Filmfestival

Vom Wohnzimmer in die Welt

| Günter Pscheider :: Jakob Dibold |
Wegen der allseits bekannten Umstände musste das ohnehin schon auf November verschobene Internationale Filmfestival Innsbruck in letzter Sekunde auf Online-Betrieb umstellen.

Ein Filmfestival lebt – noch mehr als der reguläre Kinobetrieb – vom gemeinsamen Erlebnis Kinobesuch, der regen Kommunikation mit den Filmgästen und dem Sprechen über das Gesehene. Auch wenn der Fernseh- oder Computerbildschirm die große Leinwand keineswegs ersetzen kann, der Vorteil am notwendigen Übel ist immerhin, dass jeder sein eigenes Festival kuratieren kann und nicht an bestimmte Zeiten und Besucherkapazitäten gebunden ist. Hoffentlich haben viele das liebevoll zusammengestellte Streaming-Angebot genützt, um sich zumindest zu Hause mit Familie oder der erlaubten Anzahl von Freunden auf eine filmische Reise in weniger bekannte Kinoregionen zu begeben.

Die zwölf streambaren Filme repräsentierten perfekt die Ausrichtung des Festivals, das wie immer seinen Fokus auf in den Kinos selten gezeigte Filme aus Afrika, Lateinamerika oder Asien richtete. Mehrheitlich wurden Filme von Regisseurinnen und Regisseuren gezeigt, die selbst aus diesen Regionen stammen, und wenn westliche „Outsider“ von eher unbekannten Winkeln der Welt wie Tadschikistan berichten, dann immer mit dem nötigen Respekt vor der Kultur und der Würde der Protagonisten. Das mit dem Blick von außen ist schließlich immer ein zweischneidiges Schwert, wie in African Mirror subtil und intelligent aufgezeigt wird. Der koloniale, herablassende Gestus des Schweizer Dokumentarfilmers Rene Gardi (1909-2000) ist trotz seiner offensichtlichen Sympathie für die „edlen Wilden“ seinen Bildern und vor allem Kommentaren immanent. Eine Rarität, die man nun online sehen konnte, ist das erste Meisterwerk von Ousmane Sembène: La Noire de… (1966) erzählt in kargen Bildern die einfache Geschichte der Fortführung der Sklaverei mit ökonomischen Mitteln anhand des Selbstmordes einer Senegalesin, die in Frankreich als Dienstmagd ausgebeutet wird. Die nicht immer einfachen Lebensumstände im heutigen Angola werden in Fradiques Ar Condicionado – in Innsbruck mit dem Preis für den besten Spielfilm bedacht – mit lakonischem Humor auf der Odyssee eines Klimageräte-Reparateurs deutlich; wie sehr die gesellschaftlich verankerte Gewalt in Mexiko am Durchschnittsmenschen zehrt, deutet La Paloma y el Lobo in der betörend-verstörenden Zerrissenheit eines Liebespaares an.

Feelgood-Movies sucht man überhaupt vergebens im Online-Programm, aber es ist auch uplifting, wie die fast durchwegs starken, oft auch weiblichen Protagonisten mit Armut und Unterdrückung fertig werden und mit welcher Kraft und Energie sie versuchen, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Wobei das oft nur mittels kaum vorstellbarer Opfer gelingt, wie in A Rifle and a Bag (Special Mention im Dokumentarfilmwettbewerb), wo ein ca. fünfjähriges Mitglied einer der untersten Kasten in ein Internat geschickt wird, wo schon die Kleinsten einer militaristischen Gehirnwäsche unterzogen werden. In A Febre steht wiederum im Vordergrund, wie sehr es Vater Justino an die psychischen wie physischen Grenzen bringt, einerseits so zu wirtschaften, dass seiner Tochter das Medizinstudium möglich wird, andererseits auch, sie dann tatsächlich ziehen zu lassen. So verschieden die Landschaften, die Kulturkreise auch sein mögen, überall gehören Mobiltelefone bereits zum Alltag auch der jüngsten Familienmitglieder, auch wenn kaum genug Geld für Nahrung und Kleidung vorhanden zu sein scheint, wenn in der trockenen Hochebene von Murghab geschmolzene Eisblöcke als Trinkwasser verwendet werden. Aber wie soll man sonst mit den entfernten Verwandten oder dem eigenen Sohn in weit entfernten Orten Kontakt halten?

In vielen Filmen prallen mittelalterliche Lebensbedingungen und moderne Ausbeutungs- und Kommunikationsstrategien ungefiltert aufeinander und sorgen dafür, dass sich das Publikum nicht nur Gedanken über den Zustand der Welt, sondern auch über die eigene Lebensweise macht, die natürlich Auswirkungen auf viele Protagonistinnen und Protagonisten der Filme hat. Geradezu exemplarisch dafür auch die Misere, die der 80-jährigen Hauptfigur des hypnotischen This Is Not a Burial, It’s a Resurrection an ihrem Lebensabend widerfährt: Nachdem der eigene Sohn verstirbt, kämpft sie im Alleingang für die Planung ihres eigenen Begräbnisses – schon bald jedoch auch gegen die geplante Delogierung ihres Heimatdorfes, das einem Stausee weichen soll.

Das IFFI macht es durch die Vielfalt seines Programms möglich, solche globalen Strukturen und Zusammenhänge zu erkennen und zu überdenken. Das geht natürlich auch vom Wohnzimmer aus, trotzdem hoffen wohl sowohl das Publikum als auch das Team rund um die neue Festivalleiterin Anna Ladinig, dass das Festival in nächsten Jahr wie geplant vom 19. bis 24. Mai wieder in den Kinosälen stattfinden kann. Davor werden zumindest die Siegerfilme 2020 – neben den erwähnten sind dies Parwareshgah (The Orphanage) (Südwind-Filmpreis) und Chão (Landless) (Sieger Dokumentarfilmwettbewerb) – planmäßig noch in ausgewählten Innsbrucker Kinos laufen.

www.iffi.at