Kinderfilmfestival

Generation Greta

| Bettina Schuler |
Die 32. Ausgabe des Internationalen Kinderfilmfestivals findet vom 14. bis 22. November statt. In mehreren Filmen helfen die Kinder den Erwachsenen dabei, ihre Lebenswelt wieder in den Griff zu bekommen.

Es gibt nur die eine Welt. Wir sehen sie jedoch alle aus einer anderen Perspektive. So ist für den einen die Schule der beste Ort der Welt, weil er dort zu den coolen Jungs gehört, während sie für den nächsten die Hölle auf Erden ist. Denn er weiß, dass er, ganz gleich, was er sagt oder trägt, immer zu den Außenseitern gehören wird. So wie Tom (Thomas Guy), der das genaue Gegenteil seines sportlichen Bruders Léo (Benjamin Voisin) ist und sich am Wochenende lieber hinter seinen Büchern versteckt, anstatt mit den Jungs um die Häuser zu ziehen. Als Léo bei einem gemeinsamen Autounfall ums Leben kommt, zieht Tom sich immer weiter zurück. Doch zum Glück lässt sein Bruder ihn auch in diesem Moment nicht im Stich und coacht ihn noch aus dem Jenseits so lange mit klugen Ratschlägen, bis das Herz des hübschesten Mädchens ihm gehört. Trotz der Schwere des Themas ist der französische Film Ein ganzer Kerl (Un vrai bonhomme, empfohlen ab 14 Jahren) kein schwer verdauliches Werk. Was sicher auch an dem Talent des Regisseurs Benjamin Parent liegt, der dieser Bruder-Geschichte mit seinen flapsigen Dialogen und seinem flotten Tempo eine ordentliche Portion französische Leichtigkeit verpasst. Eine Erzählweise, die er mit dem französischen Regisseur Julien Rappeneau teilt. Denn auch dessen Film Fourmi – Von Liebe und Lügen (ab 11) gelingt es, die richtige Mischung zwischen Schwere und Leichtigkeit zu finden, wie es für französische Filme typisch ist. In Fourmi ist es ein kleiner Junge (François Damiens), der sich um den großen Jungen, in diesem Fall seinen Vater (Maleaume Paquin) kümmert. Denn seit der Scheidung von der Mutter hat sich Theos Vater nicht mehr im Griff und verbringt seinen Tag mit Schlafen und Trinken. Selbst zu den heiß geliebten Fußballspielen seines Sohnes kommt er regelmäßig zu spät. Als ein Talent-Scout des britischen Top-Vereins Arsenal auf dem Fußballplatz zu Besuch kommt, lügt Theo seinen Vater an und gibt vor, dass der Verein an ihm als Nachwuchspieler interessiert ist. Denn er hofft, dass er damit seinem Vater, dem bekennenden Fußballfan, ein wenig Freude und Lebensmut zurückbringt. Doch Theo verstrickt sich immer tiefer in seinem eigenen Lügenkonstrukt. Ein überaus unterhaltsamer Film für die ganze Familie, der von seinen Dialogen lebt und den man allein schon wegen des großartigen André Dussollier (Das Leben ist ein Chanson, Amélie) als Theos übereifrigem Fußballtrainer sich anschauen sollte.

Auch in der deutsch-slowakischen Koproduktion Sommer-Rebellen (Letní rebeli, ab 8) arbeitet sich Jonas (Eliáš Vyskočil) an einem großen Jungen ab. In seinem Fall ist es der Großvater (Pavel Nový), der sich nach dem Tod von Jonas’ Vater aufgegeben hat. Schlafen, trinken, fernsehen. Zu mehr ist der ehemals so unternehmungslustige Großvater nicht mehr in der Lage. Und wieder ist es ein Kind, das dem großen Jungen zu mehr Lebensfreude verhilft. Diesen Glauben an die Stärke und Lebensfreude der Kinder scheint die Regisseurin Martina Saková mit ihren französischen Kollegen zu teilen. Doch wohnt ihrem Film trotz der farbenreichen Inszenierung eine gewisse Melancholie inne, die wie ein sanfter Nebel über dem Film schwebt und welche die guten Momente im Film noch schöner und leuchtender erscheinen lässt.

Auch die beiden Kinder Max und Leo (Leonardo und Maximiliano Nájar Márquez) aus dem mexikanischen Film Die Wölfe (Los Lobos, ab 12) hoffen auf ein wenig mehr Schönheit in ihrem Leben. Diesen Wunsch soll ihnen das Land aller Träume, die USA, ermöglichen. Doch das überteuerte, verdreckte Zimmer, in dem sie nach ihrer Ankunft aus Mexiko leben, ist alles andere als das lang ersehnte amerikanische Paradies. Jeden Tag müssen die beiden dort darauf warten, dass ihre Mutter von der Arbeit zurückkehrt. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die beiden Brüder in die weite neue Welt ausbrechen. Ein berührender Film von Regisseur Samuel Kishi Leopo, der durch die Kargheit und Tristesse der Bilder sehr deutlich zeigt, wie wenig die Realität mit der Vorstellung von Einwanderern korrespondiert und dass die Armut und Einsamkeit mit der Ankunft in dem fremden Land erst beginnt. Doch der Film zeigt auch, das unser Glück nicht von materiellem Besitz, sondern von den Menschen abhängt, mit denen wir unsere Zeit verbringen. Denn wie die beiden Brüder Max und Leo zeigen kann man sich Disneyland überall selbst erschaffen.

Auch der 12-jährige Amra (Bat-Ireedui Batmunkh), der mit seiner Familie als Nomade in der mongolischen Steppe lebt, träumt von einem glamouröseren Leben. Sein größter Wunsch ist es, an einem Musikwettbewerb im Fernsehen teilzunehmen und dort vor Millionen von Zuschauern sein Gesangstalent unter Beweis zu stellen. Als sein Vater tödlich verunglückt, versucht er, die Rolle seines Vaters innerhalb der Familie einzunehmen und mit der Goldsuche sein Glück zu finden. Die deutsch-mongolische Koproduktion Die Adern der Welt (ab 9) spielt in einem sehr ungewöhnlichen Setting und besticht mit Charakteren, die zwischen ihrer traditionellen Welt und der global vernetzten Welt hin- und herpendeln. Wobei sie immer wieder darauf achten müssen, dass sie sich selbst nicht verlieren. Mit ihrer bedachten Erzählweise gelingt es der Regisseurin Byambasuren Davaa, die Diskrepanz dieser beiden Welten aufzuzeigen, ohne ins Klischee abzudriften oder die beiden Welten simple zu bewerten. Dank der Panoramaaufnahmen, die unser immer wieder zurück in die Weite der Natur ziehen, mutet der Film in manchen Moment gar magisch an. Eine Magie, die wir nur in der Verbundenheit mit der Natur wiederfinden können und die sich durchaus mit der Moderne verträgt. Wir müssen es nur zulassen und die Welt und das Leben wieder mit den Augen der Kinder sehen. Als Geschenke, die wir ehren sollten.