Die Museen dürfen, anders als die Kinos, wieder öffnen. Filmische Arbeiten des Turner-Preisträgers Lawrence Abu Hamdan gibt es noch bis 14. März in der Secession zu sehen.
Keine Frage: Lawrence Abu Hamdan ist Künstler, durchaus von globaler Wahrnehmung, durchaus auch aus Sicht des Kunstmarktes. Voriges Jahr galt er als aussichtsreichster Kandidat für den britischen Turner-Preis, der dann letztlich auf Wunsch der vier Nominierten an sie gemeinsam als „heterogenes Künstlergespann mit viel Migrationshintergrund“ vergeben wurde, im Jahr davor wurde er im Rahmen der Art Basel mit dem Baloise-Kunstpreis geehrt. Doch ist er ebenso ein Spezialist und Gutachter in dem Bereich von Audioanalysetechnologien. Sich selbst bezeichnet Abu Hamdan in Anlehnung an „private eye“, die englischen Bezeichnung für einen Privatdedektiv, als „private ear“, einen Klangdedektiv nachgerade, einen forensischen Zuhörer. Meist in Zusammenarbeit mit der am Londoner Gold-smiths College beheimateten, unabhängigen Rechercheagentur Forensic Architecture hat der Künstler Telefonstimmen ebenso wie Schussgeräusche analysiert, hat sich am Asylgerichtshof des Vereinigten Königreichs an einer Diskussion über die unethische wie unwissenschaftlich Praktik beteiligt, Stimm- und Akzentanalysen zur Herkunftsbestimmung von Geflüchteten zu nutzen und hat mit den Überlebenden eines syrischen Foltergefängnisses deren Erinnerungen an Klänge und Geräusche rekonstruiert. Nachdem Insassen mit verbundenen Augen in diesem „alptraumhaften schwarzen Loch von Missbrauch und Qualen“ in völliger Dunkelheit ausharren mussten, lieferten die akustischen Wahrnehmungen die einzigen Hinweise auf den grausamen Gefängnisalltag. Mit Hilfe dieser Erinnerungen konnten Abu Hamdan und seine Kollegen schließlich das Gebäude in Syrien für Amnesty International rekonstruieren und ein 3D-Modell erstellen.
Einher mit dieser forensischen Tätigkeit geht die Umsetzung in einen anderen Kontext. „Jede Untersuchung, an der ich mitgewirkt habe, wurde durch verschiedene visuelle und radiophone Kunstwerke und Installationen begleitet, bei denen ich mit den Bedingungen und Plattformen experimentieren wollte, mit denen Beweisführungen und Zeugenaussagen Gehör finden“, stellte der Künstler vor einigen Jahren den Zusammenhang dieser unterschiedlichen Metiers her. Neben der forensischen Analyse nennt Abu Hamdan den kritischen Diskurs, Jura, Theologie und Philosophie als Disziplinen, die ihm dabei helfen, „alternative Möglichkeiten zu entwickeln, mit denen man Verbrechen hören kann.“
Ob nun für die Justiz oder eine Ausstellung, Lawrence Abu Hamdan geht es in beiden Fällen immer um Wahrheit wie Gerechtigkeit. Das gilt auch für eine der neuesten Arbeiten, die nun unter anderen in der Secession gezeigt wird. Das halbstündige Mehrkanalvideo Once Removed aus dem Jahr 2019 vermittelt den Eindruck, der Künstler würde vor der Leinwand jemanden über das Gezeigte interviewen. Ihre Silhouetten sparen bisweilen die Projektion aus, alles fotografisches Dokumentationsmaterial, das gleich einer Dia-Schau zur Illustration herangezogen wird. Beim Gesprächspartner handelt es sich um Bassel Abi Chaine, einen jungen Historiker, der im Laufe seiner Beschäftigung mit dem libanesischen Bürgerkrieg (1975 bis 1990) eine beachtliche Sammlung an bislang Unbekanntem Material zusammengetragen hat. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, die vorerst erstaunen mag, wenden sich die Ausführungen des 1987 geborenen Mannes in eine Art Erfahrungsbericht eines Soldaten, der 1984 16-jährig in diesem Bürgerkrieg gestorben ist. Der Historiker, so stellt sich schnell heraus, spricht über sein früheres Leben als Kindersoldat. Wie auch der väterliche Zweig der Familie von Lawrence Abu Hamdan gehört auch Abi Chaine der drusischen Religionsgemeinschaft an, für die die Reinkarnation einen zentralen Bestandteil ihres Glaubens darstellt.
Und wieder geht es um Wahrheit und Gerechtigkeit. Durch Flashbacks, die beim Historiker im Anblick von bestimmen Orten und Situationen ausgelöst wurden, hat dieser die Fährte seines gewaltsam beendeten, früheren Lebens aufgenommen, hat die dazugehörige Familie besucht, ist mit ehemaligen Kriegskameraden in Kontakt getreten, hat mehr über die Umstände seines Todes erfahren. Diese selbstverständliche Tatsache der Wiedergeburt hat für die Kriegsveteranen eine Basis des Vertrauens geschaffen, die es ihnen erlaubt hat, auch sehr sensibles Material über den vielfach verdrängten Krieg mit dem Historiker von heute zu teilen, das sonst womöglich nie an die Öffentlichkeit gelangt wäre. Schritt für Schritt arbeitet sich Abi Chaine durch sein früheres Leben, erfährt immer wieder Flashbacks, die ihn sich als jungen Krieger in diesem anderen Leben fühlen lassen. Angesichts dessen Familie gleicht sich schließlich auch Körperhaltung und Gestik an das einstige Ich an. Kein Foto existiert, das dem Historiker zeigen könnte, wie der junge Mann, der er einmal war, im Alter seines Todes ausgesehen hat. Doch es wäre nicht Lawrence Abu Hamdan, der Forensiker, wenn er nicht mithilfe der heutigen technischen Möglichkeiten aus der einzigen existenten Kinderaufnahme ein Erwachsenenbildnis hätte extrapolieren lassen.
Für das begleitende Künstlerbuch zur Ausstellung in der Secession gibt der Künstler einen portablen wie klug umgesetzten Einblick in sein „Earwitness Inventory“, das auch als reale Installation existiert. 55 Posten umfasst dieses Ohrenzeugeninventar aus Alltagsobjekten wie einer Trittleiter aus Aluminium, Getränkeflaschen aus Plastik, Paketen von arabischen Fladenbroten oder verschiedenen Türschlössern. Schlägt man das Buch nun auf, liest man kurze, narrative Beschreibungen von Szenen der Gewalt sowie eindringliche Schilderungen der damit verbundenen Geräusche und kann sich umgehend in die jeweilige Situation versetzt fühlen. Klappt man die mit dem Text bedruckte Seite nun vom Centerfold nach außen, sieht man die Objekte wieder in all ihrer Neutralität und Unschuld. Zwischen dem Inhaltsverzeichnis und dem Foto gibt es beim Lesen der kurzen Geschichten den Moment, an dem einem klar wird, dass alles als Waffe benutzt werden kann.
