Curveball

Curveball

Im Labyrinth der Lügen

| Jörg Schiffauer |
„Curveball“ rollt die unfassbare Geschichte auf, wie der Irak-Krieg mittels Desinformation gerechtfertigt wurde.

Im Baseball gilt der Wurf eines Curveballs als gefinkelte Variante im Repertoire eines Pitchers. Im Gegensatz zu den hart geworfenen Bällen, die bis zu 160 km/h erreichen können, beschreibt der Curveball durch eine starke Rotation eine bogenförmige Flugbahn. Mit seiner deutlich langsameren Geschwindigkeit sieht der Wurf auf den ersten Blick einfach aus, doch er bringt das Timing des auf schnellere Würfe eingestellten Schlagmanns oft völlig durcheinander und lässt den dann wild vorbeischwingenden Spieler dumm aussehen. Man mag spekulieren, ob die zuständigen CIA-Agenten, die Rafid Ahmed Alwan, eine zentrale Informationsquelle bezüglich Massenvernichtungswaffen des Irak, den Decknamen „Curveball“ deshalb gaben, weil sie seine Aussagen als ebenso trickreich einstuften wie die gleichnamigen Wurftechnik in „America’s Game“ Baseball. Unbestreitbar ist hingegen, dass der Informant Curveball am Ende ziemlich viele Leute ziemlich dumm aussehen hat lassen. Schon ein Insert zu Beginn von Johannes Nabers Curveball verweist explizit darauf, dass diese unglaubliche Geschichte auf tatsächlichen Begebenheiten fußt, eine Tatsache, die man sich angesichts all der Absurditäten und Unverfrorenheiten, mit denen man im Verlauf des Films konfrontiert wird, nicht oft genug vor Augen führen kann.

Eine fragwürdige Quelle

Am Anfang steht dabei Dr. Arndt Wolf (Sebastian Blomberg), Experte des Bundesnachrichtendienstes in Sachen biologischer Waffen, der gegen Ende der neunziger Jahre im Rahmen einer internationalen Kontrollmission zusammen mit Leslie Shearer, einer Kollegin von der CIA, im Irak Saddam Husseins nach Beweisen für die Existenz von Massenvernichtungswaffen sucht. Trotz aller Bemühungen Wolfs verlaufen die Nachforschungen ergebnislos. 1999 befindet sich Wolf längst wieder zurück in der Zentrale des BND in Pullach, als er zu einer Besprechung mit seinem Abteilungsleiter Schatz gebeten wird. Der eröffnet ihm, dass ein irakischer Chemie-Ingenieur namens Rafid Ahmed Alwan, der in der Bundesrepublik um Asyl angesucht hat, behauptet, substanzielle Informationen bezüglich Saddam Husseins Biowaffenprogramm, an dem er selbst mitgearbeitet habe, liefern zu können. Eine erste, flüchtige Überprüfung der auf Video aufgenommen Aussagen wecken jedoch Zweifel bei Wolf. Zwar existiert das Gebäude jener Regierungseinrichtung, für die Alwan tätig gewesen sein will, doch der Name, den der Ingenieur dafür angibt, ist – wie Wolf sofort erkennt – schon einmal falsch. Die leisen Zweifel des Experten zerstreut sein Vorgesetzter Schatz, der mit diesem Informanten endlich einmal einen Vorsprung gegenüber der CIA in der Hand zu haben glaubt, mit einem eindringlichen „Hören Sie auf ihr Bauchgefühl.“

