„Recycled Cinema“ lautet der Titel der diesjährigen Viennale-Retrospektive. Die Schau präsentiert herausragende Found-Footage-Filme und feiert die unermüdliche Arbeit von sixpackfilm.
Das umfangreiche Programm, kuratiert von Brigitta Burger-Utzer von sixpackfilm sowie vom Österreichischen Filmmuseum, ist auch ein kleines Geburtstagsgeschenk. Der überaus rührige Verleih und Weltvertrieb wurde nämlich vor 30 Jahren ausgerechnet zum Zwecke der Durchführung einer Found-Footage-Filmschau von Burger-Utzer und Peter Tscherkassky gegründet und hat seitdem wesentlich zur Verbreitung (und Verehrung!) des künstlerischen Films beigetragen. Anlass genug, die Retrospektive etwas genauer zu betrachten und sich mit Brigitta Burger-Utzer über das Ein-/Ordnen von Bildern zu unterhalten.
Vereinsgründung
Seitdem Filme gemacht werden, besonders aber seitdem es Archive und Museen gibt, die sich der Erhaltung von Bildmaterial widmen, haben Filmschaffende so genannte Found-Footage-Arbeiten geschaffen, in denen sie bestehende Bilder zu figurativen Zwecken neu anordne(te)n und zusammenfüg(te)n, zum Beispiel, um Filmwerke unter anderen Gesichtspunkten zu kontextualisieren, um bestimmte Metadiskurse zu visualisieren oder um Mechanismen der Präsentation aufzuzeigen. Diese Filme, seien es nun Kompilationen, Collagen oder Aneignungen, machen deutlich, dass nicht ein „gefundenes“ Bild zeigt, „was wirklich war“, sondern erst sein Kontext offenbart, was mittels dieses Bildes als „wirklich“ gegolten hat.
Zwei der ältesten Filme dieser Retrospektive stammen von Frauen und markieren den Beginn der filmischen Auseinandersetzungen mit der Archivierung von Bewegtbild und nationaler Geschichte – und mit der Archivierung von zugeschriebenen Bedeutungen: Velikiy put von Esfir Shub (1927) und Le cinéma au service de l’histoire von Germaine Dulac (1935). Shub begann bereits während ihrer Zeit als Cutterin bei Sergei Eisenstein, Wochenschaumaterial unter neuen Aspekten zusammenzustellen und hatte, wie die Filmimpressionistin Germaine Dulac, Zugriff auf Archivmaterial, das sie umstrukturierte und – zur Kenntlichkeit – neu konstruierte.
In Österreich haben u.a. Filmemacher wie Peter Tscherkassky oder Martin Arnold hierbei Maßstäbe gesetzt. Als Tscherkassky und Burger-Utzer vor 30 Jahren eine Found-Footage-Filmreihe im Wiener Stadtkino zeigen wollten, mussten sie zuerst einen Verein gründen um finanzielle Unterstützung zu erhalten: die Geburtsstunde von sixpackfilm. „Dass es nicht bei der einmaligen Veranstaltung blieb, ist hauptsächlich Martin Arnold zu verdanken“, erzählt Burger-Utzer. „Er war gerade mit seinem Film pièce touchèe international so erfolgreich, dass er vor lauter Anfragen keine Zeit fand, seinen nächsten Film zu machen. Also bat er uns, die Aufgaben des Vereins auszuweiten und ihn zu unterstützen.“ Arnolds damals nächster und ebenso erfolgreicher Film passage à l’acte (1993) ist selbstverständlich in dieser Retro vertreten.
Monografien
Den Raum, den der obsessive Blick der Kinobesucherinnen und -besucher (wie er in den Filmen von Arnold und Tscherkassky eine Hauptrolle spielt) braucht, hofft Burger-Utzer noch lange zur Verfügung zu haben. „Dass Kinos für immer geschlossen werden könnten, ist für mich eine entsetzliche Vorstellung, beruflich wie privat.“ Doch nicht nur angesichts sich ändernder Gegebenheiten sieht sie eine zunehmende Bedeutung des Kuratierens: „In unserer so genannten Ersten Welt, wo so vieles verfügbar ist, ist das Kuratieren als Orientierungshilfe für das Publikum wichtiger geworden. Den immer wieder auftretenden Hype um das Kuratieren lehne ich aber ab. Es gibt keine Wunderwuzzis, die etwa ideale Filmfestivals kuratieren, es gibt nur Schwerpunktsetzungen.“ Einen bemerkenswerten Bogen spannt in der Hinsicht diese Retrospektive, die verschiedene Spielarten des Found-Footage-Films absteckt und dabei diverse kulturelle Kontexte beleuchtet. Und die auch die ökonomischen Komponenten (vielleicht des Filmemachens an sich) nicht außer acht lässt.
