Barbara Sukowa, deutscher Bühnen- und Filmstar seit Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“, im Gespräch über ihre Rolle in Filippo Meneghettis „Wir beide“, über den weiblichen Blick im Kino und über die Faszination New Yorks, wo sie seit vielen Jahren lebt.
Ihre Figuren sind oftmals selbstbewusste, mutige Rebellinnen zwischen Zorn, Würde und moralischer Stärke. Zur gefeierten Schauspielerin wurde Barbara Sukowa als Mieze in Rainer Werner Fassbinders Fernsehserie Berlin Alexanderplatz (1980) nach Alfred Döblins gleichnamigem Roman und als Luxus-Prostituierte Lola, ebenfalls bei Fassbinder. Sukowa wurde 1950 in Bremen geboren und stand nach dem Besuch des Max-Reinhardt-Seminars in Berlin oft im Theater auf der Bühne. In den achtziger Jahren startete die Künstlerin zudem eine zweite Karriere als Sängerin. Ihre bislang letzten großen Rollen hatte die vielfach ausgezeichnete Darstellerin in Produktionen von Margarethe von Trotta als Hildegard von Bingen und als Hannah Arendt. In dem Film Wir beide von Filippo Meneghetti spielt Barbara Sukowa eine ältere Frau, die in einer lesbischen Beziehung lebt.
Sie haben im Laufe der Jahrzehnte gleichermaßen mit Regisseurinnen und Regisseuren gearbeitet. Was ist anders, wenn ein Mann einen Film über die Liebe zweier Frauen macht?
Barbara Sukowa: Ich werde immer wieder nach den Unterschieden befragt, aber das war für mich nie ein Thema. Für mich zählt einzig und allein, ob jemand Talent hat. Auffallend finde ich, dass homosexuelle Männer Frauenfiguren besonders einfühlsam beschrieben haben, aber anders. Hier hat mich gereizt, dass ein junger heterosexueller Mann diese Liebesgeschichte zwischen zwei älteren homosexuellen Frauen machen wollte. Filippo hat knapp sechs Jahre an der Finanzierung gearbeitet, und danach konnte es auch nicht gleich losgehen, weil ich wegen Dreharbeiten zu einer Serie längere Zeit okkupiert war und meine Kollegin Martine Chevallier erkrankte. Aber er hat auf uns gewartet. Daran habe ich gemerkt, dass er wirklich an uns als Schauspielerinnen und an diesem Stoff interessiert war.
Der weibliche Blick im Kino hat Sie gleichwohl stark geprägt. Sie haben viel mit Margarethe von Trotta zusammengearbeitet.
Barbara Sukowa: Wir sind beide neugierig, behaupten nicht zu Beginn der Dreharbeiten, dass wir alles wissen und lesen gerne über geschichtliche Hintergründe. Zudem haben wir uns eine gewisse Offenheit bewahrt und gehen auch mal Risiken ein wie mit dem Film Hannah Arendt. Und Margarethe war Schauspielerin. Sie weiß, was man als Schauspielerin für Probleme hat und wie man mit einer Schauspielerin umgeht.
Als Margarethe von Trotta in den achtziger Jahren mit Angela Winkler und Hanna Schygulla „Heller Wahn“ drehte – auch eine Liebesgeschichte zweier Frauen – war Homosexualität noch tabuisiert. Der Film wurde von der überwiegend männlichen Kritik hämisch aufgenommen. Hätten Sie sich auch damals schon vorstellen können, eine lesbische Frau zu spielen?
Barbara Sukowa: Ich hätte Nina immer spielen können. Berührungsängste hatte ich nie. Allerdings hat mich gerade Meneghettis Geschichte gereizt, weil die Heldinnen schon älter sind. Geschichten mit jungen Lesben bergen die Gefahr, Männer zu stimulieren. Bekanntlich überkommen viele Männer erotische Gefühle, wenn sie zwei Frauen zusammen sehen. Bei älteren Frauen geht es nicht mehr so sehr um den Körper, vielmehr um Intimität und Liebe, das ist was ganz Universelles.
Wie stehen Sie überhaupt zu Intimität und Sex vor der Kamera?
Barbara Sukowa: Zum Glück bin ich auch aus dem Alter raus, dass man mich das nicht mehr oft fragen wird. Aber generell kommt es darauf an, ob so eine Szene mir unerlässlich erscheint. Wenn ich eine romantische Beziehung zwischen zwei Menschen zeigen will, ist mir es lieber, dass mir ein bisschen Freiraum für meine eigene Phantasie gelassen wird und ich nicht den Leberfleck und die Haare sehen muss, wo ich sie nicht sehen will. Wenn es um eine realistische Geschichte geht, wo ich die Haut und alles, was damit zu tun hat, brauche, dann würde ich das machen.
Was für eine Frau ist die Nina in „Wir beide“?
