Nicht erst seit Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde, befinden sich die Vereinigten Staaten in einer Art Ausnahmezustand. Das Stadtkino Basel beleuchtet mit der Retrospektive „The United States of Paranoia“ die unruhige Verfasstheit des Landes.
Am Anfang von The Parallax View (Zeuge einer Verschwörung, 1974) steht ein politischer Mord. Während eines Medientermins auf der Plattform des Space Needle, des architektonisch spektakulären Aussichtsturms in Seattle, wird Senator Charles Carroll, der als möglicher Präsidentschaftskandidat gilt, erschossen. Zu den Augenzeugen des Attentats zählen auch die beiden Reporter Joe Frady (Warren Beatty) und Lee Carter (Paula Prentiss). Eine hochrangige Untersuchungskommission kommt zu dem Ergebnis, dass der Attentäter, der bei seiner Flucht in den Tod gestürzt war, allein gehandelt hat und die sich hartnäckig haltenden Gerüchte und Vermutungen, eine Verschwörung stecke hinter dem Anschlag, haltlos seien. Drei Jahre später wird Frady von seiner Kollegin, mit der er auch privat liiert war, kontaktiert. Doch zu seiner Überraschung ist die sonst so smarte und abgeklärte Journalistin ein nervliches Wrack am Rande der Hysterie. Hinter dem Attentat könnte doch mehr stecken als die Aktion eines Einzeltäters, denn mittlerweile seien sechs Augenzeugen verstorben, offiziell alles Unfälle oder natürliche Todesursachen, doch bei genauerem Hinschauen – so erklärt Lee Carter ihm – könne man da einige Ungereimtheiten entdecken. Frady versucht sie zu beruhigen, er schenkt Lee jedoch keinen Glauben. Wenig später ist die Journalistin, die versucht hatte, den untergetauchten Berater von Senator Carroll aufzuspüren, ebenfalls tot – verunglückt bei einem Autounfall, bei dem sie unter dem Einfluss von Alkohol und Medikamenten gestanden sein soll. Das erscheint Joe Frady ein Zufall zuviel, er beginnt in der Sache zu recherchieren, bald schon stößt er auf höchst verstörende – und in Folge mörderische – Geschehnisse. Als deren Zentrum kristallisiert sich eine geheimnisumwitterte Firma namens Parallax Corporation heraus, die Personal für zunächst nicht näher genannte Aufgaben rekrutiert. Als Frady mit falscher Identität dieses Aufnahmeverfahren selbst absolviert, keimt in ihm der Verdacht auf, dass damit Kandidaten mit hohem Aggressionspotenzial herausgefiltert werden sollen, die sich offenbar als Attentäter eignen.
Der Feind im eigenen Haus
Mit The Parallax View setzte Alan J. Pakula den mittleren jener nunmehr als Paranoia-Trilogie bekannten drei Filme in Szene, die 1971 mit Klute ihren Anfang nahm und 1976 mit All The President’s Men (Die Unbestechlichen) ihren Abschluss fand. Die Idee von Verschwörungen auf höchster Ebene bis hin zum politischen Attentat, mit der Pakula in The Parallax View operiert, traf einen Nerv der US-amerikanischen Gesellschaft, der diesbezüglich schon seit geraumer Zeit gereizt worden war. Dabei wird offen gelassen, ob die Drahtzieher besagter Verschwörung im politischen System selbst sitzen oder andere Kräfte dahinter stecken. Überhaupt operiert The Parallax View als geradezu fiebriger Thriller mit einer kongenialen Mischung aus Andeutungen, Ambiguitäten und aus realen Ereignissen entlehnten Versatzstücken – das eingangs geschilderte Attentat auf Senator Carroll ruft wohl nicht zufällig Erinnerungen an die Ermordung Bobby Kennedys wach –, der sich als ausgezeichnetes Stimmungsbarometer einer zutiefst verunsicherten Nation erweist.
