern heimische Ikonen wie Helmut Qualtinger oder Josef Hader, aber auch internationale Regiegrößen wie die Coen Brothers oder Miloš Forman. Und auch wenn die Filme am nächsten Tag im Metro Kinokulturhaus wiederholt werden, ist der Augartenspitz sicherlich einer der schönsten Orte Wiens, um einen spannenden, unterhaltsamen oder auch nachdenklichen Kinoabend unter freiem Himmel zu verbringen. Dass die Veranstaltung 2020 Corona-bedingt in kleinerem Maßstab abgehalten werden musste, tat der Begeisterung keinen Abbruch: Unter dem schönen Titel „Wien wie noch nie“ wurden zahlreiche nationale und internationale Filmklassiker mit der Donau-Metropole als Schauplatz gezeigt. Und davon gibt es ja reichlich.

 


 

Volxkino / Stumm & Laut / Kino am Dach

diverse Orte

Im Jahr 1990 war der heutige Open-Air-Kino-Boom noch nicht abzusehen. Dennoch entstand damals mit bescheidenen Mitteln, aber großem technischem Know-How das „Wanderfreiluftkino“, aus dem später das „Kino der Orte“ und schließlich das „VolxKino“ wurde. In Kooperation mit Kulturvereinen, Institutionen, Jugendbetreuungseinrichtungen und Gebietsbetreuungen organisiert der Verein St. Balbach Art Produktion an ungewöhnlichen Orten in ganz Wien kostenlose Filmvorführungen im Freien. In Parkanlagen, zwischen Gemeindebauten, auf öffentlichen Plätzen und Märkten, am Gürtel oder am Stadtrand haben Interessierte die Möglichkeit, die oft zu speziellen demografischen oder historischen örtlichen Gegebenheiten passenden Filme zu genießen. Vor allem in den Außenbezirken werden oft Filme gezeigt, die sich direkt an die minoritären Communities der Stadt richten. Gesellschaftskritische Werke aus der ganzen Welt sind immer stark im Programm vertreten, aber natürlich kommen auch Unterhaltung mit Tiefgang oder das junge österreichische Filmschaffen nicht zu kurz.

Das zweitälteste Gratisfestival von St. Balbach, deutlich kürzer und in Kooperation mit Kulturraum 10 veranstaltet, existiert seit dem Jahr 2000. „Stumm & Laut“ zeigt an drei Abenden am Columbusplatz in Favoriten selten vorgeführte Stummfilme mit eigens für das Event komponierten, live eingespielten Scores. Die Verbindung der körnigen Schwarzweißbilder aus einer längst untergegangenen Ära des Filmemachens mit zeitgenössischen Sounds erzeugt eine ganz spezielle Wahrnehmungsebene, die bei Jung und Alt hervorragend ankommt. Die Wahl des Ortes erklärt sich übrigens aus der Nähe zum Laaerberg, wo in der Stummfilmära große österreichische Produktionen (etwa Sodom und Gomorrha, 1922, von Michael Kértèsz) hergestellt wurden.

Damit noch nicht genug: Seit 2004 veranstaltet St. Balbach in Zusammenarbeit mit den Städtischen Büchereien auf dem Dach der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz das beliebte „Kino am Dach“. Hoch über dem Gürtel mit Aussicht auf die Straßenschluchten kann man hier ein etwas kommerzielleres Programm mit moderaten Eintrittspreisen genießen. Die Veranstaltung steht alljährlich unter einem allgemeinen Motto; die bunte Filmauswahl reicht von Independent bis zu gehobenem Mainstream, auch der eine oder andere Superhelden-Blockbuster findet sich hier. Es sind sich aber auch Perlen aus den sechziger oder siebziger Jahren im Programm, die man sonst kaum mehr im Kino sieht.

