Netflix-Doku-Serie – Cheerleading

Netflix-Doku-Serien

Realität statt Fiktion

| Manuel Simbürger |
Doku-Serien auf Netflix werden mehr und mehr zu Streaming-Hits – egal, ob es sich um kluge Köpfe, Street Food, Mafiabosse oder Großkatzen handelt. Ein Überblick.

Je verrückter, komplexer und schneller die Welt um uns herum wird, desto mehr wollen wir sie verstehen – und das am besten gemütlich von der Couch aus. Das weiß auch Netflix, das nicht nur das Goldene Zeitalter der fiktionalen Serien, sondern auch einen enormen Boom von Dokumentarfilmen und -serien eingeläutet hat. Selten war das Angebot an dokumentarischen Formaten größer, und endlich, so scheint es, hat man den Mut (und die finanziellen Mittel), sich auch Nischenthemen anzunehmen. In den vergangenen Jahren – und auch heuer – ist das Doku-Angebot vor allem auf Netflix regelrecht explodiert, die thematische Bandbreite lässt so gut wie keinen Geschmack aus.

Spektakel und Schauwert
Wobei Netflix-Dokus immer noch Netflix-Dokus sind: Nicht nur, dass man zu vielen seiner Lieblingsserien die quasi passende Doku findet, die Streamingplattform-typische Endlos-Suche nach dem größtmöglichen Spektakel und Schauwert spiegelt sich auch im Großteil der Dokumentationen wider. Das ist durchaus okay, hat Netflix doch heuer unter anderem mit Dirty Money, Vernetzt oder Um die Welt mit Zac Efron einmal mehr bewiesen, dass aktuell keiner so gut Infotainment hinbekommt wie der Streaming-Gigant. Indem man viele der Dokuserien ähnlich reißerisch, unterhaltsam oder bewusst modern inszeniert und vor allem präsentiert, hievt Netflix fast unbemerkt die Zuseher des fiktionalen Programms mit hinüber auf das Doku-Ufer – und verführt somit zum einen oder anderen zusätzlichen Binge-Watching-Stündchen. Dabei ist es egal, ob es sich um Dokuserien mit Episoden-übergreifenden Handlungsbögen oder um in sich abgeschlossene Folgen handelt: Noch nie war Bildung in Serienform so cool und angesagt wie zu Netflix-Zeiten. Da mutet es fast wunderlich an, dass man nach vielen Dokus auf Netflix immer noch dezidiert suchen muss, auf der Startseite sind vergleichsweise nur wenige zu finden. Zu viel Realität schreckt dann eben doch ab.

Trend 1: Sport
Einen regelrechten Hype in den USA haben die beiden Sport-Dokus Last Chance U (Football) und Cheerleading (eh klar) ausgelöst. Inszeniert wie Dramaserien, verfolgt man reale Protagonisten auf ihrem steinigen Karriereweg. Beide Formate transportieren eine ur-amerikanische Message: Arbeite hart an dir, dann hast du eine Chance! Auch Zusammenhalt und der Sport als Lebensretter werden großgeschrieben, es geht zudem um Diskriminierung, Selbstzweifel und Suchtprobleme. Hier wird auf emotionalen Voyerismus gesetzt, die Kamera bleibt bei jedem Sturz, bei jeder Verletzung, bei jedem emotionalen Tief erbarmungslos drauf. Guilty pleasure at its best.

Während die oben genannten Burschen und Mädels noch um den globalen Ruhm kämpfen, ist Basketball-Star Michael Jordan bereits am Olymp seiner Sportkarriere angekommen: The Last Dance, ursprünglich ausgestrahlt auf ESPN, begleitet Jordan bei seiner letzten Saison mit den Chicago Bulls 1997/98 und zeigt bisher unveröffentlichte Szenen. Jordans Karriere ist eine Geschichte über Sieg und Niederlagen, über Träume, Hoffnungen, Opferbereitschaft und eiserne Disziplin. The Last Dance fesselt dank spannender Einblicke hinter die Kulissen, beispielhafte Musik- und Montageinsätze sowie Interviews mit weiteren NBA-Legenden, wird aber vor allem von Michael Jordans hochenergetischem Charisma getragen.

