Das BFI London Film Festival 2020, das von 7. bis 18. Oktober stattfindet, ist ein willkommener Lichtblick im einem sich anbahnenden trüben Kinoherbst auf der britischen Insel. Festivaldirektorin Tricia Tuttle im Gespräch.
Es sieht nicht gut aus für das Kino im Allgemeinen und in Großbritannien im Besonderen. Seit Tagen steigen die Zahlen der Covid-19-Neu-Infektionen auch auf der Insel wieder deutlich an, werden lokale Regelungen erlassen, müssen Restaurants und Pubs auch in London bereits 22 Uhr ihre Gäste vor die Tür setzen. Kinos sind von den neuesten Maßnahmen der Regierung vorerst noch nicht betroffen. Doch die zu Beginn der Woche bekannt gegebene vorübergehende Schließung aller Cineworld-Spielstätten in UK und den USA im Zuge der (mittlerweile vierten!) Starttermin-Verschiebung des neuen James-Bond-Films No Time To Die lässt die Branche erneut zusammenzucken. Vor diese Schlechtwetter-Stimmung schiebt sich ab heute das diesjährige BFI London Film Festival, das angesichts der aktuellen Situation ähnlich wie das Locarno Festival im August zum Teil als physischer Event, zum Teil virtuell ausgetragen wird – kleiner zwar als sonst, aber mit einem beachtlichen Line-up, zu dem unter anderem Chloé Zhaos Venedig-Gewinner Nomadland gehört.
Überhaupt liest sich das schmale Programm von insgesamt 68 Langfilmen, das die Leiterin Tricia Tuttle mit ihrem internationalen Team zusammengestellt hat, wie eine Zusammenfassung der Festivals-Highlights der vergangenen Monate. Gezeigt werden unter anderem Spike Lees Konzertfilm David Byrne’s American Utopia, der kürzlich in Toronto seine Welturaufführung feierte, sowie die ersten beiden Episoden von Steve McQueens BBC-Fünfteiler Small Axe, die erst vor wenigen Tagen im Rahmen des New York Filmfestivals Premiere hatten. Mangrove, der erste Teil der Serie, bildet zudem den Auftakt des diesjährigen LFF, das heute ohne den üblichen ganz großen Glanz und Glamour am Leicester Square eröffnet wird. Es ist ein Film, der auch außerhalb der Mini-Serie ganz für sich allein stehen kann, der höchst zeitgemäß ist und von McQueen mit derselben Brillanz, Sensibilität und Intensität erzählt wird wie sein Oscar-Hit 12 Years A Slave. Der britische Ausnahmeregisseur rekonstruiert darin die Geschehnisse um den „Mangrove March“ in London 1970 sowie den darauffolgenden Prozess gegen die neun angeklagten Aktivisten, die im Zuge andauernden Polizeigewalt und -willkür gegenüber der schwarzen Bevölkerung bei der Demonstration festgenommen wurden. Tuttle, die im Gespräch gesteht, dass sie sogar kurze Zeit ein Festival ohne Eröffnungs- und Schlussfilm in Erwägung gezogen habe, begründet ihre Wahl mit einem eindringlichen Argument: „Mangrove, so wie die Small Axe-Anthologie insgesamt, könnte dringlicher und zeitgemäßer kaum sein. Als er das Projekt aufnahm, konnte McQueen ja nicht ahnen, was in diesem Jahr hinsichtlich der globalen Proteste gegen Rassismus geschehen würde. Und er hat es in Interviews immer wieder selber gesagt: Es ist unheimlich traurig, dass die Ereignisse, die er im Film beschreibt, genauso gut heute stattfinden könnten – vierzig Jahre später, und nichts hat sich geändert. Deshalb war es uns wichtig, dem Film eine größere Präsenz einzuräumen und ihn Teil der Diskussion zu machen, die um das Festival herum stattfindet.“
Auch abschließen wird das Festival mit einem Titel, der nicht nur hochkarätig besetzt ist, sondern ebenfalls, obgleich auf sanftere Weise, politisch und gesellschaftlich engagiert daher kommt: In dem Historiendrama Ammonite von Francis Lee stellen Kate Winslet und Saoirse Ronan die Liebesgeschichte zwischen der legendäre Paläontologin Mary Anning und ihrer Zofe nach und stacheln sich dabei gegenseitig zu darstellerischen Höchstleistungen auf. Aber auch jenseits der großen Namen kommen die großen Themen beim LFF nicht zu kurz. Das ist bereits der ungewöhnlichen Struktur des Programms zu verdanken, dessen Sektionen sich nach Schlagwörtern wie „Liebe“, „Reise“, „Familie“, „Debatte“, „Wagnis“ oder „Kult“ unterteilen. Und auch wenn es in diesem Jahr keine Wettbewerbe, keine Jury und in dem Sinne keine Konkurrenz gibt, war es dem Festival wichtig, diese thematischen Richtlinien beizubehalten. „Wir wollten kein Programm machen, das irgendwelchen Hierarchien oder Abstufungen unterliegt,“ erklärt Tuttle mit einem Hauch von Erleichterung im Blick. „Wir wollten den Fokus auf die Freude am Entdecken lenken, und in der Hinsicht haben sich unsere thematischen Kategorien in den letzten Jahren bei Publikum als äußerst dankbare Orientierungshilfen erwiesen.“
Wirft man gleichzeitig einen Blick auf die Anzahl der Filme pro Kategorie, fällt beispielsweise auf, dass es in diesem Jahr wohl eindeutig weniger zu lachen gibt, denn in der Sektion, in der es genau darum gehen soll, sind mit Miranda Julys Kajillionaire, Małgorzata Szumowskas Never Gonna Snow Again und Honeymood, dem zweiten Film der israelischen Regisseurin Talya Lavie, heuer lediglich drei Werke vertreten. Und auch mit „Kult“-Filmen sieht es wohl eher mau aus, obwohl Andrea Riseborough als übernatürliche Auftragskillerin in Brandon Cronenbergs neuem Film Possessor sowie Emily Mortimer in dem Psycho-Horror-Streifen Relic einiges an intensiver Leinwandpräsenz versprechen.
