Unterhaltsames und politisch engagiertes Ensemblekino am Puls der Zeit
Zeitgemäß, aktuell und relevant sind Worte, die gerade schwer im Umlauf sind, immer wenn es im Kino oder auf dem TV-Bildschirm um Gerechtigkeit geht. Überhaupt scheinen auch Gerichtsdramen wieder einmal Konjunktur zu haben – vor allem solche, die die Definition eines Rechtsstaates und die Freiheit seiner Bürger als Zeichen des Widerstands auf die Straße zu gehen in Frage stellen. Unlängst hat Steve McQueen mit dem Piloten zu seinem BBC-Fünfteiler Small Axe einen trefflichen Kommentar zu den jüngsten Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt geliefert. Darin rekonstruiert der britische Regisseur die Ereignisse um den „Mangrove March“ in London 1970 sowie den darauf folgenden Prozess gegen die neun angeklagten Aktivisten, die im Zuge von Polizeigewalt und -willkür gegenüber der schwarzen Bevölkerung bei der Demonstration festgenommen wurden. Inszeniert als so unterhaltsames wie fesselndes Gerichtsdrama mit Vorgeschichte und Rückblenden, gelingt es McQueen aus den historischen Tatsachen heraus einen bewusst gegenwärtigen Film zu machen, der im Fernsehformat ebenso gut funktioniert wie auf der großen Leinwand.
Einem ähnlichen Muster folgt Aaron Sorkin in seiner Netflix-Produktion The Trial of the Chicago 7, wenn auch mit sichtlich höherem Budget und einem dementsprechend prominenteren Ensemble, das sich dem ungeniert parteiischen Drehbuch des Regisseurs mit Inbrunst und aus Überzeugung annimmt. Vor allem Mark Rylance läuft als Verteidiger William Kunstler immer wieder zu famosen Höchstformen auf, während Sacha Baron Cohen eine überrascht unaufgesetzte Darstellung des anarchischen Yippie-Aktivisten Abbie Hoffman meistert. Eddie Redmayne spielt sich engagiert und unaufdringlich weiter in die Herzen Hollywoods, Joseph Gordon-Levitt überzeugt als eloquenten Staatsanwalt Richard Schultz und Frank Langella sorgt auf dem Richterpodest in gewohnter Perfektion für Ruhe und Ordnung im Saal.
Konkret geht es in Sorkins Film um die Aufarbeitung eines prominenten Gerichtsprozesses rund um die Ausschreitungen infolge der Anti-Vietnam-Proteste in Chicago Ende der sechziger Jahre. Auslöser für die Ereignisse, die der Film lose nachzeichnet, ist der Parteitag der Demokraten in besagter Metropole im Jahre 1968. Angesichts des fortschreitenden Krieges in Südostasien und den immer stärkeren Verlusten auf amerikanischer Seite mobilisieren sich diverse linke Gruppen, um auf den Straßen rund um das Tagungsgebäude für die Beendigung des Krieges zu demonstrieren. Die anfangs friedliche Atmosphäre kippt jedoch bald und es kommt zu blutigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. In Folge werden der Black-Panther-Anführer Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II) und sieben weitere Männer, später als die „Chicago Seven“ bekannt, der Verschwörung und Anstiftung zur Gewalt angeklagt und in einem Präzedenzfall der Öffentlichkeit vorgeführt, der dazu führte, dass Seale wegen Verachtung des Gerichts zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die übrigen sieben werden von dem von Rylance verkörperten Bürgerrechtsanwalt vertreten, der es nicht nur dem jungen, verbissenen Staatsanwalt, sondern auch dem verantwortlichen urkonservativen Richter alles andere als leicht macht, den Prozess unverzüglich und zu dem von der Generalstaatsanwaltschaft gewünschten Ende zu führen.
Die Tatsache, dass hier alle sieben Männer gleichzeitig auf der Anklagebank sitzen, die zum Teil unterschiedlicher und gespaltener kaum sein könnten, ist Sorkins großer Trumpf, den er in gewohnt cleverer Manier in bisweilen ungeniert klischeehaften Charakterzeichnungen und schnittigen Dialogen auszuspielen weiß. Der engagierte Idealist Tom Hayden (Redmayne) beispielsweise hat wenig übrig für die verpeilten Youth-International-Party-Mitglieder Hoffman und Jerry Rubin (Jeremy Strong), die vor ihrer Verhaftung noch das Bauen von Molotowcocktails lehrten. John Carroll Lynch gibt den ruhig-radikalen Pazifisten David Dellinger als Vaterfigur in einem Hühnerhaufen und die zwei profillosen Mitstreiter John Froines und Lee Weiner haben nicht wirklich eine Ahnung, warum sie überhaupt vorgeladen wurden – aber war soll’s, für einen überzeugten Widerstandkämpfer ist bei einem Prozess wie diesem dabei zu sein alles.
The Trial of the Chicago 7 erweist sich am Ende als genau so zeitgemäß, aktuell und relevant wie der Film sein will. Sorkin steht gemeinsam mit McQueen an der Frontlinie eines Konflikts, der so alt wie neu und fortwährend ist. Für ein Land, das so sehr auf den Anspruch auf Meinungsfreiheit beharrt, besitzen die Vereinigten Staaten bis heute ein extrem gespaltenes Verhältnis zum Akt des öffentlichen Protests. Eingehüllt in ein kurzweiliges, politisch relevantes Stück Ensemblekino, untersucht Sorkins Film auf geschickte Weise Vergangenheit und Gegenwart in einem und bewegt sich damit klug und Oscar-gerecht am Puls der Zeit.