In monografischen Blöcken widmet man sich zum Beispiel Santiago Álvarez, dem revolutionären kubanischen Found-Footage-Filmemacher, der sich eigene Bilder schlicht finanziell nicht leisten konnte und seine künstlerische Auflehnung durch die Bearbeitung von Fremdmaterial betrieb. Bei Peter Tscherkassky und Cécile Fontaine stehen dagegen die ästhetischen Möglichkeiten der Found-Footage-Praxis im Fokus. In ihren Arbeiten bindet etwa Fontaine das Trägermaterial des Bildes in den Schaffensprozess mit ein. Die direkte Konfrontation des analogen Bildes mit seiner Umwelt – Zerkratzen, Aufweichen, buchstäblich Dekonstruieren – sind wesentlich. Von ihr ist unter anderem Silver Rush über die mythische Szenerie des amerikanischen Westens zu sehen. Weitere Monografien gelten Phil Solomon (mit dem Meisterwerk Remains to Be Seen), einem Virtuosen der Machinima-Filme, die mit Hilfe von Spiel-Engines inszeniert werden, und dem Kanadier Arthur Lipsett, der für seine Collage Very Nice, Very Nice in der Kategorie Bester Kurzfilm 1962 für einen Oscar nominiert war. Lipsetts 21-87 (1963), sein Kommentar zu einer „von Maschinen dominierten Gesellschaft“, inspirierte – soweit die Überlieferung – George Lucas zu seinem Begriff „the force“ in Star Wars.
Gewürdigt wird auch Bruce Conner, u.a. mit seinem stilprägenden Kult-Film A Movie (1957) oder dem hypnotischen Cosmic Ray (1961). Conners Vermächtnis findet sich bei einer großen Vielzahl von Künstlerinnen und Künstlern wieder, so auch bei Craig Baldwin, dessen ebenso komplexer wie kontroverser Tribulation 99: Alien Anomalies Under America aus dem Jahr 1992 ebenfalls im Programm zu finden ist. Angelegt als Satire auf die amerikanische Außenpolitik und Medienkultur, zeigt Baldwin, wie die Found Footage-Collage mittels Metaphern und Ironie eine komprimierte metahistorische Analyse und gleichzeitig vielschichtige politische Kritik hervorbringen kann. Seinem Film fügt er ein Voice-over hinzu, das eine pointiert ironische Dissonanz erzeugt zwischen expliziter und implizierter Bedeutung des Gesagten sowie Gesehenen.
Je stärker die diskursive Kraft eines bestehenden ikonischen Bildes bereits ist, desto größer der potenzielle Effekt der ironischen Umkehrung. Aber, so Burger-Utzer: „Man darf sich nicht in die eigene Tasche lügen. Der künstlerische Film ist nicht Teil der Unterhaltungsindustrie und in diesem Sinne nicht mehrheitsfähig. Doch nicht zuletzt durch die Diagonale und davor die Österreichischen Filmtage in Wels, die immer alle Filmformen gleichberechtigt ausgestellt haben, konnte sich der künstlerische Film internationales Renommée erarbeiten. Lisl Ponger, Dietmar Brehm, der verstorbene Gustav Deutsch, das sind weitere österreichische Positionen des Found-Footage-Films, die man weltweit kennt. Wobei ich mich zu sagen traue, dass in Österreich die politische Auseinandersetzung mithilfe von Found Footage nicht so stark ausgeprägt ist, außer bei Lisl Ponger, und hier eher eine formale oder inhaltliche Auseinandersetzung zu finden ist.“
Mit dem Titel „Recycled cinema“ nutze man natürlich auch bewusst eine zeitgenössische Catchphrase. „Die Bewerbung eines Filmprogramms gehört dazu“, so Burger-Utzer. „Aber sixpackfilm war und ist immer schon ein sogenannter nachhaltiger Verleih. Wir sind der Meinung: Die Filme, die wir in den Verleih aufnehmen, behalten ihren Wert länger als für die kurze Zeit des Festivalhypes und der so genannten Kinoauswertung.“ Eine der wesentlichsten Veränderungen seit der Gründung sieht Burger-Utzer im stark gestiegenen Produktionsvolumen. Wobei sie stark für eine Geschlechterquote eintritt: „Bei Festivalwettbewerben bin ich für eine Quote, bei Förderungen auch. Wir praktizieren bei uns seit Jahren die Quote. Das beginnt bei der Auswahl der Jury, und ich möchte betonen: Die Qualität der Frauen ist da. Das heißt jene, die sich gegen eine Quote wehren, können – und das meine ich ernst – die Qualität von Anträgen offenbar nicht lesen. Das Patriarchat ist ja bei vielen – zumindest im Unterbewusstsein – noch immer die richtige Gesellschaftsordnung.“ In den Found-Footage-Filmen dieser Retro gilt diese Ordnung nicht.
