Soundtipps

Ennio, John und Phoenix

| Stephan Eicke :: Marc Hairapetian |
Legendäre Filmmusiktipps für den Herbst: Eine CD-Neuveröffentlichung von The Thing demonstriert das Genie des heuer verstorbenen Großmeisters Ennio Morricone, John Williams in Vienna spannt den berühmten Schöpfer des Star Wars-Themas mit den nicht minder berühmten Wiener Philharmonikern zusammen und Rising Phoenix untermalt mit Verve die gleichnamige Paralympics-Doku.

The Thing

Quartet Records

Ennio Morricone verstarb am 6. Juli im Alter von 91 Jahren. Der italienische Komponist — in seinem Heimatland wie ein Heiliger verehrt — zeichnete im Laufe seines Lebens für über 500 Filme und Fernsehserien musikalisch verantwortlich. Darüber hinaus schuf er zahllose Konzertwerke, arrangierte Popsongs, tourte bis kurz vor seinem Tod durch die Welt. Der Gedanke, dass der allgegenwärtige Maestro, seit den sechziger Jahren aus dem Kunst- und (Pop-)Kultur-Kreis nicht wegzudenken, jemals sterben könnte, schien bizarr. Legenden sterben nicht, wie Hans Zimmer in einem Nachruf auf sein Idol feststellte.

Zu den Weggefährten, die Morricone Tribut zollten, befand sich auch John Carpenter, dessen The Thing der Komponist 1982 untermalt hatte. Carpenter erinnerte sich: „Er hat etwas bestimmtes hinzugefügt; etwas, das ich erst nicht bemerkte und um das ich auch gar nicht gebeten hatte. Er hat dieses tiefe, tragische Gefühl hinzugefügt, dass dies das Ende ist — von allem. Mein Gott, es funktionierte. Ich war überglücklich damit.“

Kurz vor Morricones Tod hatte das spanische Label Quartet Records dessen Musik für The Thing erneut aufgelegt. Neu gemastert, in verbessertem Klang lässt sich der Score als einer der großen Würfe des Komponisten studieren. Carpenter hätte es nicht besser beschreiben können: Die Partitur ist wolkenverhangen, von einem dichten Schleier überzogen, durch den kein Lichtstrahl fällt. Ausweglosigkeit fängt Morricone mit dräuenden, dezenten Dissonanzen ein, sich langsam übereinander schichtenden Clustern, die sich dichter und dichter drängen. Den großen Gesten verweigert sich Morricone allerdings hier. The Thing ist ein atmosphärisch dichtes Tongemälde, das gerade deshalb so wirkungsvoll ist, weil es nicht ausbricht in einen wilden Klimax. Es verharrt wie ein hungriges Biest, vor dem es kein Entkommen gibt.
Stephan Eicke

 


 

Rising Phoenix

1812 Recordings

Die Dokumentation Rising Phoenix, produziert von Netflix, zeichnet die Geschichte der paralympischen Spiele nach. Komponist Daniel Pemberton hat sie eine besonders breite Leinwand geboten, auf der er sich kreativ austoben konnte. Tatsächlich zeigt kein Projekt Pembertons Vielseitigkeit so überzeugend auf wie Rising Phoenix: Neben instrumentalen Rockhymnen und minimalistischen Balladen für Klavier und Geige à la Thomas Newman bietet der farbenfrohe Soundtrack elektronisch-treibenden Bombast und elegante Sinfonik. In den besten Tracks wird all dies genüsslich verschmolzen. Nur manchmal ist es ein bisschen zu viel des Guten.
Stephan Eicke

 


 

John Williams in Vienna

Deutsche Grammophon (Deluxe Edition CD + Blu-ray)

Nachdem 2020 Ennio Morricone und Peter Thomas verstorben sind, ist John Williams der letzte Mohikaner der „Goldenen Filmmusik-Ära“. Steven Spielbergs und George Lucas’ musikalisches Alter Ego feierte am 18. Jänner mit 88 ein spezielles Debüt: Der (Spät-)Romantiker dirigierte die Wiener Philharmoniker so, als wenn er schon immer mit ihnen zusammen aufgetreten wäre. Zweiter Star-Gast des Abends: Violinistin Anne-Sophie Mutter. Es war ein im ausverkauften Großen Saal des Wiener Musikvereins auf CD/Vinyl/DVD/Blu-ray/eVideo in Dolby-Atmos-Surround-Sound festgehaltener Abend, der zur Legende werden sollte. „Hits“ wie The Imperial March aus Star Wars, aber auch unbekanntere Stücke wie Dartmoor, 1912 (War Horse) wurden werkgetreu interpretiert. Die Macht sei weiterhin mit Williams!
Marc Hairapetian