Wolfs Ehrgeiz, jene biologischen Waffen, von deren Existenz er schon immer überzeugt war, doch noch aufzuspüren, ist geweckt, er führt die Befragung von Rafid Ahmed Alwan also persönlich durch. Der bleibt jedoch zunächst eher vage in seinen Aussagen, fürchte er doch um seine Sicherheit, er müsse zunächst aus dem Asylwerberheim verlegt werden, um vor Repressalien durch den irakischen Geheimdienst geschützt zu sein. Der BND richtet Alwan prompt eine Wohnung ein, doch obwohl Wolf auf zwischenmenschlicher Ebene durchaus eine Verbindung aufbauen kann, kommt man in der Sache selbst nur schleppend weiter. Die Angaben des Informanten bleiben eher allgemeiner Natur, die Zweifel an seiner Zuverlässigkeit mehren sich. Erst als Wolf ihm einen deutschen Pass verspricht, rückt Alwan mit – vermeintlich – substanziellen Angaben heraus. Die Biowaffen würden mittels mobiler, auf Lastwagen befindlicher Herstellungsanlagen fabriziert, so hätte man sie auch vor allen Kontrollen verbergen können.

Hier etabliert Nabers Inszenierung jenes verhängnisvolle Muster, das sich im Verlauf der Affäre auch bei höchsten politischen Entscheidungsträgern wiederfinden sollte. Nicht, dass Arndt Wolf keine Zweifel an der Verlässlichkeit seines Informanten hätte. Doch dann finden sich immer wieder Teile in dessen Aussagen, die gut zu dem von Wolf gewünschten Narrativ passen. Also werden diese Teile immer stärker betont, ihnen immer mehr Bedeutung zugemessen, so dass die fragwürdigen Seiten immer weniger wichtig erscheinen – und irgendwann kommt der Zeitpunkt, an der man die eigene, gewünschte Erzählung auch deshalb glaubt, weil man sie unbedingt glauben will und für Zweifel kein Platz mehr ist. Alwans Information sorgt zunächst für Hochstimmung beim Bundesnachrichtendienst, man versichert sich noch gegenseitig, welcher große Coup hier gelungen sei. Doch nach und nach stößt Wolf auf unleugbare Fakten, die Alwan als großartigen Fabulierer erscheinen lassen, dessen Umgang mit der Wahrheit aber höchst fragwürdig ist. Dem BND ist die Angelegenheit zuvorderst peinlich, man ist bemüht, die Sache unauffällig unter den Teppich zu kehren.

Bis dahin könnte man die ganze Geschichte für eine jener Merkwürdigkeiten halten, die sich im Umfeld der manchmal etwas bizarr erscheinenden Welt der Geheimdienste abspielen. Doch dann ereignen sich die Anschläge von 9/11, womit die Farce zu einer Tragödie werden sollte. Nachdem Präsident George W. Bush den „War on Terror“ erklärt und den Irak unter Saddam Hussein als der „Achse des Bösen“ – dass von den 19 Atten-tätern 15 Bürger Saudi-Arabiens und keiner einer des Irak war, spielte in diesen Überlegungen keine Rolle mehr – zugehörig erklärt hatte, kam „Curveball“ wieder ins Spiel.

Gamechanger

Als Leslie Shearer im Auftrag der CIA wieder Kontakt zu Arndt Wolf aufnimmt, um Zugang zu dem Informanten zu bekommen, ist Wolf zunächst erstaunt darüber, dass der US-Geheimdienst sich einer so unzuverlässigen Quelle zu bedienen gedenkt. Sein Erstaunen wird umso größer, als er erfahren muss, dass in Deutschland vom BND bis in die obersten Ränge der Politik die mangelnde Vertrauenswürdigkeit „Curveballs“ bekannt ist, man jedoch – offenbar um sich nicht zu blamieren – den Geheimdiensten befreundeter Staaten diese Information vorenthalten hat. Zwar stuft die CIA Rafid Alwan auch nicht als verlässliche Quelle ein, aber seine Angaben über das vermeintliche  Massenvernichtungswaffenprogramm des Irak passen nun zu gut – für den US-Geheimdienst ist er sogar der „Gamechanger“ – in jenes Narrativ, das ganz in Richtung Krieg geht. Dass etwa Alwans Skizzen der mobilen Anlagen eher schlicht erscheinen, stört nicht weiter: „Simple is perfect, people love simple stuff“ merkt ein hochrangiger CIA-Mitarbeiter ein wenig süffisant an. „Curveballs“ Angaben zählen zu den zentralen Belegen in jener Rede des US-amerikanischen Außenministers Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat im Februar 2003, in der er eindringlich vor den Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins und dem damit einhergehenden Bedrohungspotenzial für die Weltgemeinschaft warnte. Wenige Wochen später sollte der Zweite Irak-Krieg seinen Lauf nehmen.