In Formula 1: Drive to Survive will man von Bällen jeglicher Art oder Akrobatik nichts wissen, hier zählt nur der verbrannte Asphalt unter den Rädern: Die Doku stilisiert die Formel 1 zur größten, faszinierendsten, beliebtesten und erfolgreichsten Sportart der Welt, die Fahrer werden wie Rockstars in Szene gesetzt, das Drama hinter den Kulissen macht einer Seifenoper alle Ehre. Hautnahe Action, Geschwindigkeit und Testosteron sind die Attribute, auf die man auch in der zweiten Staffel baut und damit nicht nur unter F1-Fans große Erfolge feiert.

Einen überfälligen Blick über den US- und Mainstream-Tellerrand hinaus wagt Heimspiel: In acht Episoden werden gefährliche und ungewöhnliche Traditionssportarten aus aller Welt vorgestellt – Calcio Storico in Florenz oder Voodoo-Wrestling im Kongo zum Beispiel. Jede Folge ist in einem individuellen Stil gehalten, der den Zuschauer in die Kultur des Landes, aber auch in die Psyche der Sportler eintauchen lässt – was bei den oftmals archaischen Praktiken der Sportarten auch dringend notwendig ist. Ausgestellte Männlichkeit dominiert in den meisten Folgen, Sportlerinnen haben in Heimspiel etwas das Nachsehen.

Trend 2: Gesundheit und Umwelt
„Macht uns die Gesundheitsindustrie gesünder oder werden wir Opfer falscher Versprechungen?“ Diese Frage stellt sich die Dokuserie (un)gesund, die versucht, Trends und Methoden der Wellness-Branche auf den Grund zu gehen. Die Themenbandbreite ist groß und reicht von ätherischen Ölen über Fasten, Ayahuasca bis hin zur Bienengift-Therapie. Das geschieht in betont unaufgeregter Tonalität. Befürworter kommen genauso zu Wort wie Gegner, das Verzichten auf eine Off-Stimme ermöglicht es dem Zuschauer, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Die in ihrer Machart sehr an YouTube erinnernden Serien explained: Sex und explained: Coronavirus setzen auf ein prägnantes circa 20-Minuten-Format, jede Menge Fakten, humorvolle Animationen und eine Balance zwischen Unterhaltung und Lern-effekt. Promis wie Janelle Monáe (Sex) oder Idris Elba (Coronavirus) geben die Erzähler-Rolle. Sex ist erotisch, aber niemals schlüpfrig und richtet sich nicht an hormongesteuerte Teenies, sondern junge Erwachsene, die mehr über Themen wie Anziehung, sexuelle Fantasien, Unfruchtbarkeit oder auch die Geburt wissen wollen. Der Nachbar von nebenan wird genauso befragt wie Experten oder Celebrities. Coronavirus wiederum bietet Einblick in die Ausbreitung des Virus und dessen psychische Auswirkungen, Impfstoff-Forschung und Vergleiche zu anderen Viren inklusive. Leicht verständlich, manchmal aber auch etwas zu kitschig und dramatisch erzählt. Coronavirus bietet nur wenig Neues, Sex schon mehr, ein Reinschauen lohnt sich trotzdem in beiden Fällen.

Mit einem weitaus größeren Fokus auf Panikmache ist Pandemie angelegt. Die Doku möchte über die weltweite Bedrohung von Seuchen aufklären, neben Guatemala, Ägypten und Indien liegt das Hauptaugenmerk auf den USA. Forschern und Ärzten wird bei ihren Jobs über die Schulter geblickt, deren Geschichten Episode zu Episode weitererzählt. Im Minutentakt werden dramatische Aussagen gemacht, Hoffnung, Gesellschaftskritik und Alltags-Tipps treten in den Hintergrund. Informativ, aber mit Vorsicht zu genießen.

Als größte Doku-Überraschung erweist sich Um die Welt mit Zac Efron. Es erstaunt, mit wie viel Engagement, Leidenschaft, Demut und ehrlichem Interesse sich der Dirty-Grandpa-Star mit Themen wie Erneuerbare Energien, Biopiraterie oder dem Pariser Leitungswassersystem auseinandersetzt. Die Grundprämisse der rasant geschnittenen Lifestyle-Doku: die Erforschung von gesunden und nachhaltigen Lebensweisen. Dafür reist Efron gemeinsam mit Wellness-Experte Darin Olien um die ganze Welt. Das macht Spaß, ist lehrreich, bietet wunderschöne Landschaftsbilder – und zur Auflockerung gibt’s zwischendurch Wellness, Sightseeing und Oben-Ohne-Szenen. Nur dass Efron plus Team mit einem Privatjet um die Welt fliegen, hinterlässt klarerweise beim Schauen der Rettet-die-Natur-Doku einen fahlen Beigeschmack.