Auch wenn Michael Moore die Sache in seinen Dokumentarfilmen auf die für ihn gewohnte Art und Weise pointiert-polemisch zuspitzt, kann man der Argumentation, dass Angst ein konstituierendes Element der US-amerikanischen Gesellschaft geworden ist, schon einiges abgewinnen. Eine Entwicklung, die Mitte der siebziger Jahre auf einen ersten Höhepunkt zusteuerte, jedoch schon bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Anfang genommen hatte. Anstatt sich von den Schrecken der Kriegserfahr-ung samt den damit verbundenen Traumata zu erholen, wurde mit dem Beginn des Kalten Kriegs gleich das nächste Schreckgespenst an die Wand gemalt. Die „kommunistische Gefahr“, die viel strapazierte „Red Scare“, blieb als diffuse, politisch gern instrumentalisierte Bedrohung lange Zeit Dauergast in „the land of the free“. Verbunden mit der realen Gefahr eines sich aus diesem Konflikt entwickelnden Atomkriegs – Stanley Kubrick nahm diese Furcht 1964 mit Dr. Strangelove (Dr. Seltsam) bitterböse aufs Korn – begann die Grenze zwischen nachvollziehbarer Besorgnis und paranoider Hysterie im kollektiven Bewusstsein zu verschwimmen. Skrupellose Figuren wie Senator Joseph McCarthy schlugen daraus (partei-)politisches Kapital, indem sie die Stimmung gezielt anheizten und suggerierten, die Vereinigten Staaten selbst wären von kommunistischen Sympathisanten, Unterstützern und Spionen unterwandert. Dass es schon reichte, andere politische, gesellschaftliche oder soziale Ansichten zu vertreten – in einer pluralistischen Demokratie eigentlich eine Selbstverständlichkeit –, um ins Visier von McCarthy und Konsorten zu geraten, zeigte sich vielleicht am offensichtlichsten im Umgang mit jenen kreativen Köpfen aus der Filmindustrie, die wie die „Hollywood Ten“ zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, weil sie sich weigerten, vor dem berüchtigten „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ auszusagen oder auf inoffizielle schwarze Listen gerieten, was de facto einem Berufsverbot gleich kam.
Die um sich greifende paranoide Grundstimmung brachte kein anderer Film so genau auf den Punkt wie Don Siegels Invasion of the Body Snatchers (Die Dämonischen, 1956). Im Mittelpunkt steht der von Kevin McCarthy gespielte Arzt Miles Bennell, der in jener Kleinstadt irgendwo in Kalifornien, in der seine Praxis beheimatet ist, scheinbar mit einer um sich greifenden Massenpsychose konfrontiert ist. Immer mehr seiner Patienten behaupten, dass Familienangehörige und andere Mitmenschen über Nacht nicht mehr dieselben seien – äußerlich seien sie zwar unverändert, doch ihre Persönlichkeiten hätten sich so verändert, dass es sich unmöglich um dieselbe Person handeln könnte. Was Bennell zunächst für eine Ansammlung wahnhafter Ideen hält, stellt sich als tatsächliche Bedrohung heraus: Außerirdische Kräfte haben nämlich begonnen, mittels pflanzlicher Sporen Duplikate von Menschen herzustellen, die äußerlich genau dem Original gleichen, doch seelen- und emotionslose Hüllen sind, die schlussendlich die Herrschaft der Aliens auf der Erde sichern sollen. Siegels Sci-Fi-Thriller spiegelt kongenial die vorherrschende Atmosphäre in der US-amerikanischen Gesellschaft, die zwischen Angst, Misstrauen und Denunziantentum changierte, mittels seines phantastischen Sujets wider.
In den sechziger Jahren verschärfte sich die Stimmung mit dem Aufkommen jener gegenkulturellen Strömungen, die gesellschaftliche Veränderungen auf mehreren Ebenen lautstark einzufordern begannen, wobei sich der Fokus verlagerte: Als Bruchlinie sollte sich nun das militärische Engagement der Vereinigten Staaten in Vietnam erweisen. Bei den Repräsentanten der Gegenkultur – aber nicht nur dort – galt dieser Einsatz nicht mehr als gerechtfertigter, „gerechter“ Krieg, bei dem es – wie dies noch im Zweiten Weltkrieg durchgehend Konsens war – um die Verteidigung von Freiheit und Demokratie ging, der Vietnamkrieg erschien als Durchsetzung ganz spezifischer Interessen einer unheiligen Allianz aus Politik, Militär und einem großindustriellen Komplex. Der Konflikt um Legitimation und Sinnhaftigkeit des militärischen Einsatzes in Vietnam spitzte sich 1971 mit der Veröffentlichung der Pentagon-Papiere zu. In dieser Studie, die der unter John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson als Verteidigungsminister fungierende Robert McNamara hatte anfertigen lassen, wurde nicht nur die Geschichte des jahrzehntelangen Engagements der USA in Vietnam dargelegt, sondern auch die Schlussfolgerung, dass der Krieg militärisch nicht zu gewinnen sei. Obwohl die Studie als streng geheim klassifiziert war, entschied sich der ehemalige Mitarbeiter des Pentagon Daniel Ellsberg, die Öffentlichkeit zu informieren und die Unterlagen den Medien zuzuspielen. Die Geschichte des Whistlebowers Ellsberg und die Versuche der Nixon-Administration, die Veröffentlichung mit allen Mitteln verhindern, griff übrigens Steven Spielberg in The Post (Die Verlegerin, 2017) mit dokudramatischer Präzision auf.