Johannes Naber setzt Curveball zunächst als geradezu klassisch anmutenden Politthriller mit behutsam aufgebauten, dialogintensiven Sequenzen in Szene. Dass der Spannungsgehalt stets hoch bleibt, ist umso bemerkenswerter, als die zumindest die Grundzüge der Geschichte einigermaßen bekannt sein dürften. So hat etwa Matthias Bittner in seinem formidablen Dokumentarfilm Krieg der Lügen – Curveball und der Irakkrieg (2014) aus mehr als 50 Stunden Interview-Material mit Rafid Ahmed Alwan ein Psychogramm jenes Mannes gefertigt, der das Spiel mit Wahrheit und Lügen so perfekt beherrschte, dass sich damit ein Krieg entfachen ließ. Geschuldet ist die hohe Stimmigkeit von Curveball aber auch den schauspielerischen Leistungen, angeführt von Sebastian Blomberg und Dar Salim, der Rafid Alwan verkörpert. Naber setzt einen bemerkenswerten atmosphärischen Kontrapunkt, indem er in jenem Teil, in der die Geschichte eigentlich in Richtung Tragödie tendiert – je nach Schätzung forderte der Irak-Krieg zwischen 115.000 und 600.000 Opfer, der überwiegende Teil davon gehörte zur Zivilbevölkerung –  jene Farce betont, die sich beim Hinbiegen der „Wahrheit“ zutrug. So war etwa – wie im Abspann von Curveball hingewiesen wird – im deutschen Kanzleramt bereits im Jahr 2000 hinlänglich bekannt, dass etliche Aussagen des Informanten erfunden waren. Colin Powell, vor seiner politischen Laufbahn ein Vier-Sterne-General der US-Army, räumte zumindest ein, dass sein Auftritt vor dem Sicherheitsrat, bei der er letztlich nicht haltbare Behauptungen aufgestellt hatte, ein Schandfleck in seiner Karriere gewesen sei. Und er gab zu, dass zumindest einige CIA-Mitarbeiter schon über die mangelnde Verlässlichkeit ihrer Informationsquellen Bescheid gewusst hätten.

Mit dem kongenialen Changieren zwischen Politthriller und Groteske macht Curveball aber auch deutlich, wie stark der – zurückhaltend formuliert – lockere Umgang mit der Wahrheit mittlerweile Einzug in die politische Kommunikation gehalten hat. Steve Schmidt, Kommunikationsberater und führender Stratege im Team von John McCain bei dessen Präsidentschaftswahlkampf 2008, beschreibt das mit Blick auf Donald Trump, aber auch durchaus allgemein gültig, wie folgt: „Wahr ist, was der Anführer sagt: Damit wird die Trennlinie zwischen Wahrheit und Lüge aufgelöst. Aber diese Trennung ist entscheidend für eine funktionierende Demokratie. Die Zersetzung dieser Institution schwächt unser System.“ Eine Gefahr, die nicht nur jenseits des Atlantiks besteht. Wie lautet etwa der Name jenes mitteleuropäischen Staates mit knapp neun Millionen Einwohnern, dessen Regierungschef zu Beginn der Coronakrise davon sprach, dass  bald jeder jemanden kennen würde, der an Corona gestorben sei, um damit die Stimmung für drakonische Maßnahmen entsprechend aufzubereiten?

Da passt jenes Resümee, das Arndt Wolf am Schluss von Curveball zieht: „Was sind wir ohne das Ringen um Wahrheit? Die Wahrheit löst sich auf – und alle finden es normal.“