„Shadow Citizens“, eine Kooperation von Kunsthalle Wien, Viennale und Filmmuseum, wirft ein Schlaglicht auf das undogmatische, aber dennoch politische Werk des jugoslawisch-serbischen Filmemachers Želimir Žilnik.
Er vermag die Kinos schon länger nicht mehr wirklich zu füllen und hat sich dementsprechend rar gemacht, doch hin und wieder findet man ihn noch, den (sozial-)politisch engagierten (europäischen) Spielfilm — so hat etwa der mittlerweile 87-jährige Costa-Gavras etwa kürzlich mit Adults in the Room eine Dramatisierung des griechischen Bailouts vorgelegt. Letzten Endes muss man gegenwärtig aber wohl eher — Ausnahmen bestätigen die Regel — im Dokumentarbereich nach sozialen und politischen Themen suchen. Oder man besucht Filmfestivals.
Ein Mann, der mit seinen Filmen seit Jahrzehnten soziale und politische Brennpunkte untersucht und dabei gern die dokumentarische mit der fiktiven Form vermischt, ist der 1942 in Novi Sad geborene Želimir Žilnik. Der studierte Jurist arbeitete in den sechziger Jahren zunächst im Bereich des Kulturmanagements, ehe er begann, im Umfeld des Kino Club Novi Sad Filme zu drehen. Nach ersten Erfahrungen, die er als Regieassistent von Dušan Makavejev machte, realisierte Žilnik den kurzen Dokumentarfilm Newsreel on Village Youth, in Winter (1967), ein unmittelbares Porträt junger Menschen in den Vororten von Novi Sad. Dafür konnte der junge Filmemacher bereits Preise ernten, weitere Kurzdokus folgten. Für The Unemployed (1968) — mit Humor und Tiefgang widmet sich der Film jugoslawischen Gastarbeitern, die in Deutschland ihr Glück versuchten — erhielt Žilnik den renommierten Grand Prix der Kurzfilmtage in Oberhausen.
Ideologie und Satire
Der Preisregen ging weiter. 1969 holte Žilnik mit Early Works den Goldenen Bären der Filmfestspiele von Berlin: In dieser Arbeit (der Titel basiert auf Frühwerken von Marx und Engels) thematisiert der Filmemacher ironisch-kritisch die Auswirkungen der Studentenunruhen im Jugoslawien des Jahres 1968 und zeigt auf, wie weit Theorie und Praxis des realen Sozialismus auseinanderklaffen. Dieser Erfolg brachte Žilnik in Jugoslawien Ärger ein. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung wegen Gefährdung des sozialistischen Systems, außerdem wurde die Produktion eines neuen Films inmitten der Dreharbeiten eingestellt. Žilnik, der vielen auch als Vorreiter der legendären „Schwarzen Welle“ gilt — eine Bewegung, die mit Witz, aber auch Radikalität Missstände im Jugoslawien Titos thematisierten — sah sich gezwungen, nach Deutschland zu gehen, wo er nach mehreren Kurzfilmen die Satire Paradies. Eine imperialistische Tragikomödie (1976) umsetzte. Angeregt durch den Fall des CDU-Politikers Peter Lorenz erzählt der Film von der Direktorin eines Großkonzerns, die ihre wirtschaftlichen Probleme mittels einer Fake-Entführung durch Anarchisten überdecken möchte. Auch mit diesem Werk eckte der Filmemacher an, denn die BRD war durch den realen Terror der RAF zu dieser Zeit noch humorloser als sonst. Die Produktionsmöglichkeiten im künstlerischen Exil versiegten, Paradies sollte Žilniks einziger in Deutschland gedrehter Langfilm bleiben.
In den achtziger Jahren kehrte Žilnik in die Heimat zurück, wo er zunächst einige Arbeiten für das Fernsehen realisierte und es scheinbar kleiner anging. Doch dann drehte er zwei Filme, die vielen Kritikern als prophetische Vorwegnahme des Zerfalls Jugoslawiens galten: Der postapokalyptische Science-Fiction-Film (allein das Genre ist eine Rarität für das Produktionsland) Pretty Women Walking Through the City (1986) spielt im Jahr 2041 und zeigt Belgrad als müllverseuchte Kloake, in der jede Erinnerung an die Vergangenheit unter Strafe steht. Und der Hybridfilm Oldtimer (1989) verknüpfte — pünktlich zum Fall des Realsozialismus — den Aufstieg von Slobodan Miloševic´ mit dem nun wirklich unaufhaltsamen Zerfall des Vielvölkerstaats Jugoslawien. Die unterschwellige Aggression und die kommenden, durch Nationalismus ausgelösten Kriegsgräuel sind hier schon zu erahnen. In den neunziger Jahren fokussierte Žilnik wie in seinem Frühwerk wieder stärker auf Einzelschicksale und drehte etwa einen Film über Leben und Arbeitsbedinungen von Strichern. Außerdem nahm er an den Belgrader Protesten gegen Nationalismus teil. In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends richtete er seinen Blick folgerichtig auf die Auswirkungen des Kapitalismus, der sich in den ehemaligen „Arbeiterparadiesen“ ausbreitete. Žilniks geradezu mühelos erscheinender Mix aus Fiktion und Dokumentarischem prägt auch sein aktuelles, in Österreich entstandenes Werk The Most Beautiful Country in the World (2018): Es thematisiert die Bemühungen von Migranten, in Wien Fuß zu fassen.
Die Ausstellung „Shadow Citizens“ in der Kunsthalle Wien thematisiert nicht zuletzt die soziopolitschen Facetten im Werk des „undogmatischen Revolutionärs“: Der Titel spielt auf Žilniks Beschäfigung mit den Schwachen und Außenseitern der Gesellschaft an. Im Mittelpunkt stehen dabei mehrere seiner Lang- sowie Kurzfilme. Neben thematischen Schwerpunkten wird außerdem Žilnikks besondere filmische Handschrift einer näheren Betrachtung unterzogen. Der Künstler wird für die Dauer der Ausstellung einer Einladung nach Wien folgen und an Vermittlungsprogrammen mit verschiedenen Partnern und Communities mitwirken, mit denen er bereits gearbeitet hat.
Für Žilnik selbst hat sich übrigens über die Jahrzehnte, trotz Umstürzen und Systemwandel, nicht grundlegend viel an der Filmarbeit geändert, wie er 2016 in einem Interview mit „Film Comment“ anmerkte: „I don’t see much difference in opposi-
tional or ,different‘ films being accepted today or under socialism. They remain on the margin. Or they intrigue a small but significant part of the public. In the end, they still go around the world, visit festivals, and inspire public debates.“