Um Gesundheit geht es im weiteren Sinne auch in Lenox Hill, der Dokuserie um vier Ärzte im gleichnamigen renommierten New Yorker Krankenhaus. Zwei Jahre lang wurden sie gefilmt, man begleitet sie Schritt für Schritt bei ihren täglichen Kämpfen – um das Leben der Patienten, aber auch um die Balance zwischen Privat- und Berufsleben, persönliche Schicksale inklusive. Was wie Grey’s Anatomy im Dokustil klingt, entpuppt sich als verstecktes Netflix-Juwel: Hochemotional, authentisch, stets ganz nah am Geschehen (auch bei den OPs!), aber trotzdem respektvoll wird uns ein faszinierender Einblick in die Notaufnahme, die Neurochirurgie und die Geburtshilfe gegeben, aber auch in das US-amerikanische Sozial- und Gesundheitssystem.

Trend 3: Food
Gute Laune, kulinarische Gelüste und den Blick über den Gourmet-Tellerrand bieten die beiden Food-Dokus Street Food: Lateinamerika und Somebody Feed Phil: Beide Serien verbinden auf unterhaltsame und informative Weise die traditionelle Essenskultur eines Landes mit deren landschaftlicher und soziokultureller Schönheit. In Street Food: Lateinamerika geht’s wie schon bei seinen Vorgängern direkt auf die Straße, es werden die Menschen sowie deren Geschichten und Traditionen vorgestellt. Auch wenn die Speisen schmackhaft in Szene gesetzt werden, steht hier weniger das Kochen selbst im Zentrum, sondern viel mehr, wie Kulinarik die Atmosphäre eines Landes
widerspiegelt und zur persönlichen Berufung werden kann.

Noch mehr im Stil eines Food-Reiseführers kommt Somebody Feed Phil daher: Der Protagonist Philip Rosenthal, Erfinder der US-Sitcom Alle Lieben Raymond, schlemmt sich gemeinsam mit Freunden und Experten durch Restaurants, Bars, Cafés, Bäckereien oder Straßenstände – und gibt gleichzeitig auch Sightseeing-Tipps. Die gute Laune ist dabei so picksüß wie manche der verkosteten Süßigkeiten. Trotzdem: Die rund einstündigen Folgen machen genauso Appetit auf außergewöhnliche Rezepte wie auf fremde Städte, in der neuen Season beispielsweise Marrakesch, London oder Montreal. Die Message: Die Welt ist in Ordnung, so lange es gutes Essen gibt. Soul Food der anderen Art.

Trend 4: Lernen mit Netflix
Bei einigen Dokuserien steht die Wissensvermittlung ein Stückchen mehr im Fokus als bei anderen. Ein guter (Netflix-)Lehrer ist beispielsweise Wissenschaftsjournalist Latif Nasser, der in Vernetzt mit überschwänglichem Enthusiasmus und viel Engagement die faszinierenden Verbindungen zwischen uns, dem Planten Erde und dem gesamten Universum erklärt. Wir lernen, dass Überwachungstechniken für Tiere und Menschen sehr ähnlich sind, Kot komplexer ist als gedacht und dass die Wolke im Himmel mit der Cloud zusammenhängt. Das kommt mitunter etwas erzwungen und weichspülend, aber in jeder Sekunde informativ und übersichtlich daher.

Geschichtshappen wiederum setzt auf History-Aufklärung im Snack-Format: In knackigen 20 Minuten werden Themen wie Feminismus, Fast Food oder Kernenergie abgehandelt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber dafür als perfekter Einstieg für eine tiefgreifendere Auseinandersetzung mit der jeweiligen Thematik geeignet. Der Mix aus historischen Aufnahmen und lustigen Animationen lockert die einzelnen Episoden auf.

Eine Unterrichtsstunde in Sachen Popkultur präsentiert uns Highscore: Gemeinsam mit Erfindern und Fans wird auf die Entstehungsgeschichte kultiger Videogames wie „Super Mario“ oder „Sonic The Hedgehog“ zurückgeblickt. Videogame-Animationen und Original-Archivmaterial (u.a. Werbespots) sorgen dafür, dass die Stimmung in der Natur der Sache bleibt. In dieser Welt voll von innovativem Mut, Weitblick, Leidenschaft und blinkenden Lichtern sind die Nerds die Helden.

