Martin Eden

Martin Eden | Interview

Kunst und Kampfgeist

| Pamela Jahn |
Pietro Marcello hat Jack Londons autobiografischen Roman „Martin Eden“ über das Leben eines aufstrebenden Schriftstellers in die Gegenwart geholt. Und nach Neapel. Ein Gespräch mit dem italienischen Regisseur über seinen Film, das Kino und die große Kunst, Bilder einzufangen, die bleiben. 

Machen wir uns nichts vor: Das italienische Kino ist derzeit nicht das spannendste. Vergeblich sehnt man sich nach großen Meistern und Auteurs wie damals in den Sechzigern, als Rossellini, Visconti, Fellini, De Sica, Pasolini und Co. gleichzeitig und doch jeder auf die eigene famose Art und Weise die Filmsprache erneuerten. Und viel zu lange schon müssen Paolo Sorrentino und Matteo Garrone allein die große Autorentradition in ihrer Heimat auf internationaler Ebene aufrechterhalten und für ein kunstsinniges Kino einstehen, das nicht nur Kraft hat, sondern auch Stil. Mit Pietro Marcello gesellt sich nun ein weiterer höchst eigenwilliger Stilist in die Runde, dessen Spezialität darin besteht, in seinen Filmen stets die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion neu zu vermessen, und der sich nicht fürchtet, die Ästhetik vergangener Kinojahrzehnte heute für seine Zwecke zu gebrauchen, um damit neue, aufregende und nachhaltige Bilder zu finden.

Martin Eden ist nach etlichen nichtfiktionalen Arbeiten und dem semi-dokumentarischen Fantasiegebilde Lost and Beautiful (2016) Marcellos zweiter Spielfilm und gleich ein Epos im besten Sinne des Wortes. Alles fließt in diesem Film, in dem der Regisseur den gleichnamigen Künstlerroman von Jack London geschickt für die Leinwand und die Gegenwart adaptiert hat. Beschrieben wird darin der Aufstieg und Fall eines einfachen Seemanns (Luca Marinelli), der aus Liebe zu der bourgeoisen Elena (Jessica Cressy) alle Klassenschranken überwindet und letztlich als tragischer Held dasteht, der als anarchischer Individualist an der sozialistischen Welt zu scheitern droht. Doch während Londons Eden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Oakland, Kalifornien, lebt, kehrt Marcello für seinen Film in seine Heimat zurück, nach Neapel. Gedreht auf 16mm und durchsetzt mit Archivmaterial aus vergangen Zeiten, verschmelzen in Martin Eden Orte, Epochen und Stilrichtungen auf so elegante wie gewagte Art und Weise und ähnlich unaufhaltsam wie die politischen Theorien des strebsamen Quereinsteigers, der in seinem hartnäckigen Versuch, das Herz seiner Angebeteten zu erobern, die Kunst des Schreibens für sich entdeckt und darin nach dem „Wahren“ sucht.

 

Was konkret hat Sie an der Figur des Martin Eden so fasziniert, dass Sie sich an eine Verfilmung des Romans gewagt haben? Erkennen Sie sich in dem individualistischen Künstler ein Stück weit selbst wieder?
Pietro Marcello: Ich habe diese Frage befürchtet. Nein. Zwischen mir, dem Regisseur, und der Figur, mit der ich mich befasse, gibt es einen großen Unterschied: Eden ist ein Individualist, der den Bezug zur Realität verliert. Und für mich wäre das das Schlimmste, was mir passieren könnte. Ich kann mich mit ihm identifizieren, solange er danach strebt, sich zu bilden, ein klügerer Mensch zu werden, der sich von den Zwängen zu befreien versucht, in die er hineingeboren wurde. Aber man darf nicht vergessen, dass es sich hier um eine Parabel handelt, eine universelle Geschichte über Menschen, die sich darum bemühen, in der Gesellschaft aufzusteigen, Ruhm zu erlangen und ein besseres Leben zu führen. Doch in Edens Fall endet dieser Versuch tragisch, er scheitert an sich und seinen Idealen und hintergeht schließlich die Arbeiterklasse, aus der er selbst stammt.