Im Vergleich dazu platzt die „Reise“-Reihe geradezu aus allen Nähten und sorgt mit Thomas Vinterbergs Another Round, Regina Kings One Night in Miami und einer kleinen, aber äußerst liebevoll gefilmten Fernseharbeit von Kore-eda Hirokazu für weitere Highlights im Programm. Letztere ist kaum 45 Minuten lang und dreht sich um die Schauspielerin Kasumi Arimura, die darin eine charmante fiktionale Version von sich selbst spielt, während der japanische Regisseur seine leise Virtuosität auch im TV-Format zu präsentieren versteht.
Am spannensten jedoch geht es in der Sektion zu, die sich der Diskussion und Auseinandersetzung verschrieben hat. Hier stehen sich so unterschiedliche Arbeiten wie Fernanda Valadez‘ atmosphärisch dichtes Migrantendrama Identifying Features und die lebendige Michael Jordan-Doku One Man and His Shoes von Yemi Bamiro gegenüber, trifft die HBO/BBC-Finanz-Serie Industry, bei der unterem Lena Dunham Regie führte, auf das tschechische Epos Shadow Count von Bohdan Slámas, und gehen McQueens Mangrove und Ken Feros Dokumentation Ultraviolence Hand in Hand, die beide mit einer Wut und einer Wucht über die Missstände in unserer Gesellschaft agieren, dass die Wirkung ihrer Filme noch lange nachhallt – ganz gleich, ob man sie nun auf der Leinwand zu sehen bekommt, oder auf dem Bildschirm am Laptop daheim auf dem Sofa.
Die Gefahr, dass das LFF im Laufe seiner zwölftägigen Dauer tatsächlich komplett auf Online-Filmvorführungen umschalten muss, ist und bleibt eine reale. Das weiß auch Tuttle nur zu gut, und doch bleibt sie optimistisch: „Wir wussten von vornherein, dass das Risiko besteht, und wir arbeiten eng mit den beteiligten Kinos zusammen, um für alle das Beste aus der Situation zu machen. Unsere Partnerschaft mit den Kinos ist in diesem Jahr eine andere, die nicht dem üblichen Teilungsmodel im Hinblick auf die Einnahmen entspricht. Sollten also unsere Spielstätten während des Festivals schließen müssen, tragen wir die Lasten alle gemeinsam. Aber ich hoffe, dazu kommt es nicht. Ich hoffe, dass wir es gerade so schaffen, durchzukommen.“
Gerüstet mit Sicherheitsprotokollen, die dem absolut höchstmöglichen Standard entsprechen, geht das LFF heute in Startposition. Aber auch wer nicht vor Ort ist oder derzeit lieber im Heimkino Filme schaut, kann in diesem Jahr entspannt aus der Ferne am Festival teilnehmen. Und das Beste: Alle Kurzfilme sind innerhalb Großbritanniens kostenlos zugänglich, während die Beiträge aus der „LFF Expanded“-Reihe, in der aktuelle VR-Projekte, 360-Grad-Filme und neuerdings auch virtuelle, immersive Kunst gezeigt werden, nicht nur frei, sondern zudem auch ohne Geoblocking weltweit verfügbar sind. Es gibt also trotz allem weiterhin gute Gründe zur Freude und Zuversicht, selbst unter erschwerten Sichtungsbedingungen und in bitteren Kinozeiten wie diesen.
