Die Viennale steht in diesem Jahr unter dem Eindruck der Corona-Krise, von der man sich aber nicht unterkriegen lassen will. Eröffnet wird mit Susanna Nicchiarellis mutigem Biopic „Miss Marx“.
Miss Marx ist die Tochter des großen Philosophen, aber eine Kämpferin aus ganz eigener Kraft. Eine politische Denkerin, Arbeiterführerin und frühe Feministin, die ihrer Zeit nicht nur voraus war, sondern in Susanna Nicchiarellis Biopic fast zeitlos modern im Leben steht. Das Kühne, Eigenwillige, Freigeistige an ihr versucht die Regisseurin einzufangen und zum Ausdruck zu bringen, in dem sie Eleanor Marx, die 1883 am Grab ihrer toten Vaters steht, getragen von den donnernden Klängen der Neo-Punk-Band Downtown Boys, in den Film einführt. Die Laudatio, die sie anschließend auf ihren Herrn Papa hält, ist so eloquent wie aufschlussreich, und eignet sich hervorragend, um die weiteren Akteure in dem diesjährigen Viennale-Eröffnungsfilm vorzustellen.
Da wäre zunächst einmal der enge Familienfreund Friedrich Engels, ohne den ein Film über Marx unmöglich erscheint und der hier von John Gordon Sinclair hinter einem angemessen dichten Bart vertreten wird. Dazu kommen die treue Haushälterin Helene (Felicity Montagu) und der Schriftsteller Edward Aveling (Patrick Kennedy), mit dem Eleanor ein Jahr später eine freie Ehe eingehen wird. Nicchiarelli erklärt die Liebe und Lebensgemeinschaft zwischen den beiden folglich rasch zum Epizentrum ihres Films, um daran das Menschliche und die persönlichen Grenzen ihrer schillernden Heldin aufzuzeigen: Eleanor Marx mag eine kluge, zukunftsgewandte Sozialistin gewesen sein, im Privatleben blieb sie jedoch letztendlich im engen Korsett der viktorianischen Zeit stecken.
Dieser schmerzlichen Erkenntnis setzt Nicchiarelli, die sich nach ihrem hervorragenden Porträt Nico, 1988 langsam als Spezialistin für starke und stark gebrochene Frauen herauskristallisiert, eine dementsprechend so gewagte wie angreifbare Inszenierung entgegen, die man allein für eine kleine, aber famose Tanzszene im dritten Akt sowie dem unerschrockenen Spiel von Romola Garai gesehen haben muss.
Frauen und Freiheit, das sind auch über Miss Marx hinaus zwei der großen Themen des diesjährigen Festivals, das unter strengen Auflagen im Hinblick auf die derzeitige Situation um Covid-19 bis zum 1. November läuft. Überhaupt ist es schön, so viele Regisseurinnen im Programm vertreten zu sehen, darunter auch die Venedig-Gewinnerin Chloé Zhao. Mit ihrem dritten Spielfilm hat sie einen der stärksten, schönsten und wärmsten Filme dieses Jahres vorgelegt und Francis McDormand damit ihrem ersten großen Auftritt nach dem Oscar-Gewinn für Three Billboards Outside Ebbing, Missouri geschenkt, der sie, wenn noch irgendetwas in dieser Welt mit rechten Dingen zugeht, gleich erneut ins Rampenlicht der Oscars rücken dürfte. McDormand spielt hier eine moderne Aussteigerin, die nach dem Tod ihres Mannes in ihrem Bus durch das ländliche Nevada zieht. Der Ort, in dem sie zuvor lebte, wurde angesichts des mangelnden Absatzes der Gipsplattenindustrie, die in der Region dominierte, von der Karte gestrichen, und so muss Fern sich mit sich und ihrem Leben neu plötzlich noch einmal ganz neu arrangieren – keine einfache Sache, wie McDermand mit jedem Blick, jeder Geste und einem eindringlichen, emphatischen Schweigen deutlich macht.
Neben dem Berlinale-Liebling First Cow von Kelly Reichardt und Mona Fastvolds The World to Come sei an dieser Stelle, wenn wir schon über Frauen reden, auch der dritte Film der US-Amerikanerin Eliza Hittman empfohlen, der in Berlin im Februar zu Unrecht nicht den Hauptpreis verliehen bekam. Der Goldene Bär ging damals an den Iraner Mohammad Rasoulof für seinen durchwachsenen Episodenfilm There is No Evil, den Eva Sangiorgi ebenfalls für das schmalere, aber feine Programm der diesjährigen Viennale gewinnen konnte. Doch Never Rarely Sometimes Always, für den es immerhin den Großen Preis der Jury gab, ist insgesamt der spannendere, in sich stimmigere Film. Hittman beobachtet darin auf leise, respektvoll einfühlsame Weise eine 17-Jährige aus der amerikanischen Provinz, die sich gemeinsam mit ihrer Cousine auf den Weg nach New York macht, um dort eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Kaum jemand hat sich dem Thema bisher so sensibel, unverblümt, vielschichtig und frei genähert, und es ist immer wieder eine große Freude zu beobachten, wie die Regisseurin in ihren Filmen Poesie und Realismus zusammenbringt, um mit einem ausgeprägten Gespür das Erwachsenwerden ihrer Figuren in all seiner Komplexität zu verhandeln.