Warum, denken Sie, werden so gerne Parallelen zwischen Ihnen und Eden gezogen?
Pietro Marcello: Weil ich auch ein Autodidakt bin. Zudem stamme ich aus einfachen Verhältnissen und hatte viele Jobs in meinem Leben. Und in gewisser Weise bin wohl auch ich ein Individualist, zumindest gehe ich künstlerisch meinen eigenen Weg und produziere alle meine Filme weitestgehend selbst. Nur stelle ich mich darin nicht selbst in den Vordergrund. Natürlich lässt es sich nicht ganz vermeiden, dass auch immer ein Teil von mir mit in einen Film einfließt, aber darum geht es mir nicht. Es ist mir persönlich viel wichtiger, eine moralische Position zu einzunehmen. Ich glaube an Kunst und Kampfgeist und an ein Kino, das aus der Notwendigkeit heraus entsteht, etwas auszudrücken und bewegen zu wollen, dass dem Gemeinwohl zuträglich ist. Vor allem, denke ich, sollten wir lernen, öfter Nein zu sagen. Die Menschen sollten die Dinge selbst in die Hand nehmen können, um eine bessere Welt zu schaffen und einer Utopie entgegenzustreben.

Ist Jack London Ihrer Meinung nach mit einer ähnlichen Intention an seinen Roman herangegangen?
Pietro Marcello: Es heißt, er hätte den Roman aus Liebeskummer geschrieben. Gerüchten zufolge ist vor allem der Beginn des Romans seiner unglücklichen Liebe zu einer Frau geschuldet. Aber auch für London war Martin Eden ein Anti-Held. Er kämpft sich nach oben in die bürgerlichen Kreise, wo er Ruhm, Kultur und ein edles Leben und Denken zu finden hofft und schließlich entsetzt ist über die gnadenlose Mittelmäßigkeit der Bourgeoisie. Er kämpft um eine Frau, die er abgöttisch liebt, bis er einsehen muss, dass er sein Idealbild mehr liebt als die Frau selbst. Und weil er konsequent ist in seinem Individualismus und ohne ein Bewusstsein für die Missstände in der Gesellschaft, bleibt ihm irgendwann nichts mehr, wofür es sich zu leben und zu kämpfen lohnt. Und diesen Martin Eden habe ich versucht in das 20. Jahrhundert zu übertragen, habe versucht, ihn für die heutige Zeit relevant zu machen. Für mich ist er eine Art Rockstar, ein Dandy, ein Opfer seines eigenen Erfolges. Er ist in sich selbst gefangen und eingeschlossen. Er hat nichts anderes zu sagen, nichts anderes zu schreiben.

Ihr Ko-Autor Maurizio Braucci hat Ihnen das Buch empfohlen. Warum wollte er, dass Sie es lesen?
Pietro Marcello: Ich war 21 Jahre alt, als er mir das Buch in die Hand drückte. Solange kennen wir uns schon. Ich glaube, er hat sich nichts weiter dabei gedacht. Er hatte es gelesen und meinte, dass es mir wahrscheinlich auch gefallen würde. Zwischen uns liegt ein Altersunterschied von zehn Jahren, aber wir sind zusammen aufgewachsen und stammen aus dem gleichen sozialen Umfeld. Wir teilen dieselben politischen und sozialen Ansichten. Deshalb fühlte es sich letztlich auch richtig an, gemeinsam an diese Adaption von Londons Roman heranzugehen. Wir sind beide Produzenten an dem Film, was es uns erlaubt hat, diese sehr freie Version des Buches zu verfilmen. Unser Martin Eden ist, wenn Sie so wollen, ein eher südländischer Charakter, und die Geschichte ist viel eher tief in Europa und der europäischen Kultur verwurzelt als in der amerikanischen, wie es bei London der Fall war. Für mich ist Martin Eden wie ein moderner Hamlet oder Faust: ein kleiner Junge, der irgendwie dazu getrieben wird, schließlich die soziale Klasse zu betrügen, der er selbst angehört. Obwohl man noch nicht einmal von einem Klassenkonflikt sprechen kann. Eden ist ein Archetyp, zumindest für mich ist er das. Und ich denke, es ist ein wichtiger Film in Bezug auf unsere Gegenwart, die Zeit, in der wir leben.