Machenschaften auf höchster Ebene
Schon vor der Affäre um die Pentagon-Papiere war der politische Diskurs in den USA höchst konfrontativ verlaufen und konnte gegen Ende der sechziger Jahre trefflich als „Us vs Them“-Mentalität charakterisiert werden. Richard Nixon hatte seine Anhänger spätestens im November 1969 in Stellung gebracht, als er in einer Fernsehansprache die mittlerweile so gern zitierte „Silent Majority“ ansprach, die sich der Gegenkultur zu widersetzen wünschte. Die von konservativer Seite evozierte Vorstellung, die Ideen der „Counterculture“ würden in Revolution und Chaos enden, führte bei der schweigenden Mehrheit – wie groß die auch immer sein mochte – zu einer Verunsicherung, die sich in einem immer schärferen Vorgehen der Behörden niederschlug. Dramatischer Höhepunkt war der 4. Mai 1970, als Soldaten der Nationalgarde auf dem Campus der Kent-State-Universität das Feuer auf demonstrierende, unbewaffnete Studenten eröffneten. Vier Menschen kamen dabei ums Leben, das Bild der 15-jährigen Mary Ann Vecchio, die weinend vor der Leiche des ermordeten Studenten Jeffrey Miller kniet, erschütterte eine ganze Generation, die den Vertretern des Staates in Sachen Niedertracht nun so ziemlich alles zutraute. Ein Misstrauen, das sich in George A. Romeros Crazies (1973) deutlich niederschlug. Romero, der bereits 1968 mit Night of the Living Dead, einer Ikone des neuen amerikanischen Horrorfilms, auch ein politisches Statement abgegeben hatte, tat dies mit Crazies erneut in Gestalt eines Genrefilms. Als nach einem Unfall ein biologischer Kampfstoff freigesetzt wird, der alle, die damit in Berührung kommen, tötet oder in hochaggressive, unkontrolliert agierende Geschöpfe verwandelt, riegelt das Militär eine von dem Zwischenfall betroffene Kleinstadt ab. Doch die Truppen agieren nicht als Helfer der schwer geprüften Bevölkerung, sie treten wie rücksichtslos agierende Invasoren auf, die Zwangsmaßnahmen mit drakonischer Härte durchzusetzen versuchen. Dass die Menschen nur unzureichend informiert werden, verschlimmert die Sache noch zusätzlich. Eine kleine Gruppe entscheidet sich für den offenen Widerstand gegen die Staatsmacht, die offensichtlich nicht mehr im Interesse der Bevölkerung agiert.
Das Misstrauen gegen den Staat sollte durch die zahlreichen Machinationen, die Richard Nixon und seine Helfer vornahmen, auch die höchste institutionelle Ebene erfassen. Der Watergate-Skandal bildete nur mehr den Kulminationspunkt, der zum Amtsenthebungsverfahren und schließlich zum unrühmlichen Rücktritt des Präsidenten führte. Francis Ford Coppola verarbeitete diese von grundlegendem Vertrauensverlust geprägte Stimmung in The Conversation (Der Dialog, 1974). Im Zentrum steht der von Gene Hackman gespielte Harry Caul, ein Abhörspezialist, der je nach Bedarf für staatliche Behörden und private Klienten arbeitet. Im Auftrag des Direktors eines bedeutenden Unternehmens observiert er dessen Frau und deren Liebhaber. Aus den abgehörten Gesprächen vermeint Caul herauszuhören, dass die beiden beim Auffliegen ihrer Affäre in Gefahr geraten, umgebracht zu werden. Dem Abhörspezialisten kommen Bedenken, doch als er die Übergabe der belastenden Bänder an seinen Auftraggeber verweigert, muss er befürchten, sich mächtige Feinde zu machen. The Conversation erweist sich als raffinierter Thriller, der zunächst mit beinahe beiläufiger Ruhe seinen Plot entwickelt, um mit Fortdauer eine Atmosphäre aus Angst und Paranoia zu generieren, die den Protagonisten immer mehr gefangen nimmt. Der berufsbedingt ohnehin schon notorisch misstrauische Harry Caul muss nicht nur feststellen, dass offenbar niemanden zu trauen ist, sondern auch, dass