Jenseits eines ausgesprochen weiblichen Blicks auf die Welt, ist es vor allem der große rumänischen Auteur Cristi Puiu, der vor 15 Jahren mit The Death of Mr. Lăzărescu die sogenannte rumänische Neue Welle mitinitiierte, dem mit seinem neuen und bisher ästhetisch anspruchsvollsten Werk ein ganz besonderes Kunststück gelingt: Malmkrog ist ein Film, der das Gesagte nicht lediglich in Szene setzt, sondern auf eine formal durchkomponierte und in seiner Raffiniertheit faszinierende Weise erfahrbar macht. Basierend auf einem Essayband des russischen Philosophen Vladimir Solovyov gestaltet sich die Tafelrunde im aristokratischen Herrenhaus des Gutsbesitzers Nikolai zu einer Tour de Force des Denkens: Ein Politiker, ein General mit seiner Frau und eine russische Gräfin begeben sich in gepflegter Gesellschaft auf eine gedankliche Reise durch die Historie, versuchen, ihre jeweiligen Standpunkte zu vertreten, diskutieren in kammerspielartiger Atmosphäre über Tod und Antichrist, Glaube und Atheismus, Fortschritt und Moral, Nationalbestrebungen und europäische Ideen. Was daraus entsteht, ist im Grunde ein großes Argument. Dafür, dass sich Wort und Kunst auf der Leinwand nicht wiedersprechen müssen. Dass auch ein anspruchsvoller Diskurs, klug gefilmt und geschnitten, spannender sein kann als ein Thriller. Und dafür, dass ein gewagter ästhetischer Wurf oftmals Mut zum Extremen erfordert – und zum Verweilen.
Wer sich nach so viel Kunst und Anspruch eher wieder nach einem Film sehnt, der das Menschliche dem Theoretischen gegenüberstellt, dem sei Thomas Vinterbergs Another Round ans Herz gelegt. Ein Publikumsliebling per se, verhandelt der dänische Regisseur in seinem neuen Film die Vor- und Nachteile, die Alkohol mit sich bringen kann. Basierend auf einer heiklen Theorie, dass der Mensch mit 0.5 Promille zu wenig auf die Welt gekommen ist und sich mit einem leicht erhöhten Pegel die alltäglichen Probleme verringern beziehungsweise die Kreativität steigern ließe, machen sich vier Lehrer daran, zu testen, was es mit dieser Behauptung genau auf sich hat. Martin (Mads Mikkelsen) steht im Zentrum des Geschehens, zumal er in der größten Existenzkrise steckt, dennoch versteht es Vinterberg, auch seine Freunde und Kollegen nicht aus den Augen zu verlieren, während sie versuchen, zu Arbeitszeiten ständig auf 0.5 Promille und schon bald ein bisschen drüber zu sein. Denn sie alle haben jeder für sich ein schweres Los zu tragen, so scheint es ihnen zumindest, und mit steigendem Alkoholpegel intensivieren sich erwartungsgemäß nicht nur die wünschenswerten Nebenerscheinungen des Rausches, sondern auch das Drama und die Tragödie. Mikkelsen, der für Vinterberg bereits in dem Missbrauchsdrama The Hunt einen gebrochenen Mann am Ende seiner Kräfte spielte, trägt diesen Film auf seinen geknickten Schultern und liefert zum Ende hin, ähnlich wie Garai in Miss Marx eine der schönsten, aus der Zeit gefallenen Tanzeinlagen dieses Kinojahres.
Bleibt zu hoffen, dass die Viennale in den kommenden zehn Tagen tatsächlich wie geplant über die Bühne geht. Und wenn ja, dann gibt es da noch eine weibliche Figur, die dieses Festival jenseits von Covid & Co zu einem besonderen macht. Gunda heißt die Sau, und der gleichnamige Dokumentarfilm von Victor Kossakovsky, der seine Titelfigur und ihren Nachwuchs, ein paar Hühner und eine kleine Rinderherde in ihrem Alltag und ihrer Wirklichkeit beobachtet. Gedreht in Schwarzweiß und dank der Sensibilität eines Poeten ist Gunda kein offener Appell an die Lebensmittelindustrie und auch keine mahnende Belehrung an die Menschen, die sich tagtäglich von Schweinen und anderen Tierprodukten ernähren. Obwohl es natürlich unbedingt dieser Mahnungen weiterhin bedarf. Aber auch Kossakovskys Ode an das Schwein ist ein Versuch, unser Bewusstsein zu schärfen, die Perspektive zu wechseln und unser Gewissen zu sensibilisieren. Und solange es engagierte Menschen gibt, die wie Eleanor Marx in den richtigen Händen zu spannenden Leinwandfiguren werden, und dazu kleine Filmperlen wie Gunda, die uns bis heute über die einfachsten Wunder der Natur ins Staunen versetzen, solange ist die Welt, nicht nur die des Kinos, noch längst nicht verloren.