Trend 5: Böse Buben
Während im fiktionalen Bereich sympathische Anti-Helden das Publikum begeistern, setzt man im Doku-Genre gern auf richtig widerliche und abscheuliche Charaktere: Bei Tiger King verschwamm die Grenze zwischen Ekel und Faszination, wir konnten (leider) nicht abschalten beim sozialpornographischen Mix aus Doku und Reality-Show über Großkatzen und ihre menschlichen Raubtiere. Nicht zuletzt dank des Lockdowns wurde die Geschichte rund um Joe Exotic zur Streaming-Sensation. Man ist nicht stolz drauf.

Vollkommen vermummt präsentieren sich die Verbrecher in Das Geschäft mit Drogen: Die ehemalige CIA-Analystin Amaryllis Fox untersucht in sechs Folgen jeweils Historie, Wirkung und allen voran den wirtschaftlichen Aspekt einer illegalen Substanz (u.a. Heroin und Meth) und führt auch mit den Dealern interessante Interviews. Das permanente Mitleid, das Fox den Kriminellen entgegenbringt, ist etwas irritierend, ermöglicht aber auch einen Einblick in die Psyche von Menschen, die dealen, um zu überleben. Vor allem geht es der Doku aber um einen verständlichen Überblick über die Struktur des gesamten Drogenhandels – und das gelingt ihr ganz gut.

Um Geld- und Profitgier sowie Korruption geht es auch in Dirty Money – Geld regiert die Welt, die bösen Buben kommen hier als Wolf im Schafspelz daher: Jared Kushner zum Beispiel, Schwiegersohn und Berater von Donald Trump, scheffelt mit schmutzigen Immobilienpraktiken Millionen. Oder die ehemalige Vorzeigebank Wells Fargo, die ihre Kunden systematisch ausbeutete. Anhand von Interviews mit Experten, Involvierten und Opfern zeigt Dirty Money, wofür Menschen und gesamte Großkonzerne für Reichtum bereit sind zu gehen. Erschreckend und augenöffnend.

Stadt der Angst: New York gegen die Mafia nimmt uns mit in die Vergangenheit, mitten hinein in die düstere Ära des New Yorks der Siebziger und Achtziger, als fünf Mafiafamilien die Metropole in ihrer Hand hatten. Die Jäger (das FBI) erinnern sich genauso wie die Gejagten, die große Stärke der Doku sind aber die bisher unveröffentlichten Archivaufnahmen. Nicht mit wilden Verfolgungsjagden, sondern mit minutiös geplanten Abhöraktionen wurden die eiskalten Gangster zu Fall gebracht – was in Stadt der Angst aber auch mit der einen oder anderen Länge einhergeht. Vielleicht haben sich die Macher deshalb für das Nachstellen einzelner Ereignisse entschieden, was aber die authentische Stimmung zerstört. Für Interessierte trotzdem ein Muss!

Immigration Nation nimmt durch Erlebnisberichte von Einwanderern und Einblicke in die US-Einwanderungs- und Zollbehörde das Phänomen Einwanderung in den USA unter die Lupe. Auch jene Menschen, welche die US-Abschiebepolitik emotionslos vollstrecken, stehen im Fokus. Manchen von ihnen scheinen gar Vergnügen zu empfinden, Immigranten – bei weitem nicht nur kriminelle! – ins Gefängnis zu bringen. Drei Jahre lang haben die Filmemacher die ICE (Immigration and Customs Enforcement) bei vielen Einsätzen begleitet, so manche Szene wollte diese danach wieder gestrichen haben, ohne Erfolg. Immigration Nation ist aufgrund harter Bilder von leidenden Immigranten, darunter viele Kinder, schwer verdaulich. Dass man aber nicht wegsehen darf, macht die Doku deutlich.

Nicht zu vergessen ist natürlich die True-Crime-Schiene, die Netflix seit Jahren immens erfolgreich bedient und die mittlerweile eine ebenso breite Masse anspricht wie fiktionale Stoffe. Es ist die menschliche Faszination vom Bösen, mit dem diese Serien spielen. Nichts für Zartbesaitete, aber auf schockierende Art fesselnd. Darüber mehr in einer der nächsten „ray“-Ausgaben.