Wir beide / Deux - Film

Filmkritik

Wir beide

| Alexandra Seitz |
Empathisches Liebesdrama, das spannend und präzise vom hohen Preis einer Lebenslüge handelt

Während einer Reise nach Rom, es ist schon sehr, sehr lange her, haben Mado und Nina einander kennen- und lieben gelernt und sind zusammen geblieben. Obwohl Madeleine verheiratet war, Sohn und Tochter hatte. Mittlerweile ist der Ehemann schon Jahre tot und Mado hat einen Enkel, der bereits zur Schule geht. Doch Rom ist der Fluchtpunkt und Sehnsuchtsort der beiden Frauen geblieben – und nun wollen sie, die inzwischen in ihren Siebzigern sind, endlich dorthin, um wenigstens ihren Lebensabend ohne Heimlichkeit gemeinsam zu verbringen. Mado muss ihren Kindern nur noch die Wahrheit sagen. Doch dann geschieht, wie so oft, das Unvorhergesehene, und was zuvor noch als recht gut gefügtes und einigermaßen abgesichert zusammengelogenes Konstrukt erschien, erweist sich als Falle.

Filippo Meneghettis Spielfilmdebüt Deux ist voller nuancierter, subtiler, verborgener, verheimlichter, getarnter Gefühle. Zugleich ist Deux ein Film der großen dramatischen Gesten, des Alles oder Nichts, des Jetzt oder Nie. Denn Ninas Status sinkt herab auf den einer freundlich sich um Mado kümmernden Nachbarin, die auf derselben Etage im Apartment gegenüber wohnt; der jederzeit mögliche Zutritt zur eigentlich gemeinsam bewohnten Wohnung bleibt ihr nunmehr verwehrt; die Türen auf dem Treppenabsatz, die zuvor immer offen standen, werden geschlossen. Es ist dies ein systemischer Shutdown, der die Jahrzehnte lang verschwiegene Geliebte dazu zwingt, die Stimme zu erheben und zu kämpfen. Und sie kämpft wie die sprichwörtliche Löwin. Weswegen Deux nicht nur ein ernstliches Familiendrama ist, sondern auch ein ziemlich spannender Liebesfilm, der inszenatorisch Elemente des Thrillers aufgreift und mit Codes des Suspense arbeitet. Dass die Ereignisse in der Folge geradezu tragödische Dimensionen annehmen, liegt auch daran, dass mit der Offenlegung der Lebenslüge der Mutter zugleich die erinnerte Wirklichkeit ihrer Kinder zerbricht: Was diese für die Realität ihres Aufwachsens gehalten hatten, erweist sich mit einem Mal als Trugbild. Die Gegenwehr fällt vehement aus.

Deux ist kein Friede-Freude-Eierkuchen-Werk, das in der These „Rettung durch Liebe“ sein leichtes Ziel und Ende findet. Vielmehr gelingt Meneghetti ein von Solidarität und Empathie geprägtes Porträt des Gefühls der Sehnsucht: Der Sehnsucht der Geliebten nacheinander, der Sehnsucht der Kinder nach der Mutter, vor allem aber der Sehnsucht nach Aufrichtigkeit und Wahrheit im eigenen Leben.