 


 

Kaleidoskop – Film und Freiluft am Karlsplatz

Karlsplatz, 1010 Wien

Lange Jahre war „Kino unter Sternen“ Vorreiterin unter den Open-Air-Kinos in Wien. Seit 1996 auf der Schüsselwiese im Augarten angesiedelt, wechselte man 2009 auf den zentralen Karlsplatz und bot bei freiem Eintritt eine anspruchsvolle Auswahl an österreichischen Filmen und internationalen Highlights der Filmgeschichte. Nach der Veranstaltung 2018 warf die langjährige Leiterin Judith Wieser unter nicht unbedingt erfreulichen Umständen das Handtuch. 2019 debütierte mit „Kaleidoskop – Film und Freiluft am Karlsplatz“ ein völlig neues Konzept, entwickelt vom jungen, festivalerprobten Team um Djamila Grandits, Marie-Christine Hartig, Lisa Mai und Doris Posch. Nach der erfolgreichen Premiere im Vorjahr mit dem thematischen Schwerpunkt „Zusammenleben im urbanen Raum“ wurde Ende Mai 2020 klar, dass das Open-Air-Kino wegen Corona pausieren wird. Stattdessen wurde unter dem Titel „Kaleidoskop 2020. Fragmente“ auf einer 30 Quadratmeter großen Leinwand täglich ein wechselndes Plakatmotiv gezeigt. In Dauerschleife wurden filmische Arbeiten präsentiert. Auf www.kaleidoskop.film gab es täglich neue Einträge dazu. Beleuchtet wurden der kollektive Ausnahmezustand und die Lücke, die durch die Corona-Krise im Kulturbereich und speziell im Kino entstanden ist.

 


Filmfestival Rathausplatz

Rathausplatz, 1010 Wien

Das Filmfestival auf dem Wiener Rathausplatz begeistert jährlich zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland und zählt in den 30 Jahren seines Bestehens mittlerweile mehr als 14 Millionen Gäste. Das sind stolze Zahlen, das Konzept ist aber auch sehr einleuchtend: Wien wird als Musikhauptstadt der Welt präsentiert, dazu locken handverlesene Gastronomiebetriebe die hungrigen und durstigen Massen auf den Rathausplatz. Auf der 300 Quadratmeter (!) großen Leinwand wurden anfangs noch hauptsächlich verfilmte Opern, Ballett und klassische Aufführungen präsentiert. Mittlerweile hat sich das Programm schon sehr stark in Richtung Jazz und Pop geöffnet. Eine kluge Mischung aus klassischer Musik und den gängigsten modernen Musikgenres garantiert, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Da kommt es schon vor, dass am Montag „Die Zauberflöte“ nicht nur japanische Touristinnen und Touristen verzaubert, während dienstags die Al-Jarreau-Fans lauthals mitsingen und am Mittwoch schwarz gekleidete Placebo-Anhänger den Rathausplatz bevölkern. Neben den Filmvorführungen ist das musikalische Live-Programm an den Künstlersamstagen mit „Unplugged“-Darbietungen heimischer Künstler und der Jazz-Frühschoppen (2020 wegen Corona entfallen) ein fester Bestandteil des vielfältigen Musikfilm-Gesamtangebots. Ein derart internationales Publikum findet man bei keinem anderen Open-Air-Festival der Stadt.

 


Arena Wien Sommerkino

Baumgasse 80, 1030 Wien

Bei den meisten Open-Air-Locations kann man den Sound schon ganz ordentlich aufdrehen, das gilt besonders für die Wiener Arena, wo normalerweise die härtere Rockabteilung Stimmung macht, im Sommer aber neben diversen Konzerten auch Filme das Publikum erfreuen. Allein die politische Geschichte dieses Ortes – Stichwort Arena-Besetzung – und die beeindruckende Industriearchitektur wären schon einen Besuch wert, aber auch das zumeist von Kult- und Independentfilmen aller Art dominierte Filmprogramm lockt neben der Möglichkeit, in der Wiese zu sitzen und gekühlte Getränke zu schlürfen, ein bekannt treues Stammpublikum an. 2020 musste die traditionsreiche Veranstaltung wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden, aber schon im nächsten Jahr sollte dem filmischen Vergnügen (hoffentlich) wieder gehuldigt werden können.

 


dotdotdot

Volkskundemuseum, Laudongasse 15–19, 1080 Wien

Das Konzept des Espressofestivals im besonders idyllischen Garten des Volkskundemuseums in der Wiener Josefstadt wurde für „dotdotdot“, das Festival für kurze und mittellange Filme, etwas ausgeweitet. Im Schönbornpark finden Sonntagspicknicks statt, in Workshops kann man u.a. den Umgang mit diversen Medien lernen – geistige und körperliche Barrierefreiheit ist dem Festival-Team sehr wichtig. Generell versteht sich das kommunikative Event als „Nahversorgerfestival für Menschen, die Lust haben, private und politische Komfortzonen in Frage zu stellen.“ Bei den österreichischen Werkschauen sind die Künstlerinnen und Künstler anwesend, die Gespräche dauern oft länger als die Filme, aber das ist nur ein Zeichen dafür, dass dotdotdot ein sehr interessiertes und fachkundiges Publikum anzieht. Auch „dotdotdot“ war 2020 natürlich von den Auswirkungen der Pandemie betroffen; dank eines ausgeklügelten Sicherheitskonzepts wurde die Veranstaltung aber engagiert und dynamisch wie immer durchgeführt.

