David Bernet und Susanne Binninger. Foto: AG DOK

20 Jahre dok.at | Interview

LETsDOK

| Harald Friedl |
Die AG DOK ist sozusagen das deutsche Pendant zu dok.at, aber doppelt so alt. Ein Gespräch mit den beiden Vorsitzenden der AG über die aktuelle Situation des Dokumentarfilms in Deutschland und künftige Herausforderungen.

Die deutsche AG DOK erklärte den 19. September 2020 zum Tag des Dokumentarfilms. Über 120 Veranstaltungen in gesamten Bundesgebiet waren der Start einer Kampagne, die den Dokumentarfilm als Genre feiert und seine Vielfalt und Relevanz aufzeigt. Die AG DOK kämpft aber auch für die Verbesserungen der Produktionsbedingungen. Der Problemstau ist enorm, die Entschlossenheit, dagegen anzugehen, stark. Das Gespräch mit der seit Februar im Amt befindlichen „Doppelspitze“ der AG DOK, Susanne Binninger und David Bernet, führte Harald Friedl, Obmann von dok.at.

 

Gratulation! Ihr seid doppelt so alt wie wir. Die AG DOK gibt es seit 40, dok.at seit 20 Jahren. Wir haben 120 Mitglieder, ihr über 900. Aber wir haben ähnliche Anliegen und ähnliche Probleme. Ihr sagt in einem Interview mit der Zeitschrift „Auslöser“ des Filmverbandes Sachsen, dass die Lage der Dokumentarfilmschaffenden immer schwieriger wird.

Susanne Binninger: Wir haben unter unseren Mitgliedern Daten erhoben und Medienforscher Jörg Langer hat sie ausgewertet. Daraus können wir ersehen, dass die ökonomische Situation von Dokumentarfilmerinnen und –filmern nicht besser, sondern eher schlechter wird. Im Grunde können nur wenige davon leben. Die meisten von uns sind wie Gemischtwarenläden. Das Filmen wird über Lehrtätigkeit, über andere Beschäftigungen in der Branche oder über branchenfremde Arbeit querfinanziert.

David Bernet: Dabei hat Deutschland, was das Produktionsvolumen betrifft, wahrscheinlich den größten nationalen Dokumentarfilm-Markt überhaupt. Aber es herrscht eine gewisse Ignoranz, was den Wert und die Kosten von Dokus betrifft. Wir hören, dass die Budgets einiger Sender kontinuierlich gesunken sind und trotzdem gleich viele Produktionen hergestellt werden. Den Produktionsfirmen wird gesagt: Werdet kreativ, ihr bekommt das mit weniger Geld schon hin. Oder: Das ist alles, was wir im Budget haben, mehr gibt es nicht. Den Rest müsst Ihr irgendwoher organisieren. So hat sich eine Mentalität der Billig-Produktion eingeschlichen, die uns sehr geschadet hat. In eine kreative Doku, die ins Kino soll, investieren wir als Filmschaffende aber ungefähr zwei Jahre – was in den Budgets nicht abgebildet ist.

Binninger: Der durchschnittliche Tagessatz für Buch und Regie ist geringer als der von Kamera und Ton. Wir müssten rechnen, aber wir tun es nicht. Wir müssen die erschreckenden Zahlen unserer Tagessätze endlich zur Kenntnis nehmen.

Bernet: Wir appellieren an die Dok-Filmschaffenden, betriebswirtschaftlich zu denken. Das liegt nicht in der  Natur idealistischer Menschen, aber wir schaden uns, wenn wir es unterlassen. Alle im Dokumentarfilm – Kamera, Regie, Buch, Schnitt und Produktion – akzeptieren zu schnell, weit unter dem in der Branche üblichen Preis für fiktionale Produktionen bezahlt zu werden. Vielleicht müssen wir einen Film weniger machen und dafür nur einen, der aber besser bezahlt wird. Die Branche kann entscheiden, ob sie immer mehr für immer weniger produziert oder ob sie mehr Augenmerk auf die Qualität legt und auch schmerzhafte Konsequenzen zieht, die unserer idealistischen Einstellung weh tun.

 

Welche Ziele verfolgt ihr konkret mit der Image-Kampagne LETsDOK?

Binninger: Unsere Kampagne hat den Dokumentarfilm sichtbarer gemacht. Wir wollten uns zum 40-Jahre-
Jubiläum der AG DOK nicht einfach feiern, sondern wir haben einen bundesweiten Dokumentarfilm-Tag als partizipatives Format ausgerufen. Kinos, Kulturvereine, Private waren aufgerufen, dokumentarische Filme zu zeigen, die meistens in Events oder Filmgespräche eingebettet waren. Wir hatten 120 Filme in 80 Kinos und über 50 Events, von denen einige ziemlich spektakulär waren. Im Radstadion in Köln zum Beispiel wurde Space Dogs von Elsa Kremser und Levin Peter vor Publikum gezeigt, das seine Hunde mitnehmen durfte. Auf dem Ebert-Platz in Köln, in Wohnzimmern, in Scheunen und im einzigen Autokino der ehemaligen DDR wurden Filme gezeigt, es wurde auf Hauswände projiziert. So haben wir die Vielfalt unseres Genres präsentiert und gesehen, dass es eine Wertschätzung gibt, die wir abholen können. Das gibt uns die Hoffnung, für unser Genre, das wir so lieben und für das wir streiten, mehr Geld und Kräfte mobilisieren zu können. Das Genre Dokumentarfilm trifft offenbar doch den Nerv der Zeit. Eine Gesellschaft, die über sich nachdenken will und muss, kann das am besten mittels Dokumentarfilmen.