offensichtlich Gesagtes eine ganz andere Bedeutung bekommen kann. Am Ende von The Conversation sitzt Harry Caul in seinem devastierten Apartment und spielt Saxofon. Die Wohnung hat er bei der Suche nach Abhörvorrichtungen selbst verwüstet, obwohl er aus Erfahrung genau weiß, dass es keine Möglichkeit gibt, sich komplett einer von Experten orchestrierten Überwachung, die ihm von Seiten seiner vormaligen Auftraggeber verkündet worden ist, zu entziehen. Auch wenn hier – ähnlich wie in The Parallax View – die Gefahr von einem privaten Konzern ausgeht, besteht kein Zweifel, dass sich der Verlust an Vertrauen auf das System als Ganzes erstreckt, die Verschmelzung von Politik und Big Business zum Zweck des Machterhalts erscheint ohnehin offensichtlich. Harry Caul erscheint dabei stellvertretend für die US-amerikanische Bevölkerung, der mittlerweile das Vertrauen auf beinahe allen Ebenen abhanden gekommen war. Ein Vertrauensverlust, der auch innerhalb des politischen Systems angekommen zu sein schien. So lässt etwa Oliver Stone in Nixon (1995) den von Anthony Hopkins verkörperten Präsidenten kurz vor seinem Rücktritt schon etwas resignativ anmerken: „Wenn andere etwas sagen, sind es bloß Lügen, wenn ich es sage, glaubt mir sowieso niemand.“
In Klute, einem psychologischen Thriller, steht das – zunächst brüchige – Verhältnis zwischen einem Privatdetektiv und einem Callgirl im Mittelpunkt. Der Mangel an Vertrauen in der zwischenmenschlichen Beziehung verweist jedoch durchaus auch auf gesellschaftliche Bedingungen. Die tiefe Erschütterung im Verhältnis zwischen dem amerikanischen Volk und dem politischen System griff Alan Pakula schließlich in All the President‘s Men, dem letzten Film seiner Paranoia-Trilogie, auf. Auch wenn hier anhand der unermüdlichen Recherchen der beiden „Washington Post“-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein (gespielt von Robert Redford und Dustin Hoffman) in der Watergate-Affäre die Kontrollfunktion der Medien als vierte Gewalt hervorgehoben wird, ist klar, dass der Machtmissbrauch durch den Präsidenten ein tief sitzendes Misstrauen hervorgerufen hatte, dass sich im kollektiven Bewusstsein einbrennen sollte. Ein Misstrauen, das durch die Morde an John F. Kennedy, Robert Kennedy und Martin Luther King – und deren nicht wirklich restlos aufgeklärten Hintergründe – schon kräftig angestachelt worden war und eine Bereitschaft für Verschwörungstheorien aller Art begründete, die Oliver Stone in JFK (1991) auf den Punkt zu bringen verstand.
Auch wenn zahlreiche Vertreter der Gegenkultur den Marsch durch die Institutionen antraten und die konfrontative Stimmung gegen Ende der siebziger Jahre nachgelassen hatte, blieben andere Spannungsverhältnisse in der US-Gesellschaft bestehen. Die Frage des alltäglichen und institutionalisierten Rassismus etwa greift das exzellente, im Cop-Milieu angesiedelte Drama The Glass Shield (1994) kongenial auf, in dem eine junge Polizistin und ihr schwarzer Kollege Diskriminierung innerhalb des LA Sheriff’s Department begegnen. Dieses Problemfeld hat sich über die letzten Monate hinweg in den USA bekanntermaßen so dramatisch zugespitzt, dass die Furcht vor bürgerkriegsähnlichen Unruhen um sich zu greifen beginnt. Und dass sich mit Angst ganz bewusst Politik machen lässt, wurde spätestens nach den Anschlägen von 9/11 evident.
Inmitten einer dadurch angeheizten höchst paranoiden Grundstimmung konnte man auch mit der Lüge von den Massenvernichtungswaffen – die Rechtfertigung der Regierung unter George W. Bush für den zweiten Irak-Krieg – durchkommen. Dass nach dem Auffliegen der Lüge der Vertrauensverlust in das gesamte politische System umso größer war, galt bei den Drahtziehern vermutlich als Kollateralschaden.