Barbara Sukowa: Nina ist eine komplexe Figur. Anfangs macht sie einen sehr mutigen Eindruck. Sie hat keine Angst, ihre Liebe zu zeigen und hat viel in diese Liebesbeziehung investiert. Sie ist aus der Großstadt in die Provinz gezogen, das ist ein Opfer für die Freundin. Und seit Jahren hofft sie, dass Madeleine endlich ihren Kindern von ihrer heimlichen Beziehung erzählt. Aber Madeleine schweigt noch nach dem Tod ihres Mannes. Und als dann Madeleine nach einem Schlaganfall von ihren Kindern abgeschirmt wird, respektiert Nina diese Kontaktsperre, weil sie sich einen Liebesbeweis wünscht und das Gefühl hat, dass Madeleine selbst mit ihren Kindern reden sollte.
Eine Ihrer erfolgreichsten Filmfiguren war die Marianne in „Die bleierne Zeit“. Die war in ihrer Entschiedenheit noch radikaler. Wie sehen Sie sie nach so langer Zeit?
Barbara Sukowa: Puh, das ist so lange her! Vor einiger Zeit hat sich mein jüngster Sohn, der in New York studiert und Regisseur werden will, mit ein paar Freunden den Film angeschaut. Ich konnte mir nicht so recht vorstellen, dass 25-Jährige so ein altes Werk und ein so deutsches Thema interessieren würde und war gespannt auf die Resonanz. Tatsächlich waren die jungen Leute begeistert. Das hat mich gewundert. Ich sollte mir den Film wohl nochmal anschauen.
Sie leben seit vielen Jahren in New York. Was fasziniert Sie an dieser Metropole?
Barbara Sukowa: Ein großer Teil meiner Familie lebt in New York, und ich habe in keiner anderen Stadt solange gelebt, da bleibt man dann irgendwann. Ich wohne in einem faszinierenden Stadtteil in Brooklyn. In meiner kleinen Straße gibt es eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee, und es leben viele verschiedene Menschen, nicht unbedingt miteinander, aber doch friedlich nebeneinander. Man hat das Gefühl, in New York ist noch nicht alles so fertig, es sieht immer noch so aus, als könnte irgendwann nochmal was Neues kommen.
Manche Kolleginnen wie beispielsweise Corinna Harfouch sagen, dass sie momentan nicht verwöhnt sind, was eine anspruchsvolle Regie angeht. Wie ist das bei Ihnen?
Barbara Sukowa: Ich habe immer eine gute Hand bei der Auswahl meiner Projekte gehabt. Man denkt zwar, ich hätte viele Filme gedreht, aber eigentlich sind es doch recht wenige. Zum Glück geht es für mich beim Film nicht darum, über die Runden zu kommen. Ich kann mich immer auf die Anfragen konzentrieren, die mir als eine Chance, als etwas Gutes erscheinen. Vor langer Zeit hat mir meine Agentur gesagt, ich solle mal was Kommerzielleres machen für die Leute, nicht immer nur Arthouse. Da habe ich mal versucht, was zu machen, was populär war, das war aber eine Ausnahme. Natürlich ist das immer ein Risiko, besonders, wenn man mit Erstlingsregisseuren arbeitet.
Was für ein Selbstverständnis haben Sie von Ihrem Beruf als Schauspielerin? Die Positionen gehen ja weit auseinander: Nehmen wir den Regisseur Robert Wilson, der sagt, Schauspiel sei immer etwas Künstliches, weshalb er es auch immer künstlich inszeniert. Isabelle Huppert sagt, sie spielt keine Rolle, sondern sie ist die Person, die sie gerade verkörpert. Und dann gibt es die Haltung des Method Acting, die verlangt, ein Schauspieler müsse selbst unbedingt erlebt haben, was er spielt.
Barbara Sukowa: Ich traue keiner dieser drei Aussagen. Natürlich: Ein Schauspieler ist immer ein Schauspieler, das weiß man, wenn man einen Film schaut. Zum Method Acting: Ich muss nicht erlebt haben, dass ich jemanden umgebracht habe, ich muss auch nicht erlebt haben, dass ich ein Hochstapler bin, das stimmt nicht. Man kann versuchen, es sich vorzustellen. Und natürlich ist Isabelle Huppert in dem Moment die Figur, wenn sie sie verkörpert, denn es ist ja kein anderer da. Aber es sind doch nur verschiedene Bruchstücke, die man von sich selber einbringt, Phantasie, und das macht man dann zu etwas. Es ist, wie wenn Kinder spielen. Wenn ein Kind mit seinem Puppenhaus spielt, dann spielt es, was es gesehen hat von seinen Eltern oder was es gehört hat, aber in dem Moment ist es völlig drin.
Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation von Schauspielerinnen in Ihrem Alter?
Barbara Sukowa: Ich glaube, die vielen Fernsehserien haben sich diesbezüglich positiv ausgewirkt, weil man da doch öfter ältere Frauen sieht. Und wir sind ja auch Konsumentinnen und Kinogängerinnen, das hat die Filmwirtschaft spitz gekriegt. Trotzdem meinen in Amerika immer noch viele Schauspielerinnen, sie müssten sich künstlich verjüngen, um präsent zu bleiben.
Wir beide
Empathisches Liebesdrama, das spannend und präzise vom hohen Preis einer Lebenslüge handelt