 

Es gibt ja grundsätzliche Unterschiede in der Filmfinanzierung zwischen Österreich und Deutschland.

Bernet: In Deutschland bekommt man im Unterschied zu Österreich ohne Fernsehen kaum einen Dokumentar-film finanziert. Der lange kreative Dokumentarfilm hat es allerdings dort schwer. Was wir aber auch festgestellt haben, ist, dass die Dokumentarfilm-Festivals in den letzten Jahren einen Riesen-Boom erzeugt haben. Das Publikum ist da, es kommt nur nicht über das Fernsehen. Es kommt zu Festivals im Zusammenhang mit einem Event oder online. Und wir dürfen nicht nur darauf hoffen, dass sie die Verhältnisse zum Besseren wenden, wir müssen sie mitgestalten. Dafür ist auch LETsDOK ein Instrument.

 

Ist es eigentlich in Deutschland auch so, dass die größeren, teureren Dokumentarfilme überwiegend von Männern gemacht werden?

Binninger: Ja. In der AG DOK ist zwar das Verhältnis Männer-Frauen 50:50, bei der Zahl der realisierten Filme auch ungefähr, aber die teureren Film werden überwiegend von Männern gemacht.

Bernet: Je teurer eine Produktion, desto weniger Frauen sind dabei. Ich bin auch in der Non-Fiktion-Jury beim Festival in Zürich und stelle dort das Gegenteil fest: Die teuersten Produktionen in der Schweiz werden von Autorinnen und Regisseurinnen realisiert. Dort haben sich die Verhältnisse umgedreht. In Deutschland gibt es einen Abfall des Frauenanteils nach der Filmschule. Frauen arbeiten eher in einfacheren, billigeren Produktionen. Eine Analyse legt nahe, dass es am wirtschaftlichen Risiko liegt. Es mag was damit zu tun haben, dass Frauen vielleicht Kinder haben oder Männer vielleicht selbstständiger agieren, schwer zu sagen. Sicher hat man bei einer Fernsehproduktion nach drei bis vier Monaten sein Geld. An einem kreativen Dokumentarfilm arbeitet man zwei bis vier Jahre, das wirtschaftliche
Risiko ist also sehr hoch. Dieses Risiko können nur relativ unabhängige Menschen tragen oder welche, die Geld auf der Seite haben. Das sind offenbar weniger Frauen. Diesen Rückschluss muss man schon ziehen. Nur eine Quote anzusetzen reicht nicht, die Sozialverträglichkeit muss genauso beachtet werden.

Binninger: Frauen tendieren dazu, weniger Geld zu fordern, Männer fordern mit größerem Selbstverständnis höhere Gagen. Dieser Mechanismus verselbständigt sich und bestätigt sich dann natürlich auch – wir bekommen auch weniger Geld angeboten. Und wenn ich zu wenig verdiene, mache ich erst recht keinen langen Dokumentarfilm mehr. Denn das kann ich mir schlichtweg nicht leisten.

 

Aber würden Begründungen wie höheres Risiko und Unterschied im Selbstverständnis nicht auch auf die Schweiz zutreffen?

Binninger: Die Verhältnisse in der Schweiz kann ich nicht beurteilen. Was aber die Geschlechtergerechtigkeit angeht, müssen wir an mehreren Enden ansetzen: In den Köpfen vor allem auch der Frauen muss es ein Bewusstsein geben über den Wert ihrer kreativen Arbeit. Wir müssen immer noch rechnen lernen: Wieviel brauche ich als Selbstständige, nicht nur, um überleben zu können, sondern auch um Rücklagen zu bilden, eine Altersvorsorge zu finanzieren, usw.? Und am anderen Ende müssen die Finanzierungspartner, also Sender und Förderungen, Dumping-Kalkulationen nicht nur zurückweisen, sondern auch mit an der Etablierung von Sozialstandards wie zum Beispiel angemessenen Gagen arbeiten. Wir brauchen hier eine Regulierung in Form von Branchenlösungen. Das anzuschieben ist einer unserer Schwerpunkte als AG DOK-Vorsitzende.    

Bernet: Das Risiko wird kleiner, je höher und sozialverträglicher der Verdienst einzuschätzen ist. Den Zusammenhang mit Geschlechtergerechtigkeit entdecken wir gerade erst. Den gilt es weiter auszuloten. Wir sind insgesamt um angemessenere Budgets und sozialverträgliche Gagen bemüht. Ich glaube auch, dass unser geliebtes Genre nur gewinnen kann, wenn verstanden wird, dass unsere Filme und unsere Arbeit auch entsprechend kosten.