Was genau hat Sie an dem Buch so fasziniert, dass es für Sie heute so wichtig macht?
Pietro Marcello: Die Aufopferung. Sein Talent und seine Hingabe, die Notwendigkeit, sich selbst etwas aufzubauen. Es ist so schwer und kompliziert, sich heute etwas Eigenes zu schaffen. Und ohne Leidenschaft, Eifer und Aufopferungsfähigkeit ist es unmöglich.

Martin Eden ist ein Individualist, der irgendwann den Boden unter den Füßen verliert. Sie scheinen mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen. Sind Sie ein Realist?
Pietro Marcello: Ich möchte weiterhin Ideen haben. Ich möchte die Utopie wachsen und die Realität um mich herum mit anderen Augen sehen. Ich glaube an die erzieherische Kraft des Kinos. Ich nutze den Raum, den das Filmemachen mir gibt, um meine persönliche künstlerische Vision zu verwirklichen. Aber Kunst muss eine spezielle Vision haben, sonst taugt sie nichts. Kunst um der Kunst Willen ist steril, ist leer. Aber ich persönlich muss als Künstler keinen Erfolg haben, solange ich mit meiner Kunst etwas schaffen kann, das der Gemeinschaft dient und aus der Zusammenarbeit mit anderen Menschen heraus entstanden ist. Denn Kino ist eine kollektive Kunst. Und viel zu oft nehmen sich Regisseure selbst zu wichtig, wenn es darum geht, was man als Einzelner erreichen kann. Ich bin skeptisch gegenüber Filmemachern, die nur über sich selbst reden und, schlimmer noch, in den höchsten Tönen. Ich fühle mich eher zu denen hingezogen, die sich selbst mit der Welt konfrontieren. Man darf als Regisseur nicht unsicher sein, aber man muss die eigenen Unsicherheiten nähren. Denn es ist der Zweifel, der uns vorantreibt und uns die Kraft und die Energie gibt, Großes zu erreichen.

Wie sind Sie konkret an diese, wie Sie sagen, sehr freie Adaption des Romans herangegangen? Was gab es dabei zu beachten?
Pietro Marcello: Ich komme vom Dokumentarischen, das heißt, mein Schreibprozess ist sehr intuitiv und weniger strukturiert. Das Geschriebene ist unvollständig. Und ich glaube fest an die Möglichkeit, wenn nicht sogar die Notwendigkeit, das Geschriebene an einem bestimmten Punkt zu täuschen. Ich war nicht interessiert an Chronologie oder Erzählung. Es ging mir in erster Linie darum, der Figur zu folgen. Das hat uns einerseits einen enormen Freiraum gegeben, andererseits haben wir aber auch stark an der Vorlage entlang geschrieben. Alles in allem war es ein sehr experimenteller Prozess.

Sie haben die Handlung nach Italien verlegt, genauer gesagt, nach Neapel. Warum ausgerechnet dorthin?
Pietro Marcello: Die Geschichte hätte überall in Europa spielen können. In Dublin, Lübeck, Marseille. Mir ging es lediglich darum, die Struktur zu wahren und einige ausgewählte Schlüsselstellen im Text. Und Neapel spielt darauf an, was ich vorhin meinte, dass immer auch ein Stück von mir in meinen Filmen ist und von meiner Kultur. Ich komme aus der Stadt. Und es ist immer einfacher und meistens besser, darüber zu reden, was einem vertraut ist. Wenn man keine Ahnung hat, ist es klüger, man sagt lieber nichts.

Sind Sie freier in Ihrer Kunst, wenn Sie in Ihrer Heimat arbeiten?
Pietro Marcello: Nein, das ist nicht das Problem. In meinem ersten Film ging es um Nachtzüge, die kreuz und quer durch Italien reisen. The Mouth of the Wolf spielte in Genua. In Lost and Beautiful, gut, da war es auch Neapel, oder zumindest nicht weit davon entfernt. Aber im Grunde geht es nicht darum. Ich gehe gerne zu meinen Wurzeln zurück. Allerdings war ich früher viel engstirniger, weil ich noch nicht so viel Erfahrung hatte. Heute, mit mehr Kenntnis und Erfahrung bin ich viel entspannter und weniger demonstrativ und prahlerisch wie früher.