 


Frame(O)ut – Freiluftkino im MQ

MuseumsQuartier, 1070 Wien

Das frame[o]ut-Filmfestival im MuseumsQuartier ist schon von der Location her prädestiniert, ein großes Publikum anzulocken. Im Sommer ist der riesige Innenhof mit den zahlreichen Lokalen und Sitzgelegenheiten für Wiener und Touristen sowieso ein Hotspot, der durch das 2007 gegründete Gratisfestival noch an Attraktivität gewann. Auch bei frame[o]ut legen die Verantwortlichen großen Wert auf die Vielfalt der gebotenen Filme. Themenreihen wie „Film im Film“, (Vor-)Premieren heimischer und internationaler Filme, Filmtalks mit in- und ausländischen Gästen und auch der gelegentliche (historische) Blockbuster wie dieses Jahr Steven Spielbergs Unheimliche Begegnung der dritten Art sorgen jeden Freitag und Samstag dafür, dass kein Platz im Hof neben den Boule-Bahnen frei bleibt. Als Schlechtwetter-Ausweichquartier steht zudem die MQ Arena21 bereit.

 


Kino im Kammergarten

Unteres Belvedere, 1030 Wien

Der Kammergarten des Unteren Belvedere mit seinem besonderen Ambiente verwandelte sich 2017 erstmals zu einem der schönsten Freiluftkinos Wiens. Unter dem Motto „Ein Hauch von Barock“ setzten sich die Filme sowohl direkt als auch indirekt mit dem Zeitalter des Barock auseinander. 2018 widmeten sich die Kuratorinnen und Kuratoren  einem gänzlich anderen Thema, nämlich dem 50-Jahre-
Jubiläum des historisch bedeutsamen Jahres 1968. Ein Jahr später standen unter dem angesichts der Location naheliegenden Titel „Grünblick“ filmische Gärten aller Art im Fokus des Programms. Das Ticket für das Belvedere-Museum gilt gleichzeitig als Eintrittskarte, und Belvedere-Jahreskartenbesitzer gehen immer gratis ins Kino. Dazu sorgen noch Snacks und Drinks von der Sommerbar für die richtige Open-Air-Kinoatmosphäre. 2020 fiel die Veranstaltung den Auswirkungen des Corona-Virus zum Opfer, für 2021 hofft man, wie wir alle, auf eine Rückkehr zur Normalität.

 


Science Fiction im Park – Margaretner Filmnächte

Bruno-Kreisky-Park, 1050 Wien

„Science Fiction im Park“ wurde 2007 von Wolfgang Niederwieser und dem ArchitekturRaum5 ins Leben gerufen. Das einzige Science-Fiction-Open-Air in Wien hat eine große und treue Fangemeinde. Seit 2019 wird diese Veranstaltung (bei freiem Eintritt) von der rührigen St. Balbach Art Produktion realisiert, früher im Juni, 2020 erstmals im September. In diesem Jahr nahm „Science Fiction im Park“ unter dem knackigen Titel „Earth vs. Mankind“ programmatisch Bezug auf die allgegenwärtige Klimadiskussion, aber auch zur aktuellen Beeinträchtigung des Alltaglebens durch die sattsam bekannte Pandemie. Es sind dies ja Themen, die in vielen historischen Sci-Fi-Filmen eine teils visionäre Umsetzung fanden. Man präsentierte an sechs Tagen Filme aus dem beliebten Genre, die sich im weitesten Sinn mit dem Thema Klima, Klimaveränderung und vor allem auch mit der durch den Menschen verursachte Klimakatastrophe und den Ursachen und Folgen von Pan- und Epidemien befassen. Der schöne Ort des Geschehens ist der Bruno-Kreisky-Park nahe der U4-Station am Margaretengürtel – eine von Kulturereignissen nicht eben verwöhnte Gegend.