Der vielleicht lebensbejahendste Film über Krebs und Drogen
Es fehlt nicht viel. Ein Schritt und Milla (Eliza Scanlen) könnte sich vom Bahnsteig in den Tod stürzen. Allzu lange zu leben hat sie sowieso nicht mehr. Denn Milla hat Krebs. Mit sechzehn. Scheiße. Doch als sie gerade noch schwer atmend am Gleis steht, kommt plötzlich Moses (Toby Wallace) von hinten in ihr Leben gepoltert, rempelt sie an, dann an ihr vorbei und macht kurz vor dem einfahrenden Zug halt. In dem Moment bleibt Milla endgültig die Luft weg, ihre Nase blutet vor Aufregung. Wie peinlich. Doch Moses hat die Sache im Griff, zieht fix sein verschwitztes T-Shirt aus und hält es dem verdatterten Mädchen unter die Nase. Er sieht fertig aus, geprügelt und auf Drogen. Außerdem braucht er Geld. Was sonst. Doch Milla gibt ihm, was sie hat, wenn er dafür als Gegenleistung mit zum Abendessen zu ihr nach Hause kommt. Alles klar. Abgemacht!
Von diesem Moment an nimmt Babyteeth seinen nur bedingt vorhersehbaren Verlauf. Denn auch wenn Coming-of-Age-Dramen mit Teenagern, die an Krebs leiden, bereits seit einigen Jahren im Kino Konjunktur haben, stellt dieser Film eine angenehm eigenwillige Ausnahme dar. Wild und waghalsig stürzt sich Shannon Murphy mit ihrem Regiedebüt in eine Tour de Force aus erster Liebe und krankheitsbedingtem Verfall, die Scanlen mit jedem Blick, jeder noch so kleinen Geste Millas bis ins winzigste Detail auslebt, in dem nüchternen Bewusstsein, dass es vermutlich ihre einzige Beziehung zu einem Mann sein wird. Das wissen übrigens auch ihre Eltern, Anna (Essie Davis) und Henry (Ben Mendelsohn), die ihr Leben selbst nicht ganz auf der Reihe haben, aber alles für ihre Tochter tun würden, um ihr die nächsten, vielleicht letzten Monate daheim so glücklich wie möglich zu gestalten. Also zieht Moses schließlich ein. Ein Alptraum auf der einen, ein Glücksfall auf der anderen Seite. Und der Anfang-Zwanziger mit seinen Junkie-Allüren immer mittendrin.
Obwohl Murphys Erstling auf einem Bühnenstück von Rita Kalnejais beruht, die hier auch das Drehbuch beisteuerte, ist nichts theatralisch an diesem Film. Die Regisseurin, die bisher Shorts und TV-Serien drehte, riskiert den heiklen Versuch, eine klischee-beladene Geschichte wie diese möglichst echt, eindringlich und amüsant zu inszenieren, mit jeder Menge subversivem Witz, großartiger Musik und stets ungeniert emotional, wo es angebracht ist. Mit ein paar wenigen Abstrichen gegen Ende, die man Murphy bis dahin längst blindlings verzeiht, ist Babyteeth ein absolut lebensumarmender, unbedingt sehenswerter Film über vier Menschen, die unermüdlich miteinander, füreinander und jeder für sich gegen etwas kämpfen und darin Zuflucht finden, auch wenn sie immer wieder an sich selbst und den Umständen scheitern, die ihnen das Schicksal oder ihre eigene Unfähigkeit auferlegt hat.