Was hat Sie Ihre bisherige dokumentarische Arbeit gelehrt, das für die Arbeit an diesem Film wichtig war?
Pietro Marcello: Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich ohne meine bisherige Arbeit als Dokumentarist in der Lage gewesen wäre, Martin Eden zu drehen. Denn was mich letztendlich gerettet hat, war die Fähigkeit, zu improvisieren, Kompromisse und Lösungen zu finden und mit dem zu arbeiten, was ich vor mir hatte. Filmemachen basiert ja immer auf finanziellen Mitteln. Und wie gesagt, ich komme nicht aus reichem Hause. Ich habe früh gelernt, mit dem auszukommen, was mir zur Verfügung steht. Diese Erfahrung und die Fähigkeit, stets und ständig auf neue Herausforderungen und Unerwartetes vorbereitet zu sein, waren entscheidende Faktoren bei der Umsetzung, vor allem beim Drehen.

Es heißt ja immer, die meisten Dokumentationen entstehen letztendlich erst im Schneideraum. Wie wichtig war das Schneiden für Sie bei einem Film mit epischem Atem wie diesem?
Pietro Marcello: Das Schneiden ist der Teil des Filmemachens, der mir den größten Adrenalinkick versetzt. Ich finde, ein Regisseur muss immer auch ein Schnittmeister sein können. Und viele schlechte Filme, die es in der Welt gibt, hätten durch gutes Schneiden zumindest ein Stück weit gerettet werden können. Das wird immer wieder unterschätzt.

Besonders auffällig ist, wie elegant Sie das verwendete Archivmaterial in die Geschichte einschneiden, die Sie erzählen.
Pietro Marcello: Das ist für mich ein natürlicher Prozess. Ich habe eine Leidenschaft für Geschichte und benutze stets Archivmaterial in meinen Filmen. Ich glaube, Archivmaterial ist immer stärker als jedes gestellte Bild. Wenn man zum Beispiel Aufnahmen eines sinkenden Schiffes von 1912 sieht, dann müssen diese Bilder automatisch mehr wiegen als jede Szene, die ich hätte rekonstruieren können. In dem gleichen Sinne ist letztlich auch der Roman stärker als jeder Film, den ich produzieren kann.

Sie wollten eigentlich erst Maler werden, stimmt das?
Pietro Marcello: Ja, das war mein Traum. Aber genau der individualistische Ansatz, die Tatsache, nur immer mit sich und der Kunst allein zu sein, hat mich abgeschreckt.

Was bedeutet es für Sie, am Set oder im Scheideraum zu arbeiten?
Pietro Marcello: Ich stehe gerne hinter der Kamera. Ich mag es, mir meine Filme Schritt für Schritt zusammenzubauen. Und ich träume am liebsten ein bisschen, wenn ich arbeite. Erst wenn ein Film fertig ist, wird es schwierig für mich, eine Beziehung zu dem Werk aufrecht zu erhalten, weil es mir schwer fällt, einen Schlusspunkt unter ein Projekt zu setzen. Meine Filme entwickeln sich über die Jahre in mir weiter, sie verformen sich, ändern ihre Struktur, manchmal auch ihre Perspektive. Deshalb glaube ich nicht an ein Ende per se. Ich glaube nicht, dass ein Film jemals abgeschlossen ist. Kino ist für mich in gewisser Hinsicht eine schmutzige Kunst. Und letztendlich ist und muss mein Kino immer ein mangelhaftes sein, weil ich stets auf der Suche bin nach Bildern und Momenten, die bleiben. Alle Filme, die ich toll finde, sind mangelhaft. Aber sie haben sich trotzdem in mein Unterbewusstsein hineingebohrt und in mir etwas hinterlassen, einen speziellen Augenblick, eine Szene, ein Bild. Und am Ende sind es genau diese Wichtigkeiten, kleine Dinge, die wir für bedeutsam halten, an die wir uns erinnern. Wir vergessen Titel, Handlung, das große Ganze. Aber manche Einzelheiten, so banal sie zum Teil auch sein mögen, bleiben für immer. Und darauf kommt es an.